rtf-radmarathon.de
<< Kapitel 4 Übersicht
Kapitel 5 Der Freitag

DER FREITAG

"Es ist 5:30 Uhr, Monsieur." Zum ersten Mal auf dieser Fahrt muß ich geweckt werden. In aller Ruhe erledige ich die morgendlichen Routineaufgaben und rolle um 6:38 in vollem Ornat und mit gefüllten Flaschen vom Hof. Dem Morgen graut, mir aber nicht. Es ist heute noch ein Katzensprung von gut 140 km zu fahren.

Die Schlußzeiten der Kontrollen sind für eine Startzeit von 21:30 Uhr angegeben. Da ich um 22:10 Uhr gestartet bin, darf ich 40 Minuten dazugeben und kann mir für Dreux bis 11:20 Uhr Zeit lassen. In den vergangenen Tagen sind Gerüchte über eine Verlängerung der Öffnungszeiten durch das Fahrerfeld gegangen. Gestern hat dann an der Geheimkontrolle die offizielle Ankündigung ausgelegen, daß die bekannten Zeitgrenzen von 80/84/90 Stunden unverändert gelten. Ich will garnicht erst auf eine Verlängerung in Dreux spekulieren, dann bin ich auf der sicheren Seite. Jedwede Verspätung müsste ich ja doch wieder aufholen.

Der Tag beginnt mit einer Abfahrt. Vor Longny gibt es aber noch mehrere Gegensteigungen, ehe ich in den Ort hineinrolle. Nach fast 20 km ist es nun hell und ich kann meine Leuchtschärpe ablegen und die letzten Lichter (Helmlampe, Rücklicht) ausschalten. Auf dem Herweg war es bis hierher leidlich eben. Der Rückweg ist aber nicht der Herweg! In Richtung Marchainville ist noch ein Hügel eingebaut, so daß ich mehrere Kilometer weit leicht aufwärts fahren muß und dann wieder kilometerweit rolle. Jetzt erst bin ich auf der Geraden und rolle locker dahin.

Ich überschlage meine Situation: die Zeit reicht. Selbst mehrere Defekte könnte ich locker wegstecken. Zwar nervt der wunde Po doch etwas, aber das kann ich abwechselnd ertragen und ignorieren. Schöner wärs natürlich ganz ohne Sitzprobleme. Alles andere, Hände, Füße, Knie, Sehnen, Genick, ist im grünen Bereich. Ich bin gut drauf, wie wenn es völlig normal wäre, daß ich über etliche Tage von frühmorgens bis spätabends Rad fahre. Ja nun, das ist es doch schließlich auch, oder? An jedem Wochenende im Sommer tue ich nichts anderes. Nur geht das jetzt eben noch ein, zwei Tage länger. Das einzige, was mich jetzt noch bremsen könnte, wäre ein Defekt, der mit Bordmitteln nicht zu beheben ist. Und selbst dafür gibt es im Fall des Falles eine Zeitgutschrift von den Offiziellen. An einen Sturz oder gar etwas Schlimmeres denke ich nicht. Erst viel später werde ich erfahren, daß in der Gegend von Villaines ein italienischer Teilnehmer eine Herzattacke erleidet und trotz sofortiger Hilfeleistung nach fünf Wochen im Koma verstirbt.

Etwa eine Stunde vor Dreux suche ich mich durch eine etwas knifflige Ortsdurchfahrt. Mehrere Fahrer haben an der Seite angehalten, um sich zu versorgen, unter ihnen entdecke ich Peter den Bergfloh. Ich frage, wie es ihm geht, und erfahre: Knieprobleme, eine Achillessehne schmerzt. Zeitweise wird er einbeinig fahren. Das hört sich nicht gut an. Ich beschließe, mit ihm zu fahren. Von diesem Punkt an habe ich wieder ein Ziel: Peter soll es schaffen. Viel helfen kann ich ihm eigentlich nicht, außer bei ihm zu bleiben.

