rtf-radmarathon.de

Paris Brest Paris 2003
 

1-4 | 5-8 | 9-11

Astrid im Trikot PBP 5 gut.jpg PBP-Bild1.jpg PBP_Astrid_Tour.jpg PBP_Helmut.jpg  
Tourname: Paris Brest Paris 1200 km
         
Verein: Audax Club Parisien
VerfasserIn: Astrid Muth
Datum: August 2003
Startort: Paris
Tourlänge: 1200 km
Höhenmeter in M: 10100 Meter

 

Hallo, für alle die sich näher für die Paris-Brest-Paris Tour interessieren eine ausführliche Schilderung:

Montagnachmittag komme ich in Saint Quentin-en-Yvelines, dem Startort von Paris-Brest-Paris an. Ich lande an einem riesigen Kreisverkehr und treffe dort auf Peter Zinner und Stefan Hoibom, zwei Bekannte aus der Tourenszene, die ich auch schon auf den Qualifikationsfahrten getroffen hatte. Gleich um die Ecke ist der Campingplatz. Die beiden sorgen dafür, dass ich noch einen Platz bekomme. Der Platz ist voller RadlerInnen. Peter und andere meinen, ich soll gleich abends fahren, vor oder mit den anderen. Ich entscheide mich kurz vor 20 Uhr zu starten. D.h. kurz vor der ersten StarterInnengruppe.

Insgesamt gibt es drei Gruppen Montag 20Uhr + 22Uhr und Dienstag 5Uhr. Leider geht mein Tacho falsch und damit auch die Uhr. So starte ich schon um 19:20Uhr und wundere mich, dass die Schnellen der ersten Gruppe nicht kommen. Vor mir liegt eine sehr schöne und gut ausgeschilderte Strecke. Sie verläuft, von dem Start an einem Kreisverkehr durch die Stadt und es ist nervig zu fahren, da relativ viel Autoverkehr herrscht. Danach geht es fast nur noch über Land, über die Dörfer. Super schön zu fahren, kaum Verkehr.

Die ersten Leute warten schon an der Strecke auf die FahrerInnen. Als es langsam dunkel zu werden beginnt,  kommen die StarterInnen der 20 Uhr Gruppe. Ich bleibe stehen und mache ein Foto. Viele von ihnen fahren ohne Gepäck. Sie haben also ihre Begleitfahrzeuge dabei. Die Begleitungen dürfen aber die Strecke der RadlerInnen umsichtigerweise nicht benutzen. Sie können erst 3km vor und nach den Kontrollen auf die Strecke. Nach ca. 140 km kommt die erste Kontrolle.

 Hier gibt es Verpflegung. Es kommen dauernd FahrerInnen von hinten, aber alle sind zu schnell. Ich kann nirgends mitfahren. Das hat auch Vorteile, denn in den Gruppen zu fahren, ist zwar bequemer, weil man Körner sparen kann, aber dafür muss man ganz schön aufpassen und es ist unruhig. Nach ca. 400 km habe ich so meine Zweifel, ob es richtig war mitzufahren. Die erste Nacht lässt sich gut durchfahren. Aber ich warte auf den Morgen. Erst um 6:30Uhr wird es langsam hell.

Das bedeutet, die Nächte sind länger als ich dachte. Ich merke auch, dass ich ungedingt hätte meine Beinlinge mitnehmen sollen bzw. besser noch die Winterhose. Das wird noch heftig werden. Jetzt warte ich darauf, dass die Geschäfte aufmachen, damit ich mir etwas zu essen kaufen kann. Unterwegs haben die Leute schöne Sachen an der Strecke aufgestellt. Alte Fahrräder, die sie mit Papierblumen geschmückt haben und Plakate, die die FahrerInnen grüßen. Außerdem stellen viele ihre Stühle und Tische 'raus und bieten Wasser, Kuchen und Kaffee an. Die FranzösInnen erscheinen sehr offen und interessiert. Mir wurde auch gesagt, dass diese Rundfahrt sehr großen Zuspruch bei ihnen findet.

