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Kapitel 3 Der zweite Tag

DER ZWEITE TAG

beginnt um 4:45 in der Couchage von Loudéac. Diese Zeit zeigt jedenfalls mein Handy an, als ich die Augen öffne und auf das Display sehe. In einer Viertelstunde werde ich geweckt, aber nun kann ich auch gleich aufstehen. Heute ist der Tag, an dem ich Brest und den Atlantik erreichen will. Ab da wird die Rückfahrt beginnen, und wenn alles gutgeht, bin ich am Abend wieder hier.

In trockenen Radhosen, mit frischem Unterhemd und ebensolchen Socken verlasse ich den Schlafsaal und suche Toilette und Restaurant auf. Alle anderen Sachen, insbesondere das ARA-Trikot, müssen ihren Dienst vom Vortag wieder aufnehmen. Zum Frühstück gibt es wiederum Nudeln, nur anstelle von Bier wähle ich die braune Koffein-Flüssigkeit aus Atlanta, Omelette ist leider keins mehr da. Bitte nicht fragen, wie ich am Vorabend Nudeln und Omelette mit Bier zu mir nehmen konnte. Hauptsache, es gibt mir die K****, die ich brauche. Auf Brevet darf man nicht zu empfindlich sein.

Ziemlich früh, kurz nach sechs Uhr, rolle ich aus der Kontrolle. Es ist noch stockdunkel, und mein Lichtproblem ist nach wie vor ungelöst. Nur mit dem Itzel-blitzel und mit meiner Stirnlampe, aber wenigstens mit funtionierendem Rücklicht, fahre ich durch die Stadt und hinaus in das dunkle Land, in dem es bald Tag werden wird.

Bereits hier kommen mir vereinzelte Fahrer und (sehr kleine) Gruppen entgegen. Die sind bereits auf dem Rückweg und müssen auch diese Nacht durchgefahren sein! Und wofür? Ich schüttle meinen Kopf. Auch wenn die erste Nacht nicht zu vermeiden war, werde ich nun doch den grössten Teil der Gegend, durch die ich komme, bei Tageslicht sehen und dabei nicht so bleiern müde sein, daß ich nichts davon habe. Noch ist es allerdings Nacht. Das nächste Stück Weg, das ich zuerst erfühle und im wachsenden Licht des Morgens auch sehe, ist böse hügelig. Hier werden richtig Höhenmeter gemacht. Kilometer dafür eher nicht so viele.

Kurz vor St.Martin-des-Pres sammle ich Ivo Miessen ein, bei dem ich in Maastricht Brevet gefahren bin. Trotz einer sehr hinderlichen Verletzung im Vorfeld hat er sich qualifizieren können und ist gestartet. Er erzählt, daß er um drei Uhr in der Früh in Loudéac angekommen ist. Er hat nicht viel Schlaf bekommen. Ich erzähle die Geschichte von meinem Licht. Im Ort gibt es Fourage und wir halten an. Er hat zwei Lampen und leiht mir eine davon - ok, und wie montieren? Wie so oft, hat Ivo eine gute Idee. Das linke Lenkerhorn wird gelöst und nach oben gedreht. Die Halterung der Lampe wird nun seitlich dran befestigt - voila! Man muß nur draufkommen. Ivo will hier einen Aufenthalt nehmen und ich fahre derweil weiter, Dankesworte und alle guten Wünsche zurücklassend. Leider, so erfahre ich später, hat er im weiteren Verlauf aufgeben müssen.

Wenige Kilometer darauf bin ich in Corlay. Hier ist in diesem Jahr die Geheimkontrolle eingerichtet. Ab hier ist es in meiner Erinnerung weniger bergig, oder kommt der Eindruck daher, daß die Straße jetzt breiter ist? Es wellt aber immer noch stetig auf und ab. Weiter und weiter führt der Weg nach Westen. Knapp zwei Stunden danach bin ich in Carhaix-Pluguer, der letzten Kontrolle vor dem Atlantik. Da der Weg noch weit und hügelig werden soll, investiere ich erneut etwas Zeit in die Einnahme einer warmen Mahlzeit.

