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Kapitel 1 Noch ein Paris-Brest-Paris Bericht

Ich beginne meinen Erlebnisbericht mit dem Startschuß am Montagabend um 22:10 Uhr, weil die Sammelphase im Stadion bereits mehrfach, u.a. sehr authentisch von Bergfloh, berichtet wurde und dazu kaum etwas Neues zu sagen ist.

DIE NACHT

Wie immer in solchen Situationen will ich mich fragen: was tue ich eigentlich hier? aber zu eigenständigem Denken komme ich vorerst nicht. Die Fahrt über die regennassen, nächtlichen Straßen von St.Quentin zusammen mit 600 anderen erfordert viel Konzentration. Die Zuschauer stehen Spalier und das schon seit Stunden, trotzdem feuern sie jede neue Startgruppe begeistert an. Ich fahre durch eine Gasse von Applaus, links ziehen die Schnelleren vorbei, rechts halten vereinzelt Leute an, um sich Regenjacken anzuziehen. Nach 14 km erst ist die Stadtgrenze erreicht. Fast augenblicklich tauchen wir ins Nachtdunkel ein, nur erhellt durch den eigenen Lichtkegel und die Kette von Rücklichtern und dazugehörenden Lichtkegeln vor mir. Außerdem ist es still geworden. Nun hätte ich Zeit, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen. Aber es ist zu spät, ich bin auf der Strecke. Ich bin Teil des 16. Paris-Brest-Paris.

Hier heißt es nur treten, treten, treten. Von der Landschaft, die auf und ab geht, sehe ich nichts. Kurz vor Gambais verschwindet das letzte Rücklicht vor mir hinter einer Kurve. Für etliche Sekunden bin ich allein in meinem eigenen Universum. Völlige Dunkelheit und Stille um mich her, einzig meine Lampe und das Geräusch meiner Reifen auf der nassen Straße sind eine Insel in der Unendlichkeit. Dann überholt mich ein anderer Teilnehmer und ich bin wieder auf einer Nachtfahrt durch Frankreich.

In Gambais dann eine Einmündung am Ende einer Abfahrt. Anwohner sichern die Stelle, weisen den Weg. "Bravo! - Viel Glück! - Gute Fahrt!" das werde ich vier Tage lang immer wieder hören und auch lesen, in jeder Ortschaft und zuweilen auch dazwischen. Weiter geht es, immer weiter. Das Gelände wird nun offener, immer wieder sehe ich die vielbesungene rote Lichterkette bis zum Horizont. In Chateauneuf erkenne ich das von Ivo beschriebene Café des Sports, viele Räder stehen davor. Ich beschließe aber, den ersten Aufenthalt erst in Mortagne zu nehmen.

In Logny, nach 120 km, beginnt der (nicht: die) Perche, ein sehr hügeliger Abschnitt. Es geht sogleich kräftig aufwärts, zudem beginnt es nun richtig zu regnen. Dazwischen liegen regennasse Abfahrten. Es sind genug Fahrer um mich her, so daß ich mich trotz verregneter Brille orientieren kann, aber nicht so viele, daß es eng wäre. Irgendwann geht es nur noch auf, auf, auf, ich entziffere das Wort "Mortagne" auf einem Schild, aber es sind nur ein paar Häuser, ein Vorort. Gleich darauf ist die Stadt erreicht, die erste Etappe. Ich erkenne linkerhand einen Marktplatz mit vielen Ständen und geschäftigem Treiben. Ist das der Verpflegungspunkt? Rad abgestellt und Lage erkundet - nein, ist es wohl nicht. Als ich wieder losfahre, bleibt mein E6 dunkel. Na klasse. Und das Ersatzbirnchen, das ich mir am Montagmorgen bei Karl auf dem Zeltplatz besorgt habe, liegt am Start im Wohnmobil. Besser kann es nicht laufen.

Zwei Ecken weiter finde ich die große Verpflegungshalle nach kurzer Fahrt als Dunkelmann durch die beleuchtete Stadt. Ich kann das Rad im Trocknen unter einem Vordach abstellen und gehe hinein. Es gibt einen Verkaufsstand mit Radzubehör und einen Reparaturservice. In beiden frage ich nach Drei-Watt-Birnchen für den E6, aber dieser Artikel ist nicht erhältlich. Zunächst stehe ich, was unerwartet schnell geht, für einen Teller Spaghetti an (von Nudelgerichten und wahlweise Bier oder Cola werde ich mich in den nächsten Tagen nähren) und setze mich zum Mahl. Und zum Nachdenken, was man nun tut.

Das Folgende ist mir leicht peinlich, aber ich will es wahrheitsgetreu erzählen. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig flexibel und erfinderisch manche Gehirne, zumindest meins, unter Belastung auf unerwartete Störungen im Ablauf reagieren. Es wäre naheliegend gewesen, einfach am Verkaufsstand ein Batterielicht zu erstehen, zu montieren (naja, auch dafür ist eine kreative Idee erforderlich, aber dazu später) und weiter könnte die Fahrt gehen. Statt dessen gingen meine Gedanken in eine ganz andere Richtung. In etwa einer Stunde würde es Tag werden. Nach Loudéac waren es etwa 310 km, 320 km von da nach Brest und zurück, und wieder 310 km zurück nach Mortagne. Das würden die Tagesetappen für den Dienstag, den Mittwoch und den Donnerstag werden. Sollte ich in die Dämmerung oder Nacht kommen, würde ich mich in eine Gruppe integrieren, so könnte ich sicher das Etappenziel erreichen und würde - hoffentlich - nicht von der berittenen Polizei wegen Mängel an der Beleuchtung angehalten werden.

Also setze ich mich nieder und warte. Um mich herum kommen Randonneure, verpflegen sich und gehen. Manchen liegt auch schon jetzt das schwere Haupt auf einem Tisch für eine kurze Ausruhphase. In regelmässigem Abstand gehe ich vor die Tür, sehe jedoch nichts als Dunkelheit und prasselnden Regen. Mir war klar, daß es in Paris eine halbe Stunde später hell wird als zuhause, und hier war ich noch 140 km weiter westlich und das macht nochmal einige Minuten aus. Auch ist hier der Himmel bedeckt. Schließlich wird aber meine Geduld belohnt: die Morgendämmerung beginnt. Und der Regen lässt nach! Eigentlich ist es noch zu früh, um ohne Licht zu fahren, aber es wird ja mit jeder Minute heller. Mit neu gewonnener Zuversicht und vollen Flaschen setze ich mich auf mein Rad und fahre in den beginnenden Tag.



Zuletzt geändert von Administrator (admin)  am 07 Aug 2012  um 14:41:16
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