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Tourname: Brevet 600 km Osterdorf           
Verein: ARA-Nordbayern
VerfasserIn: Manfred Kiesel
Datum: 2007
Startort: Osterdorf
Tourlänge: 600 km
Höhenmeter in M:  

 

Den Start habe ich - dank Karls Anfahrtskizze - schnell gefunden und das Wohnmobil auf dem Dorfanger neben der alten Schule geparkt. Den Abend verbrachten die bereits anwesenden Randonneure beim "Alten Wirt" bei Einheitsessen (Nudeln) - nur die Getränke mussten bestellt werden - zu einem Preis, den es sonst nirgendwo gibt. Und es gab sogar Nachschlag! Ich liebe Franken. 

Die berühmte Startrede gab es am anderen Tag um zehn Uhr zur Abwechslung nicht vom Autodach aus, dann fuhren die Gruppen in verschiedene Richtungen los - rechts hinunter nach Pappenheim die 1000er Teilnehmer, nach links in Richtung Geislohe wir, die wir "nur" 600 km fahren wollten. Was tue ich hier, warum tue ich das? Ich habe keinen Plan, was diese Distanz betrifft. Nur mit Karls Streckenplan bewaffnet, zu dem auch ein Kartensatz und einige Detailzeichnungen gehören, gehe ich diese Strecke an, mit dem festen Willen, sie unter allen Umständen korrekt zu Ende zu fahren und damit die Qualifikation für Paris zu schaffen. 

Die Fahrt über die ersten Ortschaften Geislohe und Göhren verläuft leicht wellig. Schnell bilden sich Gruppen und Grüppchen, die alle nach und nach vor mir verschwinden. Ich kann unbeschwert fahren und mich mit dem Streckenplan vertraut machen. Er basiert nicht, wie ich es in Hamburg und in Maastricht kennengelernt habe, auf Abbiegepunkten, sondern auf Ortsnamen. Wenn im Zusammenhang mit einem Ort mehrere Aktionen erforderlich sind - z.B. mehrfach abbiegen - dann wird das durch Zusatzinformationen deutlich gemacht. Dieses System hat seine Nachteile, es kann aber funktionieren, wenn es dem Ortsunkundigen alle Informationen, die er haben muss, korrekt und vollständig zur Verfügung stellt. 

Über Bieswang fahre ich durch Schönau und Schernfeld Richtung Kinding. Zwischendurch kommen einige stärkere Wellen, vor Pfahldorf sehe ich zwei Mitstreiter vor mir. Sie kommen langsam näher und ich erkenne Lissy aus München mit ihrem pinkfarbenen Unikum. Mit ihr fährt ein mir unbekannter Randonneur im flammenfarbenen Trikot von PBP 2003. Als der zum Entsorgen kurz anhält, kommt es zum Zusammenschluß. Allerdings bleibt nur Lissy bei mir am Rad, der Fremde hält immer ein paar Radlängen Abstand. Über Enkering kommen wir bei km 42 zur sehr frühen ersten Kontrolle an der Aral-Tankstelle in Kinding.

Außer dem Stempel ergänze ich nur Wasser. Lissy will gleich mit mir weiterfahren, sie hat noch zwei volle Flaschen, weil sie bisher nichts getrunken hat. Unser dritter Mann isst etwas und bleibt daher zurück. Ich warte und warte, während meine Begleiterin endlos in ihrer Packtasche kramt. Weiber halt ... endlich ist sie fertig und fährt folgsam hinter mir her, während ich uns einmal komplett um den Kreisel führe, bis ich Klarheit über die weitere Richtung gewonnen habe. Nach 500 Metern geht es links ab in eine richtige Steigung. Kurz darauf drehe ich mich um und bin allein. Also dann weiter im Rhythmus. 

In Haunstetten fahre ich Richtung Wiesenhofen, in dieser Gegend sehe ich Hopfenanlagen am Weg und freue mich auf das fertige Produkt im Ziel. Litterzhofen und Wirbertzhofen sind die nächsten Orte, ehe ich nach einer Abfahrt nach Berching komme. Es gibt eine kleine Irritation über die Wegführung, ich treffe weitere Fahrer, die sich unsicher sind, aber letztlich ist es klar, wir kommen zur B299 und biegen danach links ab. Es geht bergauf und die angegebene Kreuzung ist keineswegs nach 1,3 km erreicht, erst nach einigen Kilometern kommt sie und ich fahre in Richtung Holnstein. Von dort geht es nach Erbmühle und Richtung Staadorf. Vor dem Ort wird an der Straße gebaut, hier soll ich links abbiegen und den Berg hochfahren.

