rtf-radmarathon.de
Tourname: Paris-Brest-Paris           
Verein: Audax Club Parisien
VerfasserIn: Joachim Werner
Datum: August 2007
Startort: Paris
Tourlänge: 1200 km
Höhenmeter in M:  10000 Meter

 

Wie kann man nur auf so eine Idee kommen, für so verrückt hätte ich Dich nicht gehalten'. So oder so ähnlich waren die Reaktionen in meinem Umfeld, wenn ich von der Absicht erzählte, diese Tour zu unternehmen.

Aber alles von Anfang an: Im Herbst 2003 hab ich zum ersten mal einen Bericht über 'Brevets', 'Randonneure' und 'Paris-Brest-Paris' gelesen. Das waren für mich damals unerreichbare Extremsportler, die sich so etwas vornehmen und auch durchstehen.

Im April 2006 hab ich dann meinen ersten Radmarathon in Herne gefahren und bin auf dem Zahnfleisch ins Ziel gekommen. Es sollten im gleichen Jahr noch 5 weitere folgen, der letzte war eher ein lockeres Durchrollen in 7 Stunden reiner Fahrzeit, also mal schauen für 2007, da war doch was ...

Deshalb Ziel für 2007: PBP in 90 Stunden, ankommen, keine Rekordjagd.

Qualifikation:
03.03. 200 km Wachtendonk-Amerika-Wachtendonk, von einigen mittlerweile als legendär bezeichnet, meine erste richtige Regenschlacht
31.03. 300 km Wachtendonk-Austerlitz-Wachtendonk, meine erste längere Nachtfahrt
21.04. 400 km Wachtendonk-Eddi Merx-Denkmal-Wachtendonk, 24 Stunden und ein beeindruckendes Gruppenerlebnis
26.05. 600 km Großenwieden-Brühl-Großenwieden, 450 km Alleinfahrt durch ein richtiges Sauwetter, 4 min vor Kontrollschluss im Ziel

Dazu noch zwei, drei Marathons und ein paar RTFs, insgesamt 5500 km. Muss halt reichen.

Dann die Frage: Wie nach Paris?

- PKW und Zelt: Pariser Campingplätze sind bei Schlechtwetter eine Schlammschlacht
- Wohnmobil und Begleitfahrer: extrem teuer

Volker Haseloff kam mit der Lösung: Mit einem Radreiseveranstalter, Hotel vorher und nachher, Ausstiegsmöglichkeit bei km 200, 400, 800 und 1000, das Richtige für Notfälle, fast schon Vollkasko.

Die Welt ist klein, noch zwei andere, die ich in Wachtendonk kennen gelernt hatte, sind auf den gleichen Gedanken gekommen und fahren mit uns im Kleinbus nach Paris.

Im Startbereich alles zugeparkt, Polizisten verteilen Knöllchen. Hunderte von Leuten laufen im Anmeldebereich herum, Anmeldung in großem, aber freundlichen Chaos. Überall stehen Traumräder herum und ich will hier mit meinem Billigrad starten! Das Wetter ist trübe und immer wieder gehen Schauer nieder. Und mittendrin fast 2 Dutzend aus der 'Wachtendonk-Gang'. Die angekündigte Radkontrolle findet nicht statt, also ab ins Hotel und ausschlafen.

18:00 Abendessen für die 84h-Starter, 19:00 für die 90h-Starter. Wir (Volker und ich) finden die Essenausgabe mehr durch Zufall und stellen uns um halb 7 an der langen Schlange an (bis wir dran sind ist längs 7 Uhr) aber die Franzosen überraschen uns doppelt: erstens sind wir nach 10 Minuten an der Ausgabe und zweitens bekommen wir Essen, obwohl wir zu früh dran sind. Wir setzen uns zu einer Gruppe in deutscher Uniform (ARA-Trikots) und lassen es uns schmecken.

