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Kapitel 2 Der erste Tag

Der erste Tag

ist ein irreführender Titel - ich habe ja schon eine Nacht hinter mir. Und ich habe auch schon einen wesentlichen Defekt, der mich taktisch stark eingrenzt. Werde ich es packen, die geplanten Tagesetappen bei Tageslicht hinter mich zu bringen? Eigentlich ist Paris-Brest-Paris allein schon für einen Neuling spannend genug. Auf diese zusätzliche Spannung hätte ich gern verzichtet.

Der Tag beginnt mit einer Abfahrt und einigen unbedeutenden Wellen, dann ist der Perche auch schon überwunden. währenddessen ist es auch weitgehend hell geworden. Die Fahrt rollt gut durch Mamers nach La Hutte, obwohl der Asphalt rauh ist. Hier geht es rechts ab, und ich habe das Gefühl, daß der Wind nun mehr von vorn als seitlich kommt. Und ich gewinne tedenziell an Höhe, von Kilometer zu Kilometer. Es geht sehr zäh voran. Irgendwann werde ich von einem aufholenden Fahrer angesprochen ("Bist Du V8?"), man kann auch wirklich nirgendwo mehr hingehen. Er gibt sich als Woll-Vieh zu erkennen (ja, ich weiß, das ist geklaut) und entfernt sich nach kurzem Plausch in Richtung Horizont.

Von dieser Ablenkung abgesehen, habe ich viel Zeit zum Nachdenken und nutze sie. Obwohl ich so zügig fahre, wie es im Hinblick auf die kommenden Tage Sinn macht, komme ich nicht so schnell voran, wie es sein sollte und wie es in den ersten Stunden des Tages den Anschein hatte. Noch habe ich wenig Erfahrung darin, wieviel Zeit mich die Kontrollen in Wirklichkeit kosten werden, aber schon nach dem ersten Halt in Mortagne scheint es länger zu sein als auf RTF üblich.

Spät im August sind die Tage schon ziemlich kurz. Heute gewinne ich zwar eine Viertelstunde, weil ich gut 300 km nach Westen fahre, aber der morgige Abschnitt wird tageslichtneutral sein und der darauf wiederum um eine Viertelstünde kürzer. Und ich werde ja nicht frischer von Tag zu Tag. Je länger ich fahre, desto stärker wird meine Ahnung, daß das mit dem Tagfahren nicht ganz funktionieren wird. Und ich fasse nun doch den Entschluß, an einer der folgenden Kontrollen ein Batterielicht zu kaufen und zu montieren oder ggf. vom technischen Dienst montieren zu lassen.



Nachdem ich diesen Entschluß gefasst habe, ist mir wohler, und ich fahre entspannt weiter. Von km zu km schaue ich tiefer auf den Landstrich links von mir hinab. Irgendwann geht es aber auch abwärts, und Villaines ist erreicht.

Durch diese hohle Gasse müssen sie alle kommen. Es ist Volksfest, durch die Massen ist kaum ein Durchkommen. Ich schiebe das Rad in einen weitläufigen Hof, wo es Abstellplätze gibt. Zur Kontrolle geht es auf der anderen Seite eine Treppe hoch. Wieder zurück, halte ich vergeblich Ausschau, wo sich in diesem ganzen Gewusel ein Verkaufsstand versteckt. Ich finde nichts und beschliesse weiterzufahren. Essen werde ich in dem Zelt, das Ivo für Gorron angekündigt hat, andernfalls in Fougeres.

Zunächst aber gilt es, den Abzweig mitten in der Prairie bei Croix Barbe nicht zu verfehlen. Ich finde ihn und zur Belohnung gibt es eine Markierung auf der Straße und den Hinweis, daß ab hier noch genau 1000 km zu fahren seien. Damit auch kein Missverständnis aufkommt, wie sich dieser kleine Rest gestalten wird, bekomme ich einen kräftigen Anstieg eingeschenkt. Mehrere Hügel werden passiert und ich rolle hinunter nach Ambrieres les Vallees. Wie der Name sagt, bin ich nun im Tal und die Straße beginnt ganz sacht zu steigen. Damit ich nicht zu viel Schwung bekomme, ist hier eine Baustellenampel eingerichtet, eine Ausnahme auf der zumindest ausserhalb der Städte weitgehend ampelfreien Fahrt.

Unendlich langsam, wie es scheint, komme ich auf dieser langsam ansteigenden schiefen Ebene voran, auf der die Ortschaften weit auseinanderliegen. Irgendwann, im nachhinein lässt sich gar nicht sagen wo genau, ist der leichte Nieselregen in einen grauen Tag übergegangen, der zumindest von oben trocken ist. Schliesslich erreiche ich Gorron und bekomme nach knapp 140 km Fahrt so ganz langsam Kohldampf. Gorron zieht sich, aber nirgendwo ist das beschriebene Zelt zu sehen. Dann bin ich raus aus dem Ort und habe noch 30 km bis Fougeres. Vielleicht hätte ich doch in Villaines essen sollen. Aber das schaffe ich jetzt auch noch.