Ich verpflege mich unterwegs beim Bäcker und im Supermarkt. So bekomme ich alles was ich brauche, auch eine Telefonkarte, um Hermann endlich anrufen zu können. Die zweite Nacht würde ich gerne schlafen, aber ich traue mich nicht in die Schlafräume, weil ich denke, dass die Startberechtigung nachgefragt wird. Es gibt auch keine Möglichkeit draußen zu schlafen, denn draußen ist es viel zu kalt. Als ich in Carhaix ankomme, ist es ca. 23Uhr. Ich suche nach einem Schlafplatz, aber leider sind die Hotels voll.

Ich treffe auf der Straße einen Mann, der Englisch spricht und  gerade in ein Hotel geht. Hier hat er ein Zimmer, dass im Moment frei ist, denn sein Fahrer schläft erst ab 4 Uhr morgens in dem Zimmer. Er will es mir überlassen, aber leider findet er den Schlüssel nicht und ich entschließe mich weiterzufahren. Es ist so schrecklich dunkel, dass ich mich nicht in der Lage fühle, alleine durch die Nacht zu fahren. Ich fahre hinter 2 Männern her bis ich sehe, dass wir rechts abbiegen müssen. Ich rufe hinter ihnen her, aber sie reagieren auch nach wiederholten Zurufen nicht und fahren einfach geradeaus weiter. Ich warte bis der Nächste kommt.

Auch er sieht den Pfeil für den Abzweig nicht und fährt geradeaus weiter, aber er reagiert nach einer Weile und hartnäckigen Zurufen doch noch. Es ist ein Italiener wie sich herausstellt und ich mache deutlich, dass ich mit ihm zusammenfahren will. Er versteht und lässt sich darauf ein. Erst habe ich eine schlechtes Gewissen, weil ich denke, ich mache ihm seinen Schnitt kaputt. Aber nach einer gewissen Zeit, fällt auch er mal zurück, nachdem wir zwei Franzosen eingeholt haben. Es scheint nur bergauf zu gehen und es ist finster wie nie. Ich schlafe immer wieder auf dem Rad ein. Leider kann ich mit den anderen nicht reden, um mich abzulenken. Ich friere erbärmlich, besonders auf den Abfahrten. Dann kommen wir nach Brest, denken wir. Aber es geht immer weiter, scheinbar im Kreis.

Die Strecke scheint nicht aufzuhören. Endlich sind wir in Brest. Eine riesige Stadt. Wir fahren über eine sehr große Brücke. Leider ist es noch dunkel und wir sehen nur die Lichter. Irgendwann erreichen wir die Kontrolle. Hier liegen die Leute in dem riesigen Essraum einfach auf dem Boden herum, obwohl es auch Schlafmöglichkeiten in der Turnhalle gibt. So lege ich mich dazu und schlafe ca. 1,5 Stunden.

Als ich aufwache, friere ich. Also muss ich weiter. Es wird bald hell und dann ist das Fahren wieder erträglicher, auch weil es wärmer wird. Es geht weiter zur nächsten Kontrolle, d.h. zurück in das ca. 80km entfernte Carhaix-Plouguer. Es ist inzwischen Mittwoch. Jetzt kann ich die FahrerInnen sehen, die mir entgegenkommen, da die Hin- und Rückstrecke fast identisch ist. Es sind viele mit Tandems aller Art, Liegerädern und Windeiern, ich weiß nicht wie die Dinger heißen, unterwegs. Es sind jedenfalls verkleidete Liegeräder, die zumindest bergab sehr schnell sind.

Außerdem, ich traue meinen Augen kaum, ist auch jemand mit seinem Tretroller unterwegs. Wieder ca. 80km weiter kommt die nächste Kontrolle, nämlich Loudéac. Dann geht es weiter nach Tinteniac. Ich fahre weiter, ohne die Kontrollen direkt anzufahren. Ein Franzose spricht mich an, der dort wohnt und stellt mir einige Fragen. Ich weiß gar nicht mehr was. Inzwischen habe ich mich entschlossen, zu versuchen noch unter 70h zu kommen. Aber ich weiß, das wird sehr knapp werden.

