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Kapitel 4 Der dritte Tag

DER DRITTE TAG

Ich wache auf, weil mir kalt ist auf der Pritsche, so nackt unter der Decke. Wieder ist es kurz vor fünf. Die guten Leute in Loudéac haben keine Chance, mich zu wecken, weil ich ihnen jedesmal vor der Nase wachwerde. Von meinen Klamotten, in der Nacht zum Trocknen ausgelegt, suche ich die heraus, die am wenigsten feucht sind, und nehme ein ausgiebiges Frühstück zu mir. Meine Morgentoilette ist der morgendliche Gang zur Toilette. Hoffentlich gibts keine allzu empfindlichen Nasen.

Bevor ich schließlich vom Hof rolle, ist die Startroutine ergänzt worden. In der Nacht habe ich die Batterien aus Ivo's immerhellen Lampe geschraubt, um sie zu schonen. Vor Fahrtantritt setze ich sie wieder ein, und simsalabim! habe ich Licht. In der Ausfahrt herrscht immer noch Gegenverkehr, vereinzelte Fahrer kommen noch aus Richtung Brest herein. Die haben jetzt nicht mehr viel Zeitreserve. Die habe ich auch nicht, aber es macht einen Unterschied, ob ich ausgeschlafen und abgefüttert aufs Rad steige oder gerade eben von einer Nachtfahrt eintreffe. Beim Anziehen im Nebenraum der "Rezeption" habe ich mitbekommen, daß frisch eingetroffene Fahrer einen Schlafplatz gebucht haben. Für eineinviertel Stunden. Mehr ist nicht drin, sonst wird es sehr eng für die nächste Kontrollzeit. Ob dieser wenige Schlaf wohl reichen wird?

Meine Richtung ist jetzt Paris, nicht mehr Brest wie am Vortag. Wie erwartet ist es noch dunkel, und es nieselt. Ich verlasse den Ort, den ich niemals im hellen Tageslicht gesehen habe, und rolle locker die terassenförmige Abfahrt hinunter, über die ich mich am Dienstagabend mit meiner kleinen Gruppe hinaufgekämpft habe. Überhaupt spule ich jetzt all die Kilometer rückwärts wieder auf, die ich am Dienstag abgespult habe. Tagesziel soll Mortagne au Perche sein.

In La Cheze, nach 10 Kilometern, beginnt die Morgendämmerung. Wo es am Dienstag abwärts gegangen ist, geht es nun aufwärts, und umgekehrt. Einen nach dem anderen, ohne Hast, nehme ich die Ortsnamen von vor zwei Tagen wieder mit, nur jetzt in der umgekehrten Reihenfolge. Ich fahre einen stetigen Rhythmus und nehme die Eindrücke der ringsumher liegenden Landschaft in mich auf. Das einzige, was mich schon seit dem Vortag stört, ist mein Ar***. Da wo die Sitzknochen auf dem Sattel sitzen, wird das dazwischenliegende Bindegewebe und die Haut malträtiert, das ist ein französischer Ausdruck, also passend zum Land, und heisst "schlecht behandelt". Vor jedem Losfahren schmiere ich die Sitzfläche, besonders die Druckstellen, mit Sitzfett ein und nach jeder Ankunft mit einer Handcreme, die Ringelblumenextrakt enthält. Was für die Hände gut ist, wird auch dem Ar*** nicht schaden. Gestern abend habe ich zudem einen Riss an der Innenseite vom Sack festgestellt. Den hab ich dann auch gut eingecremt und heut morgen gefettet. Zumindest diese Problemstelle hat sich dann im weiteren Verlauf der Fahrt gegeben.

Wie schon auf dem Herweg, hört der Niesel irgendwo und irgendwann ganz unauffällig auf, ohne daß mir dieser Übergang bewusst geworden wäre, und macht einem trüben, grauen Tag Platz. Wie wenn es den gestrigen Tag mit Sonnenschein und einer gewissen Wärme nie gegeben hätte. Die Strecke zieht an mir vorbei, ein Kilometer kommt nach dem anderen. Inzwischen habe ich gehalten, um die Batterien aus der Lampe zu nehmen und sie dadurch auszuschalten. Ein weiterer kurzer Stop wird von der zweiten Geheimkontrolle verursacht. In Tinteniac nehme ich wiederum nur den Stempel mit und fülle die Flaschen auf. Ich weiß, daß die Etappe nach Fougeres nicht lang und nicht allzu schwer ist.

Nachdem ich den Anstieg aus Tinteniac überwunden habe, schaffe ich es noch eine Kreuzung weit, dann kommt der zweite technische Ausfall auf meiner Tour. Mein Tacho zeigt einige Minuten lang abwechselnd mal null, mal Fantasiewerte zwischen 1,9 und fast 100 km/h an, dann kommt nur noch verbissenes Schweigen. Ich schalte die Aufzeichnung ab. Wahrscheinlich ist auch hier Wasser irgendwo hingekrochen und hat die Elektronik lahmgelegt. Ab hier habe ich keine Aufzeichnungen mehr von der Fahrt. Erst Tage später wird das Gerät wieder seinen Dienst aufnehmen, als wäre nichts gewesen.