Auf und ab. Aus Carhaix heraus rolle ich mit einer kleinen Gruppe, bis der Weg rechts von der Hauptstraße abbiegt. Da der Rückweg der Hauptstraße folgt, kommen uns ab hier zunächst keine Fahrer mehr entgegen. Die Straße steigt auch sofort wieder an und ich lasse die Gruppe wegfahren. Vielfach sehe ich am Straßenrand die Spuren, die der Strom der Teilnehmer bis hierher schon hinterlassen hat. Fahrer liegen am Straßenrand, schlafend unter wärmenden Rettungsdecken oder einfach so hingestreckt, wie der Schlaf sie übermannt hat. Andere haben sich für eine Pause hingesetzt, tief in sich versunken und meditierend, wohl über Sinn und zweck des Universums und ihres eigenen Tuns an dieser Stelle desselben. Mehrere Anstiege und Abfahrten muß ich rund um den Ort Huelgoat bewältigen, dann erreiche ich wieder die Hauptstraße und damit den Strom der Entgegenkommenden. Die Straße steigt stetig an und lässt La Feuillee rechts liegen, das höchste Dorf der Bretagne. Ich bin jetzt im Hauptanstieg des Tages, bald ist auf einem kahlen Plateau ein Sendemast zu erkennen: Roc Trevezel, gut 370 Meter über dem Meer, das Dach dieser Tour. Ab jetzt rollt es Brest entgegen.

Ja, denkste. Zunächst mal ist mir ordentlich warm geworden bei diesem Anstieg zur Mittagszeit. Das liegt aber auch daran, daß das Wetter nun vergleichsweise warm und sonnig wird. Aber auch der Wind hat hier, in Meeresnähe, eine Schippe draufgelegt. Er kommt noch immer von rechts, mehr von vorn als von hinten. Viele Kilometer weit geht es mehr oder weniger bergab, aber Brest ist noch weit. Nach und nach gewinnt die Straße wieder an Höhe, und jetzt ist der Wind spürbar. Dann biegt der Weg nach links ab und verlässt den Rückweg, wir haben nun die Straße für uns und für kurze Zeit den Wind von hinten. Da wir auf dem Rückweg ja hier wieder einmünden, heißt das, wir fahren einen Rechtsbogen und drehen dabei später unweigerlich wieder in den Wind hinein. Und irgendwo auf diesem Rechtsbogen liegt Brest.

Bis dahin geht es noch endlos auf und ab. Aber irgendwann am Nachmittag ist auf der Kuppe der letzten Abfahrt die Brücke zu sehen, die nach Brest hinein führt. Von rechts kommt der Fluss her und nach links schaue ich auf das Meer. Mitten auf der Brücke halte ich an. Das ist nicht besonders schwer, denn sobald ich aufhöre zu treten, stehe ich auch schon, der Gegenwind machts möglich. Diesen Moment möchte ich festhalten und knipse mit dem Handy auf den Atlantik hinaus.



Bei der Weiterfahrt habe ich zunächst das Meer zur Linken und freue mich über die frische Seeluft, die wie von selbst in meine Lungen strömt. Hier möchte ich gern bleiben. Aber das wird leider nicht gehen. Es folgt noch ein kräftiger Anstieg durch die Stadt, ehe die Kontrolle erreicht ist. Mittendrin ein schlimmes Bild: ein Auto steht, vorn links beschädigt, die Stoßstange hängt herunter. Was da heftig eingeschlagen ist, ist ein Fahrrad Marke Bianchi, ebenfalls vorn beschädigt. Die Rettung ist schon da und hat den Fahrer abseits der Straße auf eine Trage gebettet. Weitere Einsatzfahrzeuge fahren noch Richtung Unfallstelle, als ich die letzten Meter zur Kontrolle fahre, wo der Unfall bereits bekannt ist.

So kommt es, daß die Stimmung eher nachdenklich als ausgelassen ist. Einige gegenseitige Glückwünsche und ein Freibier von der Organisation (nur eins!) feiern den Umkehrpunkt. Natürlich gibt es wieder ein Nudelessen, dann trete ich gut versorgt und mit vollen Flaschen den Rückweg an.

Von jetzt an haben die Richtungspfeile eine andere Farbe, und anstelle von "aller" steht "retour" darauf. Jetzt geht es nur noch zurück. zunächst durch den Stadtverkehr von Brest mit vielen Ampeln. Danach hat mich das vertraute Auf und Ab der bretonischen Landstraße wieder, nur daß der Wind jetzt von links weht. Es geht schon in den späteren Nachmittag hinein. Carhaix werde ich wohl noch bei Tageslicht erreichen, bis Loudéac wird es aber dunkle Nacht sein.