Danach Richtung Start. Eine riesige Schlange wartet vor dem am Eingang zur Sportanlage während auf der anderen Seite die erste Startgruppe schon aufgestellt ist. Count-Down, Feuerwerk und großes Hallo zum Start. Während alle 20 Minuten weitere Gruppen á 500 Fahrer losgelassen werden, rücken wir langsam zum Start vor.

Mittlerweile hat sich Frank Adam, ebenfalls von den Wachtendonk-Brevets, dazugesellt und wir beschließen, in einer Dreier-Gruppe zu fahren. In der Sportanlage rollt eine La-Ola-Welle nach der anderen durch die Fahrer, und die ersten Unterhaltungen mit nebenan wartenden Australiern und Amerikanern ergeben sich. Um 22:30 geht es dann für uns los. Feuerwerk, und dann in Kolonne durch die Pariser Vororte.

Alle Kreuzungen sind für die ersten 30 km gesperrt und die Passanten an den Straßenrändern jubeln uns zu. Mit der Zeit zieht sich das Feld auseinander und aus den Pulks wird eine lange Reihe. Blick nach vorn: rote Lichter bis zum Horizont; Blick zurück: weiße Lichter bis zum Horizont. In den Dörfern schläft kaum einer. Anwohner regeln den Verkehr, halten uns die Straßen frei und zeigen mit Taschenlampen, wo abgebogen werden muss. Der erste kurze Stopp nach ein paar Stunden: Am Straßenrand vor einer Bäckerei stehen einige Paletten Wasserflaschen und die Inhaber verteilen kostenlos Wasser an alle. 30 km weiter der nächste Stop: ein Cafe du Sport hat mitten in der Nacht geöffnet, es ist kalt und ein heißer Kakao tut gut. Es war noch trocken und mit der Geschwindigkeit sind wir auch noch über unserem Plan. Bis jetzt ...

Irgendwann verließ uns unser Glück. Es fing an zu regnen, erst langsam, damit man sich daran gewöhnen konnte, dann immer mehr, bis zu einem richtigen Sturzregen. So kamen wir nach 150 km gegen 5:00 an der ersten Kontrolle in Mortagne an. Nur Verpflegung, kein Stempel, aber als RTFler ist man Pausen nach 30 und nicht erst nach 220 km gewohnt. Außerdem war es in der Sporthalle trocken. Essen, 10 Minuten den Kopf auf den Tisch, und dann wieder raus in den Regen.

Es fing wieder an zu dämmern und irgendwann hörte es dann auch wieder auf zu regnen. Nach 221 km die erste richtige Kontrolle in Villaines. Hier stand auch unsere erste Notausstiegsmöglichkeit und Carmen wartete mit einem reichhaltigen 2. Frühstück. Ich wollte ein trockenes Trikot aus dem Wagen und meine Reserve-Hose aus der Gepäcktasche anziehen, aber: die wasserdichte Tasche war alles, nur nicht wasserdicht. Also nur Trikotwechsel, die nassen Klamotten kamen ins Auto.

Und weiter. Die Straßen waren voller Radfahrer, schnurgerade, aber nicht eben. Die kürzeste Verbindung zwischen 2 Dörfern ist halt eine Gerade und die Phantasie der französischen Straßenbauingenieure begrenzt. Das Wetter war immer noch wechselhaft, Wasser von oben und Wasser von unten. Dazu Unterhaltungen mit den unterschiedlichsten Fahren aus der ganzen Welt. Es lief, zwar langsamer als geplant, aber es lief ...

Unseren 2. Unterstützungspunkt erreichten wir bei km 450 mitten in der Nacht. Langsam wurden wir auch müde. Also eine Stunde auf den Rücksitz gesetzt und die Augen zugemacht. Um 03:00 geweckt, warm gezittert, Kaffee getrunken und weiter. Volker wurde langsam langsamer, das Wetter nagte an seiner Motivation. Regenjacken sind zwar wasserdicht, aber in beide Richtungen. Irgendwann fährt man im eigenen Saft und kann die Regensachen dann überhaupt nicht mehr ausziehen, weil man auf jeder Abfahrt schnell auskühlt.