Die Straße ist ein kurzes Stück etwas holperig, lässt sich aber befahren. Es ist eine kleine Nebenstraße und sie führt nach Breitenbrunn. Ortsnamen, die auf -brunn enden ... na Ihr wisst ja. Von den nächsten Orten - Langenthonhausen, Mungenhofen und Hemau - habe ich keine konkrete Erinnerung. Ich fahre auf einem Radweg eine Straße entlang und biege rechts auf die B8. Hier verläuft der Radweg linksseitig, deshalb bin ich an der Kreuzung garnicht draufgekommen und fahre die eineinhalb Kilometer auf der Fahrbahn, ehe es links abgeht in Richtung Haag. Vor dem Ort gibt es eine Geheimkontrolle. Hierher sollen schon Leute, die sie verpasst hatten, von Karl Meixensberger aus zurückgefahren sein, um noch den Stempel zu holen. Von Haag führt eine Abfahrt nach Laaber (mit Baustelle) am gleichnamigen Fliessgewässer, also an der Laaber, die in die Donau fliesst. Trotzdem geht es von hier aus nicht flach zur Donau. 

Eine oft gestellte Frage lautet, ob Karl und Petra Meixensberger in Deuerling-Haslach noch auf dem Berg wohnen. Das tun sie. Der Weg dorthin ist großzügig ausgeschildert, in der Garage (km 108) gibt es Essen und Trinken und das obligatorische Auffüllen der Trinkflaschen, was ich im weiteren nicht mehr erwähnen werde. Hier treffe ich einen Liegeradler, dem ich auf der weiteren Strecke noch oft begegnen werde. Zurück zur B8, geht es nun nach Eichhofen und - trotz Geradeaus-Symbol auf der Routenbeschreibung - links nach Schönhofen. In Alling fahre ich Richtung Kelheim und dann links nach Bergmatting. Der Ort liegt, wie er heißt, also ist wieder klettern angesagt. "Achtung Baustelle" steht auf dem Plan, die Baustelle ist nicht zu umfahren und ich trage das Rad durch die Baugrube, über Kieshaufen und an Baggern vorbei. Nun komme ich über Gundelshausen ohne weitere Hindernisse an die Donau, die bei Poikam überquert wird. 

Es gibt Ortsnamen, die nach einer so langen Fahrt keine konkrete Erinnerung mehr hergeben. So geht es mir, wenn ich jetzt Lengfeld, Teugn, Saalhaupt, Dünzling, Paring, Schierling, Buchhausen, Holztraubach, Pfaffenberg, Oberellenbach, Langenhettenbach, Bayerbach, Ober- und Unterköllnbach lese. Ich weiß noch, daß es nach wie vor dort wellig ist. Immerhin ist die Strecke lang genug, um bei schwül-warmem Wetter mein Wasser zur Neige gehen zu lassen. In Holztraubach sehe ich eine Tankstelle, sie ist aber geschlossen. So lasse ich mir im nächsten Ort bei freundlichen Anwohnern die Flaschen auffüllen. Das reicht nun bis zur Raststätte Wörth an der Isar (km 191). Hier gibt es eine warme Spaghetti-Mahlzeit, zu der ich mir eine Cola gönne. 

Die nächste Etappe führt von der Isar an den Inn, also - klar, hinauf und hinab. Niederaichbach ist noch flach, aber über Ruhmansdorf, Kleinbirken und an Harskirchen vorbei erreiche ich Obermusbach und Göttelkofen. In Kimbach, einem sehr kleinen, ländlichen Ort, soll ich Richtung Dietelskirchen fahren, finde aber weder den Abzweig noch einen Menschen, den ich fragen kann. So fahre ich in die Richtung, die die richtige zu sein schein, und komme an eine T-Kreuzung. Wohin? Rechts? Links? Von rechts her kommt ein Rennradler, den ich befrage, er nimmt mich mit nach links.

Wir kommen an eine Baustelle, müssen zweimal den Bauzaun umtragen und dazwischen die Räder über eine Fläche tragen, die mit Eisenmatten ausgelegt ist und wohl demnächst mit Beton ausgegossen wird. Wir finden herumliegende Baupläne, der nächste Windstoß wird sie wegtragen und der nächste Regen durchnässen. In Dietelskirchen bin ich wieder auf der Strecke und verabschiede mich von dem freundlichen Mitradler. 