Auch das nächste Stück ist flach bis leicht wellig, das kommt Peter entgegen. Ich fahre an seiner Seite, was mir keinerlei Probleme bereitet, im Gegensatz zu Dienstagabend, als ich ihn zuletzt sah. Dabei erzähle ich ihm alle Witze, die mir einfallen, und gehe ihm auf die Nerven, so gut ich kann. Das lenkt ihn von den Schmerzen ab, die er unzweifelhaft hat.

Die Strecke führt um Dreux herum, dann einen ganz kurzen Anstieg hoch und noch ein Stück weiter. Dann haben wir den letzten Etappenort erreicht. Wieder ein riesiger Fahrradparkplatz, viele Reihen von langen Geländern mit angelehnten Rädern. Wir finden zwei freie Plätzchen und gehen hinein. Stempeln, Essen fassen, Toilette, Flaschen auffüllen. Ein bekannter norddeutscher Randonneur, hochgewachsen mit weissem Schnauzer, ist auch am Ort und verteilt mentale Unterstützung an alle, die er anhand ihrer Trikots als die Seinen erkennt. Schließlich wollen Peter und ich weiter und gehen nach draußen. Wo in *zensiert* Namen haben wir vorhin unsere Räder geparkt? Wir müssen die Reihen ablaufen, um unsere fahrbaren Untersätze zu finden. Ehe wir abfahren, erzählt Peter noch eine lustige Geschichte, wie er einst sein Auto auf dem Parkplatz bei seiner Arbeitsstelle gesucht hat.

Es geht ein kleines Stück aufwärts. Nachfolgend eine Abfahrt, auf der Peter mir leicht davon rollt. Die Kette geht nicht auf das größte meiner drei Blätter. Der ganz große Mechaniker bin ich nicht, wie wir schon gesehen haben. Ich denke immer in Richtung "Umwerfer verstellt" und habe schon versucht, den Anschlag zu justieren, ohne bleibenden Erfolg. Erst Wochen später werde ich feststellen, daß ich eine Schraube locker habe. Am Umwerfer (Was habt Ihr jetzt gedacht? ...) und das Problem wird im Handumdrehen behoben sein. Im Moment aber fahre ich ohne großes Blatt, und Peter rollt mir weg. Das beunruhigt mich nicht wirklich, denn ich weiß, daß ich ihn mir jederzeit holen kann, und daß ich eher früher als später wieder bei ihm bin.

Es geht sogar noch schneller, als ich erwartet habe. Schon im nächsten Ort steht er an der Seite. Zu den bisherigen Problemen sind noch Genickschmerzen gekommen. Er schneidet die Stirnlampe vom Helm ab, die wird er auf dieser Fahrt nicht mehr brauchen. Jedes bischen Gewicht hilft. Zwei, drei langsame Kilometer, und wir stehen wieder. Randonneurspause. Wieder weiter. Allmählich beginne ich nun doch auf die Uhr zu sehen. Wir haben zwar viiiiel Zeit, aber wenn wir alle Red stehenbleiben, ist die Zeit irgendwann abgelaufen. Dann geht es aber doch Ort um Ort weiter, und wir erreichen Gambais. Hier ist der Rückweg wieder mit dem Herweg identisch.

Das führt dazu, daß Peter sich jetzt die Cote de Gambais hochquälen muß. Sie ist weder lang noch steil, gemessen an Ötztaler-Kategorien. Für jemanden, der zu kämpfen hat, ist sie aber ein Scharfrichter, von Zuschauern gesäumt, die Kuhglocken läuten. Oder habe ich die halluziniert? In der Folge warten weitere Anstiege und Abfahrten. Ein Landsmann gesellt sich jetzt zu uns, jedoch müssen wir gelegentlich auf Peter warten, so daß unser dritter Mann irgendwann wieder weg ist. Peter teilt mir mit, daß er seine Räder verkaufen wird. Er hat vor, seinen Account hier zu löschen und den Kontakt mit allen abzubrechen, die ihn ans Radfahren erinnern. (Drei Wochen später wird er mit mir den Radmarathon in Sundern fahren.)