Die Strecke hat zwar keine großen Steigungen und Abfahrten, aber es geht ständig 50 m hoch und dann wieder runter. Unterwegs haben wir dann auch noch Fiets aufgegabelt. Dann wurde Volker extrem langsam. Nach der Geheimkontrolle haben wir verabredet, allein bis zur nächsten Kontrolle weiterzufahren, damit jeder sein eigenes Tempo durchziehen kann. Mit schlechtem Gewissen sind wir weiter, der Meinung dass Volker auf den nächste 10 km aufgeben wird. Aber, an der nächsten Kontrolle in Carhaix hat er uns fit und munter wieder eingeholt. Sauer, dass wir ihn allein gelassen haben, hat er nach einer kurzen Schlafpause richtig Gas gegeben.

Mittlerweile wurde das Wetter besser. Als wir über die Brücke nach Brest hinein fuhren, schien sogar die Sonne. Die Brücke nach Brest. Davon hatte ich in diesem Bericht von 2003 gelesen. Ich war da, ich hatte es geschafft. Als Mittvierziger mit Übergewicht, auch ohne zu diesen übermenschlichen Extremsportlern zu gehören. Der Rest würde nur noch eine Rückfahrt sein, das würde auch noch funktionieren.

Nur eins verwirrte: zu den angegebenen Höhenmetern für den Hinweg fehlte noch etliches. Aber keine Sorge, die Veranstalter hatten die fehlenden Höhenmeter mitten in der Stadt doch noch gefunden. Zur Kontrolle ging es lagsam, aber stetig steiler hinauf. Unterwegs sahen wir dann unseren 2 Krankenwagen. Wieder ein japanischer Radfahrer, der die Vorfahrt nicht beachtet hatte. Nur aufpassen dachte ich, nur nicht so enden.

An der Kontrolle gab es Freibier. Einige km später haben wir eine Bäckerei gestürmt. Satt und müde, dazu noch eine Wiese in der Sonne am Fluss, das hieß eine Stunde schlafen, Socken und Schuhe antrocknen und ein einziges Mal nicht durchgefroren aufwachen. Wir legten dann wieder los, um noch bei Tageslicht die Abfahrt vom Rock Trévézel zu schaffen. Und immer noch kamen uns Fahrer entgegen. Für die würde es sehr hart werden.
Es dämmerte und die Nacht kam. Eine Nacht im ländlichen Frankreich ist nicht mit einer Nacht in Westdeutschland zu vergleichen. Es ist dunkel. Das einzige Licht weit und breit kommt von den Fahrradscheinwerfern. Kein Verkehr. Kein Streulicht von Ortschaften an den Wolken. Nicht 2-3 sondern 5-10 km zwischen den Dörfern.

Dafür in jedem Dorf Volksfest. In den Vorgärten Tische, an denen Kaffee und Kuchen verschenkt wurde. Dazu die Anfeuerung am Straßenrand: kein 'allez, allez', also frei übersetzt 'Hopp Hopp, fahr schneller', sondern 'bravo', 'bon courage' und 'bon route'. Ich hab ein paar Stunden gebraucht, bis ich den Unterschied begriffen habe. Überall standen Kinder, die abgeklatscht werden wollten oder um ausländische Münzen bettelten. Wir haben uns schließlich in einem Supermarkt Süßigkeiten gekauft und sie wie beim Karneval Kindern zugeworfen.

Nacht bedeutete bei dieser Fahrt zwangsweise auch Regen. Als wieder einmal ein richtiger Schauer herunterkam, haben Volker und ich uns an einer Tankstelle untergestellt. Dabei haben wir wohl die beiden anderen verloren. Gruppenfahren bei Nacht in einer langen Kolonne bedeutet nicht zwangsweise, dass man direkt hintereinander fährt. Man überholt und wird überholt und muss sehen, wie man die Gruppe zusammenhält. Und die unterschiedlichen Reflexwesten sind auf Dauer gar nicht so unterschiedlich.

