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Teil 5: Der vierte Tag (ein lautes Hin und Her und Feierstimmung)

Aah! Tat das gut. Der Ort schläft noch, als ich mich aus dem Hotel und hinaus auf die Landstraße schleiche; vorbei an dem Restaurant, auch hier alles dunkel, in Richtung Forcoli, meinem gestrigen Etappenziel. Ich fühle mich wie neu und rausche nur so die Abfahrt hinunter, während es langsam hell wird. In der Bar Pasticceria Antica Piazza stempele ich um 6:00 Uhr, genau 1 h hinter der Planzeit. Hier frühstücke ich kurz, bevor ich die vierte Etappe starte. Das Profil verspricht ca. 5500 Hm auf 250 km bis zum Etappenziel, dem Passo Pianazze- und dabei sind die ersten 85 km noch flach- bzw. bis Castelnuova leicht ansteigend.

Da die Zeitfenster der Kontrollen aber jetzt keine Rolle mehr spielen würden, sehe ich den Bergen der Abruzzen gelassen entgegen. Also rolle ich mich langsam ein- dies ist ja mein eigentliches Terrain- und ich komme gut voran. In Altopascio trinke ich noch eine Kaffee und beantworte die eingegangenen SMS- fast wie Postkarten schreiben im Urlaub. Die Straßen hier in der Nähe von Lucca sind recht groß und viel befahren. Irgendwo an der Strecke sehe ich einen Radsportladen, wo ich den Reifendruck wieder auf 8,5 bar bringe.

Das Profil in meinem Roadbook zeigt vor Castelnuova einen kräftigen Anstieg- ich wußte aber durch eine SMS von Michael, dass hier der GPS- Track nicht mit den Pfeilen und dem Roadbook übereinstimmt. Gerne folgte ich hier den gelben Pfeilen, die mir diesen Anstieg ersparten. So blieb diese Etappe eine reine Flachetappe. Viele Gruppen von Radsportlern kamen mir entgegen- einige grüßten und einige nicht. Da die letzteren meist schneller unterwegs waren, nahm ich an, dass diese wohl Profis sein müßten. Vor Castenuova gab es einen Stau- im Ort war Markt.

Die Kontrollstelle war eine kleine Bar gleich am Anfang der „Fußgängerzone“. Einige Randonneure standen draußen an Tischen- es herrschte so etwas wie Volksfeststimmung. Stempeln konnte man am Tresen, an dem schon fleißig Wein ausgeschenkt wurde. Eine wunderschöne Bar- hier hätte ich gerne länger verweilt. Vielleicht besuche ich diese Bar eines Tages wieder, denke ich. Nun will ich aber bald weiter, denn der erste lange und harte Anstieg steht bevor. Vorher muß ich mich noch zu Fuß über den Markt schlängeln. Eine Alternative sehe ich nicht, denn der ganze Ort scheint mit Marktbuden voll gestopft.

Bevor ich mich allerdings richtig im Anstieg befinde, pausiere ich kurz, um den Rest meines Energieriegels in Form einer Salami zu essen. So gestärkt, kann er kommen, der Passo Carpinelli. Der Anstieg ist nicht gleichmäßig, man kommt nicht in einen Rhythmus. Es gibt sogar zwischendurch wieder Abfahrten, bei denen man die eben erklommene Höhe wieder zunichte macht. Doch irgendwann komme ich doch oben an- hier werde ich sogar begrüßt und heran gewunken.

Zwei Italiener sitzen auf einer Bank, essen genüsslich ein Brathähnchen und trinken dazu Wein. Sie fordern mich auf, auch den Wein zu trinken- dieser wäre aus der Region, besonders gut und ich müsse ihn probieren. Ich möchte eigentlich nicht, lasse mich allerdings dann doch überreden, einen Schluck zu probieren. Zum Glück blieb dieser ohne Folgen.

Er versucht mir dabei etwas von „ Stefan, Stefan“ zu erzählen und es dauert eine Weile bis ich begreife, er meint „Stefan“. Das lag nicht am Wein- ich rechnete einfach in dem Moment nicht damit. Stefan hätte einen Defekt am Rad- die Hinterradnabe sei gebrochen und er würde versuchen in Aulla Ersatz zu bekommen. Nun hatte ich ein Zwischenziel. Gerne hätte ich Stefan dort getroffen und, wer weiß, vielleicht hätte ich ihm auch helfen können. Es gab erst einmal eine rasante Abfahrt und auf dem längeren Flachstück bis Aulla traf ich einen italienischen Cyclo- Tourist, der in der gleichnamigen Zeitschrift von der Mille Miglia gelesen hatte und nun hier auf der Strecke fuhr, in der Hoffnung Randonneure zu treffen. Wir tauschten uns kurz aus und fuhren dann ein Paarzeitfahren bis wir in Aulla eintrafen. Er steuerte sogleich einen Wasserspender am Straßenrand an, wo wir uns erfrischten. Von Stefan leider keine Spur. Ich gönnte mir einen Kaffee und ein Eis in einer Bar im Schatten, bevor ich wieder weiter rollte. Der Italiener fuhr wieder zurück, um den nächsten Randonneur ein Stück zu begleiten.