Nach etwa einer weiteren Stunde stehen wir dann tatsächlich vor den Toren von St.Quentin-en-Ivelines. Per Handy informiere ich meine Frau, daß wir im Anrollen sind. Nun ist noch die Stadt zu durchqueren. Am Montagabend war das noch ein Schweben durch eine Galerie johlender Zuschauer. Jetzt ist es eine funktionelle Stadt mit Verkehr und Ampeln. Zu unserem Empfang ist rote Welle geschaltet. Es ist für Peters Achillessehne eine Wohltat, immer wieder aus dem Stand anzufahren, deshalb bleibe ich vor roten Ampeln ein kleines Stück zurück. Beim Umschalten gebe ich dann Stoff und fahre auf Peter auf, indem ich den rechten Arm ausfahre und ihm meinen Schwung mitgebe. Nach den Impulsregeln kann ein leichter Körper einem schweren nicht wirklich viel Impuls geben, aber wenig ist besser als nichts. Dann passiert doch noch, was auf den 1220 km davor nicht passiert ist: wir verfahren uns, weil an einem Kreisel kein Schild hängt. Der Irrtum wird aber nach 100 Metern bemerkt und korrigiert.

Wir erkennen jetzt die Umgebung: es ist die Avenue du 8 Mai. Wir sind da. Peter legt mir den Arm um die Schulter, ich muß mich mächtig strecken, um die Geste zu erwidern. So fahren wir, unter dem Beifall der jetzt noch anwesenden Zuschauer, in den Rond Point des Saules ein.



Jetzt noch um den Kreisel und hinter die Schule zum Fahrrad-Abstellplatz. Runde 89 Stunden nach dem Start steigen wir von den Rädern, schütteln Hände, nehmen Glückwünsche entgegen und beglückwünschen Kameraden, die schon da sind. Frank und Gabi, Helmut aus Velbert, Peter Zinner aus Düsseldorf, der 68 Stunden gefahren ist. Er hat gleich den Dämpfer für mich parat: "Manfred, mit Dir habe ich ehrlich nicht mehr gerechnet." Peng. Ok, er fährt ja in einer anderen Liga, aber wo hat er so ein schlechtes Bild von mir gewonnen, daß er denkt, ich komme nicht mal an? Später wird er abschwächen: es haben ja so viele abgebrochen bzw. sind nicht in der Zeit. Vielleicht kann ich ihm, einem starken und ehrenhaften Randonneur, im Lauf der Jahre einprägen, daß er mit mir zu jeder Zeit rechnen muß.

Wir stehen in der Halle an, um auszustempeln. Später wird man uns eine Viertelstunde fürs Anstehen gutschreiben. Meine Frau, die uns draussen fotografiert hat, ist nun auch in die Halle gekommen und begrüßt uns. Ich bin geistig noch garnicht richtig angekommen, habe den Kontrast zwischen Paris-Brest-Paris Fahren und dem normalen Leben noch nicht verdaut. Das großartige Erlebnis hat mich noch im Bann, und das wird noch eine ganze Weile so bleiben.

Peter muß noch 10 km zu seinem Zeltplatz fahren. Ich widme mich nun noch ausgiebig Frau und Hund, gehe zwischendurch duschen und treffe am späteren Nachmittag noch Ivo, der in der Zwischenzeit per Eisenbahn gekommen ist. Er erhält noch seine Lampe samt Batterien zurück, die die Tour absolviert hat. Ihm selbst war es in diesem Jahr nicht vergönnt. Ivo, Kopf hoch, auf ein Neues in 2011!

Für mich wird es nun auch vier Jahre dauern, ehe ich wieder hier am Start stehen kann, so Gott will und ich lebe. Den Beginn dieser langen Wartezeit begehe ich mit Essen und Schlafen.

ENDE oder Epilog folgt (vielleicht)



Zuletzt geändert von Administrator (admin)  am 07 Aug 2012  um 14:42:49
<< Kapitel 4 Übersicht
Drucken

Inhalte, Konzept und Umsetzung: Hermann Dirr, Templates: intwerb.de