Ein Stück weiter fahre ich auf Gaby und Frank auf. Sie fahren einen sehr ruhigen Rhythmus. Erstaunlicherweise bin ich geringfügig schneller und so kommt es nur zu einer kurzen Unterhaltung, ehe ich wieder allein auf der Strecke bin. Das nächste Erlebnis, an das ich mich erinnere, erzähle ich hier, es geschah ganz kurz vor einer Kontrolle, bereits in der Stadt. Vielleicht war es hier, in Fougeres, vielleicht auch an einem anderen Tag, an einem anderen Kontrollort. Zwei Richtungsfahrspuren führen leicht abwärts, ich fahre auf der linken Spur, rechts fährt ein PKW. Wir kommen zu einem Zebrastreifen, der PKW muß halten, Fußgänger haben bereits begonnen, den Überweg zu queren, ich muß ebenso anhalten.

Drei Randonneure, die hinter mir kommen, sind wohl dafür zu schnell. Vielleicht sind sie schon zu sehr daran gewöhnt, daß uns hier überall nicht nur der Weg gezeigt, sondern auch respektvoll Platz gemacht wird. Zwei von ihnen brausen, wusch! wusch! "Pardon!" "Pardon!" mitten durch die verdutzten Passanten. Der dritte zieht alle Eisen und fährt mir hinten ins Rad. Also Randonneure gibts ... ich schlucke hinunter, was ich sagen will, weil solche Worte sich für einen Randonneur nicht gehören. Außerdem bin ich zu faul, darüber nachzudenken, in welche Sprache ich "Vollpfosten" übersetzen müsste.

Und wieder bin ich in der großen Halle, in deren Hintergrund der Verkauf und der Mechaniker am Wirken sind. Nur kurz überlege ich, ob ich ihm, falls er da ist, Ivos Lampenkonstruktion zeigen soll, auf die er nicht gekommen ist (ich aber auch nicht). Dann verwerfe ich den Gedanken. Er und seine Kollegen an den anderen Kontrollen opfern ihre Zeit für uns Teilnehmer, da sind andere Massstäbe angebracht als in der Fachwerkstatt, wo ich pro Mechanikerstunde viel Geld hinlege.

Statt dessen halte ich bei der Ausfahrt wieder am Restaurant. Hier beweist man Lernfähigkeit: heute sind zwei Kassen besetzt, ich bin vergleichsweise schnell durch und habe Lasagne auf meinem Tablett, mein Lieblingsgericht!!! und einen Salatteller, der mich angelacht hat. Am Tisch sitze ich mit Italienern zusammen, die nur ihre Landessprache sprechen. Trotzdem bringe ich so etwas wie eine Unterhaltung zustande und meine zu verstehen, daß in Italien ein Superbrevet über 1.600 km gegeben wird. Mit dieser Information und gesättigt gehe ich ohne Hast auf die nächste Etappe.

Irgendwo auf diesem Abschnitt soll La Tanniere liegen, der Ort mit der Garage und den vielen Ansichtskarten. Aber anscheinend ist La Tanniere hier überall und die berühmte Raststelle nirgends oder ausser Betrieb, jedenfalls kann ich sie nicht identifizieren. Diesen berühmten Halt hätte ich wahrgenommen. Ansonsten ist es mir fast peinlich, an den vielen Verpflegungsständen der Einheimischen vorbeizufahren. Aber wenn ich überall anhalten soll, komme ich nicht von der Stelle.

Mir fehlt es auch an nichts, allenfalls hätte ich, unter anderen Witterungsbedingungen, zwischen den Kontrollen Wasser nachfassen müssen. Es ist im Hinblick auf zukünftige, eventuell trocken-heisse Austragungen dieser Fernfahrt, beruhigend zu wissen, daß ich wohl nicht verdursten werde. Heute aber, an diesem trüben und kühlen Tag, muß ich mich fast zum Trinken zwingen. Für einen Pfälzer erstaunlich, könnte man sagen. Aber auf Wasser reagieren fast alle Pfälzer so.

Also entfällt La Tanniere. Dafür rollt es ausnahmsweise ein längeres Stück, bis ich wieder in Ambrieres-Les-Vallees bin. Ich erinnere mich: vallee heisst Tal. Wenn man ein Tal verlässt, geht es? richtig: aufwärts. Und das gleich mehrmals hintereinander. Das sind mehr als Wellen, und der letzte Hügel, hinter Le Ribay, ist schon ein richtiger Anstieg zum Hochklettern. Auf der anderen Seite, jetzt also in der Abfahrt, stand vor zwei Tagen die Aufschrift, daß noch 1000 Kilometer zu fahren seien. Folglich habe ich hier genau diese Distanz hinter mir. Aus der schönen Abfahrt heraus komme ich an die Einmündung beim Croix Barbè, wo ich seinerzeit so scharf aufgepasst habe, um nur ja diesen Abzweig mitten in der Prairie nicht zu verpassen. In wenigen Kilometern bin ich in Villaines. Nur daß dieses kurze Stück so viele Wellen hat, das habe ich garnicht so in Erinnerung.