In Fougeres ist die Stempelstelle in einer großen Halle, in der auch ein Verkaufsstand aufgebaut ist und gleich daneben ist der technische Service untergebracht. Hier kann ich mein Licht in Ordnung bringen. Habe ich zumindest gehofft. Ein Batterielicht mit Lenkerhalterung kann ich bekommen, aber wie montieren? An den Griffen? geht nicht. Überall dazwischen würde die Lampe, selbst wenn ich einen Platz dafür schaffe, die Rückseite der Lenkertasche anleuchten. Die Hörnchen zeigen nach vorn. Eine Halterung für Gabelmontage? Gibts nicht. Der Monteur samt Gehilfen in seiner Box hat reichlich zu tun.

Ich warte, bis er für mich Zeit hat, aber eine Idee, wie so ein Batterielicht angebracht werden könnte, hat er auch nicht. Am Ende erstehe ich eine Alternative: Ein LED-Set für vorn und hinten, das weder über Batterie noch am Dynamo betrieben wird, sondern induktiv. Dafür werden ins Laufrad zwei halbkreisförmige Magnete geschraubt. Das Licht wird mitsamt Halter an der Achse befestigt. Das Ganze sieht aus wie Karls Halter mit dem E6 auf der anderen Seite des Laufrades, und wenn das sich dreht, laufen die Magnete an der Lampe vorbei und ... erstmal tut sich garnichts, weil der Monteur die Lampe falsch montiert hat.

Der Abstand zu den Magneten ist zu groß. Also lese ich die Einbauanleitung und der Halter wird hinter dem Ausfallende platziert. Probelauf: das Lämpchen gibt bei jeder Radumdrehung zwei kaum wahrnehmbare Lichtblitze von sich. Die Enttäuschung ist groß. Haben wir noch irgendwas falsch gemacht? Nein, offenbar kommt aus dem Ding nicht mehr raus. Es bleibt immerhin zu hoffen, daß im Dunkeln und bei schnellerer Fahrt "mehr Licht", wie schon der alte Geheimrat Goethe verlangte, sichtbar wird, aber diese Hoffnung ist sehr vage.

Tief deprimiert verlasse ich den Meister und fahre hinaus Richtung Straße. Abgesehen vom Kaufpreis, habe ich eine kostbare Stunde Zeit investiert für Nichts und voraussichtlich wieder Nichts. Diese Stunde wird mir fehlen, wenn ich dafür nun wenigstens gescheites Licht hätte, würde ich die Zeit als gut investiert empfinden. So aber ist sie glatt verloren. Dabei wäre die Lösung so einfach gewesen. Davon aber später.

Kurz vor der Ausfahrt liegt rechterhand das Restaurant der Kontrolle. Egal wieviel Zeit schon verloren ist - ich muß jetzt unvermeidlich essen, sonst gibts einen Hungerast und der kostet noch viel mehr. Also investiere ich weitere 35 Minuten, dreissig zum Anstehen und fünf zum Essen. An der Kasse wird zu dritt heftig gearbeitet: eine Helferin tippt ein, eine zweite sagt ihr, was sie tippen soll, und eine dritte schaut zu, daß die beiden alles richtig machen. Deshalb geht das auch alles so schnell. Als der Flaschenöffner, mit dem ich meine Bierflasche öffnen will, nicht wie üblich an der Kasse liegt, geht eine vierte Helferin auf die Suche und kommt mit dem rettenden Werkzeug zurück. Wenn doch alles so gut laufen würde!

Jetzt aber hopp auf die letzten knapp 140 km des Tages. Es ist zwar schon kurz nach vier Uhr am Nachmittag, aber ich habe noch einige Stunden Tageslicht. Die lange Pause hat auch ihr Gutes, ich haue jetzt so richtig auf das Pedal. Die Strecke nach Tinteniac ist relativ flach und ich finde eine Gruppe. Recht bald finde ich mich zusammen mit einem anderen Fahrer, der einen soliden Eindruck macht, am Vorderende einer gut laufenden Zweierreihe. D.h. gut laufend, bis auf das Abwechseln.

Ich schaffe es beim Zurückfallenlassen kaum bis zur dritten Reihe von vorn, und ruckzuck sind dieselben beiden Ochsen wieder ganz vorn. Der Rest legt sich weitgehend hinten drauf. Egal, ich bin jetzt gut drauf und lasse die Kurbel rumgehen, als ob es kein Morgen gäbe. Das wird es zwar geben, und dann werde ich für diesen Ritt bezahlen, und mein Lichtproblem ist noch immer nicht gelöst, aber das verdränge ich im Moment. Es läuft gut, jeder Kilometer ist ein gewonnener, da will ich nicht mit Gewalt langsam fahren und haue lieber rein, solange ich Spass daran habe.