Jedenfalls sind Fiets und Frank wohl weitergefahren. Die Tankstelle war der einzig trockene Ort weit und breit. Dort saßen und lagen, mit oder ohne Rettungsdecke, schlafend oder wach ungefähr 25 Randonneure. Keiner mehr frisch, keiner fröhlich. Wir haben etwa 20 Minuten gedöst und sind, nachdem der schlimmste Regen aufgehört hatte, weitergefahren.

Ab dieser, der 3. Nacht verschwimmt meine Erinnerung. Ich kann nur noch einige Brocken zuordnen und rekonstruieren. Der Schlafbedarf wurde größer, und das Gehirn beginnt buchstäblich, auf Notbetrieb zu schalten. So fehlt z.B. die Fähigkeit, wenn man bei einer Unterhaltung nur Satzfetzen versteht, den Rest zu rekonstruieren. Kopfrechnen wird fast unmöglich. Um die Entfernung zur nächsten Kontrolle zu berechnen, braucht man 3 oder 4 Anläufe.

Unser Zeitplan war längst Makulatur. Auf meinem Blatt standen jetzt nur noch die Schlusszeiten der Kontrollen, die waren unbedingt einzuhalten. Überhaupt, die Kontrollstellen, sie sahen jetzt aus wie die Lager einer geschlagenen Armee. Überall Schlafende, kreuz und quer am Boden, auf und unter Tischen, auf Stühlen, wo halt Platz war. Selbst im Hauptgang zum Stempelraum lagen sie in 2er-Reihe an der Wand. Zivilisation ist eine sehr dünne Schicht, irgendwann macht es einem nichts mehr aus, sich inmitten anderer Leute einfach auf den Boden zu legen und zu schlafen.

Am folgenden Nachmittag sah ich an einer Kontrolle ein Schild zu Schlaf- und Duschräumen. An Schlafen war nicht zu denken, aber das Haus sah sehr sauber aus und ich hatte die Dusche aus mehr als einem Grund nötig; also rein. Frisch gereinigter Umkleideraum, Handtuchheizkörper, kein anderer da. Also die nassen Sachen aufgehängt und 10 Minuten unter warmes Wasser gestellt: Ein Traum, das Paradies kann nicht schöner sein. Die Sachen waren mittlerweile auch annehmbar getrocknet, ich fühlte mich wie ein neuer Mensch. Als ich raus kam stand da schon Volker: 'Weist Du eigentlich, wie spät es ist? Wir haben 2 Stunden bis zur nächsten Kontrolle und 54 km!' 15 Minuten später war ich wieder nass geschwitzt. Wir haben einen Zug aufgemacht, er die Lock und ich den Tender und sind rechtzeitig angekommen. Das waren die einzigen Stunden in den 4 Tagen, in denen ich von niemandem überholt worden bin.

Gegen 10 Uhr abends haben wir uns unter dem Vordach eines Gemeindzentrums kurz schlafen gelegt. Als wir nach den üblichen 15 Minuten wieder wach geworden sind, habe ich bis auf die Knochen gezittert. So kalt ist mir noch nie gewesen. Hier wollte ich wirklich aufgeben, aber: Es war dunkel, es regnete mal wieder, kein Mensch von den Einheimischen war auf der Straße, ich spreche kein Französisch, wir waren irgendwo in der Provinz: aufgeben war hier überhaupt nicht möglich, ich musste wenigstens bis zur nächsten Kontrolle fahren. Nach einer halben Stunde war man dann wieder warm.