Bis Brugnato, der nächsten Kontrollstelle waren es noch ca. 30 km, die sich entlang eines Tales relativ flach dahin schlängelten. Die Kontrollstelle lag vor dem Ort, auf einer Verkehrsinsel strategisch günstig gelegen. Eine Tourist- Info gab es dort auch- doch dort war man scheinbar nicht informiert über die vielen Radfahrer, die hier hielten!? Vor einer Landkarte stehend, fragte ich nach dem weiteren Weg und er erzählte mir etwas von Sehenswürdigkeiten der Region und wie man dort mit dem Rad am besten hinkäme- ein anderes Mal gerne- heute mache ich keine Abstecher von der Route. Ich fahre also auch nicht hinein in den historischen Ort um Verpflegung zu kaufen, sondern gleich links wieder auf die Hauptstraße.

Hinter einem Tunnel halte ich an, um den Rest der Salami zu essen, der allein mich sicher nicht über den Passo Cento Croci bringen würde. Ca. 25 km steigt die Straße langsam an, um dann auf weiteren 15 km 700 Hm unter sich zu lassen. Bevor es richtig steil wird, kommt, wie gerufen, auf der rechten Seite eine Tankstelle mit angeschlossenem kleinem Café. Es gibt einen Kühlautomaten voller Getränke, auch Energy- Drinks und Cola. Dazu bestelle ich zwei große Sandwiches. Die Wirtin lehnt sich über die Theke und redet etwas- ich bin mitten in einem Road- movie.

Bevor ich weiter fahre, entrümpele ich meine Gepäckträger- Tasche und entledige mich jeglichem überflüssigen Gewicht. Ich kann nicht gerade sagen, dass ich den Berg hoch fliege. In meiner Erinnerung bleibt dieser Anstieg als der härteste der ganzen Tour. Passo Cento Croci ist der erste der vier Spitzen über 700 m, die auf der Etappe von Brugnato bis zum Passo Pianazze zu erklimmen sind.

Ich glaube es ist der zweite Anstieg, der gerade frisch geteert wurde. Der Asphalt ist noch weich und hat eine enorme Haftfähigkeit. Jedes Steinchen bleibt natürlich am Reifen kleben. Zum Glück bekomme ich keinen Platten. Auch fährt ein offizielles Begleitfahrzeug jetzt jeden Pass mit, wartet oben, verteilt Wasserflaschen an die Fahrer. Von denen sind jetzt einige auf der Strecke, das gibt ein gutes Gemeinschaftsgefühl.

Auch auf dem zweiten Pass mache ich eine kurze Verschnaufpause – hier sehe ich, glaube ich, Peter zum ersten Mal wieder. Während ich später von der dritten Spitze hinunter rolle, wird es langsam Dunkel. Im Tal unten ist es sogar richtig kühl und in der Pizzaria, in der ich anhalte, um einen weiteren Café Dopio zu trinken, dagegen angenehm warm. Auch hierher würde ich dann später einmal wiederkehren und eine Pizza aus dem Steinbackofen essen.

Nur noch der letzter Anstieg zum Passo Pianazze trennte mich von meinem Tagesziel. Ich hatte den Eindruck, dass jetzt immer mehr Randonneure vor oder hinter mir im Anstieg waren. Kurz vor 22 Uhr konnte ich mein Roadbook abstempeln lassen- eine Stunde vor meiner Planzeit. Ich hatte also an diesem Tag gut 2 h aufgeholt- gute Idee, die letzte Nacht im Hotel verbracht zu haben. Oben auf dem Pass sah es aus wie auf einer Alm. Es gab ein Restaurant, in das ich mich alsbald begab, nachdem ich mich an der Kontrolle nach Jens, Stefan und Michael erkundigt hatte. Leider konnte man mich nicht verstehen.

Im Lokal war es brechend voll- ein lautes Hin und Her und Feierstimmung. Ich verkrümelte mich in die hinterste Ecke, wo wieder einmal mehr die bekannten Dänen saßen. Manni tauchte auch irgendwann auf und ich bat ihn an meinen Tisch. Ich hatte Pizza bestellt, die ich bis auf den dunklen Rand aufaß. Manni aber zitierte eine Randonneurs- Regel, §§soundso, den ich noch nicht kannte, nach dem man alles auf zu essen habe. Da ich mich weigerte, aß Manni die dunklen Krusten.

Vorher hatte er schon mit dem Wirt verhandelt. Freundlicherweise überließ er uns für diese Nacht seine Moped- Garage und legt sie auch noch mit Decken aus.

„Also, warum sitzen wir hier noch?“ Als wir gerade zur Garage herüber gehen wollen kommt Jens zur Kontrolle- er will aber bald weiter fahren. Auch Peter und Ernesto (?) kommen an und zusammen mit den beiden machen wir es uns in der Garage gemütlich- sogar unsere Räder können wir mit hinein nehmen. Die Handy- Wecker werden auf 5 Uhr gestellt. Ich bin wieder einmal froh meine Matte und den Schlafsack dabei zu haben. Die anderen Drei liegen unbedeckt auf dem harten Boden.



Zuletzt geändert von Administrator (admin)  am 07 Aug 2012  um 14:36:28
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