In Fougères esse ich ein Omelett an der Kontrolle, dass mir nicht bekommt und nur heftige Zahnschmerzen verursacht. Glücklicherweise verschwinden sie nach dem Essen wieder. Der Essraum ist riesig, sehr ungemütlich und kalt. Ich fahre weiter, obwohl ich saumüde bin. Aber es sind nur noch 1,5 h bis es hell und wärmer wird, außerdem habe ich diese Nacht keine Probleme damit, beim Fahren einzuschlafen.

Unterwegs komme ich an eine private Verpflegungsstelle. Ich bekomme Wasser, dass ich nun dringend brauche. Man gibt mir eine Adresse und bittet mich eine Postkarte zurückzuschicken. Dann geht es weiter durch die Nacht. Ich laufe auf einen älteren Franzosen auf. Wir kommen ins Gespräch und fahren eine Weile zusammen. Das vereinfacht die Sache in der Dunkelheit. Es geht wieder viel bergauf und es ist oft sehr dunkel. Wir treffen noch auf andere Franzosen.

 

An der nächsten Kontrolle legt sich mein Begleiter schlafen. Er hat Erfahrung und ist schon mehrmals so eine lange Tour gefahren, auch in England. Er meint 2 Stunden Schlaf reichen völlig aus. Mir ist einfach nur kalt und ich bin kaputt. Ich sehe zu, dass ich wegkomme. Nun geht es von Vaillines in das ca. 80km entfernte Mortagne au Perche. Es wird schnell hell, aber ich bin völlig kaputt und komme nur langsam vorwärts.

Der Asphalt ist auch hier, wie sehr oft auf der Strecke völlig rauh. Es rollt überhaupt nicht und ich muss auch bergab noch treten. Meine Knie schmerzen kurzzeitig sehr. Der Franzose holt mich trotz Schlafpause zwar wieder ein, muss dann aber doch wieder zurück bleiben, da er massive Knieprobleme bekommt und erstmal nicht mehr weiterfahren kann. Unterwegs finde ich einen Friedhof auf dem ich Wasser nachfüllen kann. Leider weis niemand, ob das Wasser trinkbar ist. Dann erreiche ich Nogent le Roi, die allerletzte Kontrolle. Jetzt sind es noch 57km bis Paris. 

 

Ich fahre nicht in die Kontrolle, sondern frage nur, wo es weiter nach Paris geht. Ich habe das Gefühl, ich bin schon in Paris, aber als ich nachrechne, wird mir klar, dass ich noch ca. 3 h brauchen werde. Endlos lange Stunden wie mir scheint, denn ich habe keinen Nerv mehr und mein Hintern tut weh. Es lässt sich zwar gut fahren, aber es sind auch noch einige beachtliche Hügel eingebaut. Ich kann mich an die Strecke vom Hinweg her nicht mehr erinnern. Ab und zu kommt jemand von hinten und fährt an mir vorbei.

Selten kann ich ein kleines Stück mitfahren. Einer aus Lohne, der beide Knie bandagiert hat, erzählt mir, dass er Schmerzmittel nehmen musste, um weiterfahren zu können. Er meint, er hätte wohl zu dick getreten. Ich fahre inzwischen sehr viel im stehen, weil mein Hintern sich sehr wund anfühlt. Ich bin froh um jeden Meter den es bergab geht. Irgendwann nach, wie mir scheint, sehr langer Zeit, komme ich nach Saint Quentin-en-Yvelines. Dann kommt die breite, sehr befahrene Hauptstraße durch die Stadt und es ist klar, jetzt kann es nicht mehr weit sein. Ich fahre nicht ganz bis zum Ziel, sondern setze mich an einen großen Platz mit einem Brunnen und gönne mir erstmal einen Salat, bevor ich dann bis zum Ziel fahre