Kontrolle in Villaines offizieller Kontrollschluss 23:40. Wir haben um halb 2 gestempelt. Volker musste mit seinem Knie zum Arzt, wurde aber noch als Radfahrtauglich angesehen. Es hat wegen meiner mangelnden französischen Sprachkenntnissen 10 Minuten gedauert, bis ich herausbekommen habe, dass wir wegen unserer Verspätung nicht aus dem Rennen sein sollten. Es würde nur die Ankunftszeit in Paris zählen. Also ein Brötchen gekauft, Trinkflaschen aufgefüllt und mit einer Gruppe Anderer als 'Zug der Hoffnungslosen' wieder in Nacht und Nieselregen aufgebrochen. 220 km in 14 1/2 Stunden, ein normaler Marathon, das sollte doch wohl zu schaffen sein.

Gegen 10 Uhr oder bei 1050 km haben Volker und ich uns getrennt. Er fuhr schneller bergauf, ich fuhr schneller bergab. Durch das Warten aufeinander haben wir beide Zeit verloren. Und Zeit war das, was wir nicht mehr hatten. Auf dem Garmin hatte ich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 18 km/h eingestellt. Das Routingprogramm berechnete die Restzeit bis zum Ziel. Auf dem Tacho war die aktuelle Uhrzeit eingestellt. Uhrzeit + Restzeit mussten kleiner sein als meine Endzeit von 16:30. 150 km zum Ziel, 15 Minuten Reserve, 140 km zum Ziel, 20 Minuten Reserve. Hügelrauf, Hügelrunter, gerade Straßen, rauher Asphalt, treten, treten, treten. Langsam machte mein Nacken schlapp, ich konnte meinen Kopf nicht mehr schmerzfrei heben, um nach vorn zu schauen. Also kurz die Richtung peilen und dann die nächsten 200 Meter am Straßenrand längs, kurz schauen und wieder den Kopf runter. Zum Glück fast kein Verkehr.

Tacho und Garmin beobachten um das Gehirn zu beschäftigen. Nur die Gedanken nicht abschweifen lassen, dann ist man eingeschl ...
Es fängt unter mir an zu rappeln. Ich bin eingeschlafen und fahre über den Wiesenstreifen neben der Straße. Nicht gestürzt, Glück gehabt. Blick auf den Garmin und: mir fehlen 400 m. Ich bin 400 m im schlafend geradeaus gefahren. Das war schon kein Sekundenschlaf mehr. Eine Pause ist jetzt unbedingt nötig. Ich will es mir gerade auf eine Plastiktüte an einer Mauer bequem machen, da hält ein Australier neben mir. Ich könne mich doch nicht so ins nasse setzten, ich würde ja völlig auskühlen. Er zeigt mir, wie man im Stehen auf dem Rad schlafen kann: breitbeinig, Hände auf dem Lenker verschränkt, Kopf auf die Hände gelegt. Sicher, irgendwann fällt man um, aber das merkt man rechtzeitig.

Ich war nicht der Einzige, der unter extremem Schlafmangel litt. Insbesondere einige japanischen Fahrer bewiesen eine erstaunliche Ausdauer, wenn es darum ging, todmüde weiterzufahren. Sie benötigten fast die gesamte Straßenbreite und es war ratsam, schnell und mit großem Seitenabstand zu überholen. Jetzt sah ich auch vermehrt Fahrer in Rettungsdecken gewickelt in den regennassen Wiesen liegen. Die Motorradkomissare fuhren jetzt häufiger die Straßen entlang und schauten auch nach, ob sich jemand bewusst schlafen gelegt hatte, oder einfach vom Rad gefallen und liegen geblieben war.