Schnell ist Tinteniac erreicht, im stillen erwacht sogar die Hoffnung in mir, vielleicht klappt es ja doch ... halb sieben, noch 85 km, nein, eher nicht. Aber ich kann die Zeitspanne, die ich im Dunkeln fahren muß, doch so gut es geht verkürzen. Hier will ich nur stempeln und die Toilette aufsuchen, um das Wasser zu wechseln. Feste Nahrung wird nicht ergänzt. Trotzdem ist das Gelände auch hier wieder weitläufig, ich muß ein gutes Stück zu Fuß gehen. Fast eine Viertelstunde geht drauf, in weniger Zeit ist es nicht zu machen.

Meine Gruppe ist natürlich nicht mehr vorhanden. Aber Mitstreiter sind jederzeit um mich herum. Jedoch wird es nun wieder etwas hügeliger, ich fahre mein Tempo, eine Gruppe bildet sich nicht. Irgendwo steht auf einmal der Bergfloh links am Straßenrand und schließt zu mir auf. Wir unterhalten uns, ich erzähle ihm mein Lichtproblem. Er zweifelt, daß ich im Hellen ankomme. Nach kurzer Zeit zieht er unaufhaltsam davon, ich kann nicht folgen. Ganz langsam, aber unerbittlich neigt sich der Tag.

Wieder habe ich das Gefühl, daß es die ganze Zeit immer nur aufwärts geht. Mein CM436 zeigt aber eine Höhe von fünf Metern unter dem Meeresspiegel an!* Daraufhin erzähle ich dem neben mir fahrenden Randonneur, daß das Barometer gestiegen sei und daß wir gutes Wetter in Aussicht hätten. Zum Dank stellt er mir nach der nächsten Kuppe eine schöne Abfahrt in Aussicht. Rückfragen ergeben, daß er auch zum ersten Mal fährt und keinen Schimmer von der Gegend hat.

Er behält aber Recht und es geht bergab. Bald ist aber wieder eine Höhe zu erklettern, und nun ist die Dämmerung da. Wie bestellt, fährt mich eine Gruppe auf, und ich bleibe das ganze Stück leicht bergab bis La Cheze immer schön hintendrin. Als der Ort erreicht ist, ist es komplett dunkel. Meine Lichtblitze sind so richtig zum Vergessen, ob ich damit überhaupt gesehen werde, ist zu bezweifeln. Da bringt meine Stirnlampe ja mehr. Ich muß an der Gruppe dranbleiben.

Es sind nur noch zehn Kilometer zu fahren. Aber genauso oft geht es dabei bergauf, immer in einzelnen Stufen. Meine kleine Gruppe haut diese Stufen hinauf, als ob es flach wäre. Ich muß mit, auch wenn meine Beine brennen, dabei kann ich nicht sehen, wie weit die Steigung geht und schon garnicht, was nach der Kuppe kommt. Es kommt jedesmal wieder eine kleine Rampe. Endlich fahren wir durch einen Kreisel und fast direkt am Ortseingang in die Kontrolle. Die Helfer haben eine lange kurvige Gasse abgesteckt, die bis zum grossen Fahrradparkplatz führt. Es ist ein Gewühl, wie wenn 500 Fahrer da wären und jeder von ihnen fünf Begleitpersonen mitgebracht hätte.

Ich erfrage, in welchem Gebäude ich stempeln muß. Dann stehe ich am Ende einer langen Schlange vor der Schlafhalle. Die Schlange rückt quälend langsam vor. Nach einer halben Stunde bin ich nahe genug am Eingang, um das Schild zu erkennen, daß man nach dem Einchecken den Schlafsaal nicht mehr verlassen soll. Aber ein Teller Nudeln und ein Bier müssen schon noch sein. Kurz darauf bekomme ich meinen Platz zugewiesen und habe eine Weckzeit von fünf Uhr. Ich schaffe es, unauffällig zu entwischen und mein Abendessen einzunehmen.

Als ich dann endlich, es mag so gegen halb eins sein, in der Koje liege, weiß ich, was ich mitzunehmen vergessen habe: die Ohrenstöpsel. Alter Randonneursspruch: was ich nicht dabei habe, brauche ich nicht. Vielleicht bin ich ja müde genug, um auch ohne die Dinger irgendwie einzuschchchrrr ... chchchrrr ... chchchrrr ...

*Wenn ich den Tacho resette, stellt er sich auf Heimathöhe. Mortagne liegt aber höher als Grünstadt - deshalb zeigt der Höhenmesser ohnehin seit dem Start am Morgen eine zu niedrige Höhe an. Das ist allerdings schon berücksichtigt.



Zuletzt geändert von Administrator (admin)  am 07 Aug 2012  um 14:41:40
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