Nach vielleicht einer Stunde bin ich wieder an dem Abzweig, bei dem ich mittags links abgebogen bin. Was ich nicht erwartet habe: noch immer kommen mir hier und da Fahrer entgegen. Einzeln oder in ganz kleinen Gruppen, zu zweit, zu dritt, kämpfen sich noch immer Teilnehmer Brest entgegen. Während ich schon wieder dem Roc Trevezel entgegen fahre, haben sie noch eine weite Strecke vor sich, ehe sie überhaupt in Brest sein werden. Für sie ist der Kontrollschluß dort, je nach Abfahrtszeit, sehr knapp oder bereits überschritten. Trotzdem fahren sie weiter, kämpfen ihren eigenen Kampf mit dieser Strecke. Wohl wissend, daß sie aus der Zeit fallen werden oder bereits herausgefallen sind, geben sie nicht auf und fahren solange weiter, wie sie sich auf dem Rad halten können.

Im Abendlicht überquere ich den Roc Trevezel und nehme den Applaus einiger Zuschauer mit, die noch immer oben ausharren. Noch Kilometer weiter in der Abfahrt begegne ich dem letzten Fahrer, der sich noch die Steigung hochkämpft. Es ist bereits nach sechs Uhr abends, er wird auf jeden Fall aus der Zeit fallen. Dann erkenne ich die Einmüdung von Huelgoat her, und nun kann mir fürs erste niemand mehr entgegenkommen. Die Hauptstraße mit dem rauhen Asphalt geht tendenziell immer abwärts, bis der Punkt erreicht ist, wo ich auf dem Hinweg abgebogen bin, und steigt dann nach Carhaix an. An der Kontrolle beschliesse ich, doch etwas zu essen, nachdem die Schlangen nicht sehr lang sind. Ich begrüße Karl Weimann, der mit einigen Mitfahrern beim Mahl sitzt.

Nun habe ich nur noch das letzte Teilstück vor mir, mit den heftigen Hügeln in der Endphase. Heute habe ich den Umkehrpunkt erreicht. Nach Plan soll ich am Freitag am Ziel eintreffen. Ich denke darüber nach, daß morgen eine mental schwierige Etappe kommen wird, ohne Wendepunkt oder herausragenden Meilenstein, einfach nur weiter die endlose Straße entlang bis zur nächsten Schlafkontrolle. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht, was mir heute noch bevorsteht.

Nicht lange nach dem Verlassen der Kontrolle beginnt es zu dämmern, und ich halte an, um mich wieder einmal nachtfein zu machen: Rücklicht einschalten, Reflektorgurt anlegen. Die Stirnlampe kann ich während der Fahrt einschalten, sobald das Lesen des Plans auf der Lenkertasche schwierig wird. Ivos Lampe am Lenkerhörnchen lasse ich vorerst noch ausgeschaltet. Aber die Windweste ziehe ich wieder an, und nach kurzem Überlegen auch die Regenjacke. Nach dem warmen und sonnigen Tag hat der Himmel sich zugezogen und beginnt wieder sacht zu tröpfeln.

Immer noch gibt es Zuschauer an der Strecke, deren Ausdauer hinter der der Teilnehmer kaum zurücksteht. Eine Dame hat sich eine ganz bestimme Stelle an der weitläufigen Landstraße zwischen Plouvenez und Corlay ausgesucht. Dort hat sie auf einem Stuhl Stellung bezogen, wünscht allen Vorbeifahrenden eine Gute Fahrt und teilt mir mit, daß ab hier noch genau 500 Kilometer zu fahren sind.

Zu diesem Zeitpunkt herrscht schon späte Dämmerung. Schon vorher hat sich mein Frontlicht im Nieselregen wie von Zauberhand eingeschaltet. Es hat nur einen Schalter, der offenbar der Reihe nach drei Stufen schaltet: Aus, Sparlicht und volles Licht. Anscheinend ist die Lampe nicht ganz dicht und eingedrungenes Wasser hat einen Kontakt überbrückt, jetzt ist sie immer an. Als ich Corlay auf ansteigender Straße verlasse, ist es völlig dunkel und aus dem Nieseln ist strömender Regen geworden. Jetzt ist es Zeit, anzuhalten und den Lichtstrahl auszurichten, was bei der Montage am hellen Morgen nicht möglich war. Trotzdem ist der Lichtkegel auf der rauhen, nassen Straße mehr zu ahnen als zu sehen. Immerhin werde ich von anderen Verkehrsteilnehmern gesehen. Um selber den Weg zu finden, ist es geraten, daß ich mich für die letzten fast vierzig Kilometer wiederum einer Gruppe anschließe.