50 km vor dem Ziel spüre ich meine Achillessehnen. Also kurze Pause und eine Aspirin eingeworfen, danach langsam weiter. Irgendwann überholt mich eine Gruppe vom Jugend-PBP. Dreißig 12 bis 17-jährige Mädchen und Jungen, die die Strecke als organisierte Etappenfahrt fahren, Ich hänge mich dran, aber an der nächsten Steigung lassen sie mich stehen. 10 km vor dem Ziel habe ich 20 Minuten Reserve, das sollte jetzt wirklich reichen. Aber jetzt schlug die Großstadt zu. Rote Ampeln und jede Menge Verkehr. Als ich in den Kreisverkehr einbiege, ist es eigentlich schon zu spät. Ich nehme den Applaus kaum noch wahr, stelle mein Rad ab und suche den Tisch zum Stempeln des Fahrtenbuches. 16:32, 2 Minuten über dem Limit, was soll's, ich hab's geschafft, ich bin angekommen.

Später habe ich erfahren dass Volker nach mehr als 1100 km aufgeben musste. Seine Knieprobleme ließen ihm keine andere Wahl.

Daten (laut Garmin)

- 1226 km
- 10.023 hm
- Gesamtzeit: 90:02 Stunden
- Fahrzeit: 65:13
- Standzeit: 24:49
- Schnitt in Bewegung: 18,77 km/h
- Gesamtschnitt: 13,61 km/h

Ausrüstung:

- gebrauchtes Decathlon Rennrad, Neupreis 599 Euro, bei Ebay für 235 Euro gekauft.
- Campa Mirage 3*9 mit 52/12 bis 30/26
- SON-Nabendynamo mit Doppelscheinwerfer, Diodenrücklicht am Klemmgepäckträger.
- Wasserdichte Lenkertasche und nicht wasserdichte Gepäckträgertasche
- Garmin Vista Cx und Cyclo 436M
- Multi-Tool, Reifenheber, Kettennieter

- 4 Ersatzschläuche, ein Ersatzmantel. 2 Schläuche und einen Mantel gebraucht.
- Ein Stück Ersatzkette und 2 Kettenschlösser
- keine Ersatzspeichen, keine Ersatzzüge.
- 4 Red Bull, 2 davon getrunken
- eine Packung Aspirin, 2 Tabletten genommen
- eine Dose Penatencreme
- die Hälfte der Energieriegel wieder zurückgebracht, ich kann das süße Zeug nicht mehr sehen.

- Lange Hose, Unterhemd, Trikot , Ärmlinge, Regenjacke und Wend/Reflexweste
- Baseballkappe gegen den Regen (sehr gute Idee für Brillenträger)

Schäden:

- Schaltung komplett verstellt, zum Schluss gingen 5 Gänge nicht mehr rein
- Kette und Schaltungsritzel hin.
- Bremsgummis vorn und hinten verbraucht (die waren neu!)
- leichte Schmerzen im linken Knie und an den Achillessehnen
- Muskelkater im Nacken
- 'eingeschlafene' Finger und Zehen
- aufgequollene nasse Füße wie bei einer Wasserleiche

- keine Sitzbeschwerden
- keine Erkältung

Kosten:

- Startpreis incl. Trikot: ca. 130 EUR
- Anreise, Hotel und Support unterwegs: ca. 650 EUR
- Verpflegung unterwegs: ca. 150 EUR
- Nebenkosten Paris: ca. 100 EUR

Rückblick:

Es war ein Erlebniss der ganz besonderen Art, so was hat man im Leben nicht allzu oft. Eine absolute Grenzsituation.
Es geht. In Extremsituationen kann man seinem Körper Dinge abverlangen, die man vorher nicht für möglich gehalten hat. Man muss dazu kein Übermensch sein. Ich bin davon überzeugt, dass jeder, aber wirklich jeder, der körperlich halbwegs gesund ist, dies mit etwas Vorbereitung fahren kann. Entscheidend ist letztlich der Kopf, der Wille weiterzufahren. Sich klarzumachen: 'Aufgeben ist keine Option' (vom Arzt aus dem Rennen genommen zu werden ist etwas anderes).

Es war das erste Mal. Aber es ist wie eine Droge. 2011 schwirrt mir die ganze Zeit durch den Kopf. Aber es würde nur eine Wiederholung sein.

Joachim Werner

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