Und wieder erlebe ich das Volksfest an dieser Kontrolle. Dieses Mal entscheide ich mich dazu, etwas zu essen, denn allzu gut ist mir in Erinnerung, wie weit sich am Dienstag das Stück von Mortagne nach Fougeres mit leerer werdendem Magen gezogen hat. Und mir dämmert, daß Mortagne wohl oben auf einem Berg liegt.

Zunächst aber muß ich die Höhe dieses seltsamen Plateaus gewinnen, wo mich Wolfi überholt hat. Beim Abfahren komme ich mit einem Teilnehmer aus Schleswig-Holstein zusammen. Von ihm erfahre ich, daß Heino Harms hat abbrechen müssen. Der Veranstalter von Hamburg-Berlin-Köln-Hamburg ist zuvor schon krank gewesen und wohl in angeschlagenem Zustand gestartet. Hmm ja, was hätte ich wohl getan, hätte ich es nicht auch wenigstens versucht? Auf jeden Fall kann ich nachfühlen, wie ihm jetzt zumute ist, habe doch ich im vergangenen Jahr auf seiner Veranstaltung wegen akuter fiebriger Erkrankung abbrechen müssen. Zu zweit vergeht die Zeit wie im Flug, bis wir in La Hutte die Richtung nach Mamers und Mortagne unter die Räder nehmen.

Auf diesen über 20 km zwischen La Hutte und Mamers ist so gut wie nichts. Die Straße zieht sich, rauh und breit und fast gerade, durch eine leere Landschaft und scheint ständig anzusteigen. Der Tag neigt sich, in die Dämmerung hinein mischt sich ein leichtes Tröpfeln. Also anhalten, nachtfein machen: Rücklicht an, Reflexgurt um. Regenjacke? Ein Stück weiter ziehe ich sie, soweit ich mich erinnere, doch an. Jetzt ist es auch Zeit, die Batterien in Ivos Licht zu schrauben, das sofort seinen Dienst zu verrichten beginnt. Dabei treffen wir einen Teilnehmer, der nur noch schieben kann. Seine Achillessehnen spielen nicht mehr mit. Wie weit es denn noch bis Mortagne ist und wann die Kontrolle dort schliesst? Auweh, das schaut nicht gut aus.

Irgendwo vor oder in Mamers schließe ich mich dann einer grösseren Gruppe an. Als wir den Ort und seine Lichter verlassen, ist es dann auch praktisch dunkel. Der große Regen scheint uns zu verschonen, so daß das Fahren nicht so schlimm ist wie am Vortag, dennoch leuchtet mein Licht die Fahrbahn nicht wirklich aus und mit anderen Lichtern vor mir ist mir wohler. Jetzt kommt aber der Perche, mit einem Anstieg nach dem anderen. Habe ich das nicht ganz anders in Erinnerung? Eine Abfahrt, dann praktisch flach? Anscheinend haben sie die Gegend hier in den zweieinhalb Tagen, die seitdem vergangen sind, kräftig umgebaut.

Unsere große Gruppe zerfällt, es finden sich aber immer kleine Grüppchen wieder zusammen, mit denen ich fahren kann. Immer wieder auf, auf, auf, und jedesmal, wenn ich denke, jetzt bin ich im Schlußanstieg, kommt doch wieder ein Stück Gegenabfahrt. Lange Zeit geht das so, dann sehe ich sie über mir liegen, die beleuchtete Stadt auf dem Berge. Noch ein kurzer Anstieg, und ich bin da. Es ist gegen 23 Uhr. Auch diesen Ort kenne ich nur im Dunkeln.

Abendessen, das obligatorische Nudelgericht. Ein Motorradfahrer der ANEC-Staffel geht derweil durch den Raum. Den Motorrad-Polizisten sind die Anforderungen der zurückliegenden Tage mittlerweile ebenso anzusehen wie den Teilnehmern. Unsere Blicke treffen uns, ein wortloser Gruß geht zwischen uns hin und her. Direkt neben meinem Tisch liegt ein Teilnehmer auf dem Boden, die Beine nach oben gewinkelt, und schläft wie eine Mumie. Ich sitze entspannt und gutgelaunt bei meinem Gute-Nacht-Bier und werfe einen Blick in mein Roadbook: wann muß ich morgen in Dreux stempeln? Es gilt eine Balance zu finden zwischen so lange wie möglich schlafen und doch ohne Zeitdruck zur letzten Kontrolle fahren. Schließlich entscheide ich, mich um halb sechs wecken zu lassen, und lasse mir im Schlafraum ein Feldbett zuweisen.



Zuletzt geändert von Administrator (admin)  am 07 Aug 2012  um 14:42:27
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