 

 

Ich habe das Gefühl, ich muss endlich mal etwas Gescheites essen. Einige Leute warten im Ziel auf ihre Angehörigen. Ich fahre zum Zeltplatz. Auf dem Weg dorthin treffe ich Stefan, der mir erzählt, dass er aufgegeben hat bei ca. 450km. Er hatte einfach keine Motivation mehr und ist mit dem Zug zurückgefahren. Das kann ich gut verstehen, da ich die gleichen Probleme hatte, aber für mich kam es nicht in Frage zurückzufahren. Ich habe mein spät gesetztes Ziel erreicht unter 70 h zu bleiben und bin kurz vor 17Uhr im Ziel.

Nach dem Duschen begebe ich mich wieder zum Zielbereich und sehe Peter ankommen und auch den Franzosen, der zuletzt noch Knieprobleme bekommen hatte. Auch er hat es geschafft. Ich kaufe auf dem Rückweg zum Campingplatz noch in einem riesigen Supermarkt ein, der mich an die Supermärkte in Florida erinnert. Es gibt viel Mist zu kaufen. Nach wirklichen Lebensmitteln muss ich schon intensiv suchen. Das kostet Nerven. Ich bin froh, als ich wieder draußen bin.

Es wird schon dunkel und langsam auch kälter. Ich schlafe bis zum nächsten Mittag. Als ich aufwache sind meine Arme, Hände, das Gesicht und vor allem meine Lippen dick geschwollen. Am Abend vorher hatte ich nur leicht dickere Arme und Beine bemerkt, es störte mich aber nicht weiter. Jetzt bekomme ich doch einen Schreck, besonders als ich mich dann im Spiegel sehe. Ich gehe, über den Platz und treffe auf  Stefan und Helmut aus Velbert. Er erzählt mir, dass er gestürzt ist, weil er auf dem Rad eingeschlafen war, aber er hat Glück gehabt und er und das Rad sind heile geblieben.

Ein anderer gesellt sich dazu, der sich hat im Schritt nähen lassen müssen und dann die letzten 100km im Stehen gefahren ist. Peter kommt dazu. Er ist ca. 63Stunden gefahren. Es scheint ihm sehr gut zu gehen. Er will wieder zum Start um Michael Koth, den Veranstalter der Qualistrecken aus Viersen, in Empfang zu nehmen. Er verspricht mir als Souvenir ein Paris-Brest-Paris Schild mitzubringen.

John Omlo, den Veranstalter aus Enschede kann ich nicht sprechen. Er schnarcht vor sich hin. Seine Begleitfrau, die ich aus Enschede schon kenne, massiert einen anderen Fahrer und ich erfahre von ihr, dass John in Loudèac leider aufgegeben hat, da seine Rad kaputt war und er nach der Reparatur keinen Nerv mehr hatte, weiter zu fahren. So ist bei seiner dritten Teilnahme nichts aus seinen 66 Stunden, die er sich vorgenommen hatte, geworden. 

Wie ich feststellen kann, haben auch noch andere die dicke Unterlippe und ähnliche Probleme durch Wassereinlagerungen wie ich. Die Taubheitsgefühle in Händen und Füssen können bis zu drei Monaten anhalten, wird mir gesagt. Die Taubheitsgefühle in den Füßen merke ich erst nach einigen Tagen richtig, dafür sind sie nach inzwischen 3 Wochen noch nicht weg. Gegen Abend entscheide ich nach Herne zurückzufahren. Ich würde gerne gleich am Wochenende wieder fahren, aber mein Hintern ist dagegen.

Über 4000 FahrerInnen haben teilgenommen, davon ca.640(15%) abgebrochen. Ganz Europa, auch Osteuropa und Amerika ist vertreten. Eine ganze Menge Leute fahren nicht zum ersten Mal. Die meisten TeilnehmerInnen sind zwischen 40-60 Jahre alt.

 
Drucken

Inhalte, Konzept und Umsetzung: Hermann Dirr, Templates: intwerb.de