Zum Glück sind, bei der großen Anzahl der Teilnehmer, praktisch immer solche Grüppchen zu finden. Die ersten sind mir entweder zu schnell oder - auch das gibt es - an den Anstiegen zu langsam (!!!) und eiern von einer Straßenseite zur anderen. Das ist hinderlich, da fahre ich wieder vorne hinaus. Solange ein Stück weiter rote Rücklichter zu sehen sind, kann ich den Straßenverlauf zumindest ahnen. "Rücklichter sehen" ist stark übertrieben. Rote Lichtreflexe zucken über die ganze Fläche meiner verspritzten Brille. Ich komme kaum vorwärts und muß dabei die größtmögliche Konzentration aufbringen. Schließlich habe ich eine Zweiergruppe, die einen passenden Rhythmus fährt, einen Mann und eine Frau, an die ich mich dranhänge.

Diese Kilometer bis zur Kontrolle sind die schlimmsten, die ich zurückgelegt habe. Ständiges Auf und Ab ohne richtige Sicht, nur ja diese roten Lichtreflexe vor mir nicht verlieren. Bergab lässt der Mann, der vorn fährt, zeitweise sein Rad richtig rollen, so als hätte er Radar. Ich muß höllisch aufpassen, nicht aufzufahren, wenn er bremst. Dann kommen wieder Kreuzungen, an denen wir keine Richtungspfeile sehen und die Richtung erahnen müssen. Die Richtungspfeile sind zwar reflektierend, aber es gibt hier nichts, was sie reflektieren können. Unsere Scheinwerfer erreichen die am Straßenrand angebrachten Schilder nicht. Nur der hin- und hergehende Strahl der LED-Stirnlampe hat eine Chance, auf einen Richtungspfeil zu treffen. Um meinen Weggefährten zu erklären, warum ich wie ein Schatten hinter ihnen hänge, sage ich der Frau, versuchsweise in Französisch, daß ich im Regen mit der Brille so gut wie nichts sehe. Sie antwortet in derselben Sprache, daß sie ebensowenig sieht. Das kann ja heiter werden.

Nach Stunden, wie mir scheint (und es ist auch so), stehen wir an einer Ortstafel. Im schwachen Strahl meiner Stirnlampe entziffere ich durch den Regen "Grace-Uzel", das ist eine gute Nachricht, hier bin ich am Morgen durchgekommen. Es ist der letzte Ort vor Loudéac, das wir alsbald erreichen. Es ist schon eine Wohltat, durch beleuchtete Straßen zu fahren. Um halb eins in der Nacht rollen wir in die schon bekannte Kontrolle ein. Tropfend, mit beschlagenen Brillengläsern stehe ich in einer Wasserlache, während Helfer mein Brevetbuch stempeln. Sie müssen mich in die richtige Richtung drehen, damit ich hinaus und zum Restaurant finde, um die obligaten Nudeln und ein Gute-Nacht-Bier einzunehmen. Ohne rechte Begeisterung stelle ich mir vor, in wenigen Stunden von hier wieder in den Regen hineinzufahren, ehe noch die Nacht dem Tag weicht. Eine andere Idee, ausgeschlafen und erfrischt am hellen Vormittag loszufahren, wenn der Regen aufgehört hat, will mir viel besser erscheinen.

Dann stehe ich an der Anmeldung zum Schlafsaal und höre mich "fünf Uhr" als Weckzeit angeben. Da ich keine trockenen Sachen mehr habe, drapiere ich alles, was ich an oder bei mir getragen habe, über Stühle und aufgestapeltes Mobiliar im Hinterraum der Anmeldung. Dann lege ich mich nackt unter die Decke, mit der ich mich zuvor notdürftig trockengerieben habe, und ruck-zuck bin ich eingeschchchrrr ... chchchrrr ... chchchrrr ...



Zuletzt geändert von Administrator (admin)  am 07 Aug 2012  um 14:42:04
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