Hinter Vilsbiburg wird es nun zunehmend dunkler und ich mache mich nachtfein. Die Strecke führt auf und ab über Frauensattling und Binabiburg nach Egglkofen. Ab hier wird eine kleine Seitenstraße befahren, die über Harpolden nach Lohkirchen steigt. Über Zangberg sehe ich noch Ampfing und erreiche bei nun völliger Dunkelheit die Aral-Tankstelle in Waldkraiburg (km 260), wo ich irgendeine Kleinigkeit esse - ich weiß nicht mehr was. 

 

Nun beginnt also die echte Nachtfahrt. Über Pürten am Inn komme ich nach Kraiburg. Die angegebene Richtung geradeaus nach Peterskirchen ist gesperrt. Die Umleitung führt mich nach links und natürlich geht es einen Berg hoch. Das gibt Bonusmeilen und -höhenmeter. Zwischendurch halte ich zum Wasserabgeben und rufe meine Frau an. Die ist begeistert, weil ich allein in Bayern durch die Nacht fahre - immerhin geht es auf Mitternacht. Normale Männer sitzen jetzt mit Bier und Knabberzeug mit ihrer Alten vor dem Fernseher und sehen irgendeine dümmliche Show an. Möchte ich normal sein? Naja wenigstens ein Bier - ich breche den Gedanken ab und erreiche dann doch Taufkirchen und Peterskirchen. 

Bei Emersham suche ich den Abzweig Richtung Obing, finde aber ums Verr... nichts. Es geht immer nur geradeaus. Schließlich bin ich kurz vor Trostberg, ich weiß, daß ich falsch bin, bin aber so machtlos wie ein Einbeiniger in einem Wettbewerb im Arschtreten. Alles was ich tun kann ist den nächsten halbwegs vernünftigen Abzweig nach rechts zu nehmen, um wieder in die Strecke zu kommen. "Kienberg" na also. Aber ich bin ein kräftiges Dreieck gefahren, als ich mich nun Kienberg nähere. Ehe ich mich darüber ärgern kann, endet das nächste Herunterschalten im Nichts - Schaltzug rechts im Schaltgriff gerissen.

Schon vorher waren die letzten Schaltvorgänge immer schwergängiger geworden. Und nun? Ich erinnere mich an einen Trick, den Ivo mir erzählt hat, entferne die Lenkertasche und die Trinkflaschen und stelle das Rad auf den Kopf, um besser arbeiten zu können. Die Schaltung drücke ich gegen die Federkraft hinein, bis die Kette sauber auf dem zweiten Ritzel läuft, und wickle das Ende des Schaltzugs um die Flaschenhalterbefestigung. Dabei hält ein mitleidiger Autofahrer, der mich hier um Mitternacht am Rand der einsamen Landstraße im Licht der Stirnlampe am umgedrehten Rad werkeln sieht. Er kommt sogar zurück - oder ist es ein anderer? - zum Nachschauen, aber mein Werk ist fertig. Ich kann mit dem Umwerfer drei Gänge für alle Fälle schalten, aber reden wir nicht über die Gangsprünge. 

Nun noch links ab am Ortsanfang anstatt rechts ab am Ortsende von Kienberg, nun sollte ich wieder richtig sein. Es stimmt, bei Rabenden, wo ich rechts abbiege und dann wieder links, kommen mir die ersten Kollegen von der 1000 entgegen. Es ist eine schnelle Truppe. Ab jetzt kommt es immer wieder zu solchen Begegnungen, mit Begrüßung und guten Wünschen.

Ab hier, sagt mir die Routenbeschreibung, soll ich immer geradeausfahren, um über Ischl und Seebruck Gstadt am Chiemsee zu erreichen. Trotzdem kommt auf einmal aus einer Seitenstraße wieder eine Gruppe 1000er und ruft mir zu "Du bist falsch!", ich wollte soeben geradeaus weiterfahren. Ja klar, es geht rechts ab, das Schild habe ich nicht gesucht und deshalb blieb es ausserhalb des Lichtkegels meiner Stirnlampe. Warum steht das nicht auf dem Plan? Auf Karl fluchend fahre ich nun rechts, suche noch einmal die Straße, wo die Vorfahrt nach links abknickt, und finde - o Wunder - nicht nur Gstadt, sondern auch Rimsting, Prien und die Shell-Tankstelle in Bernau (km 317). Der Liegeradler ist auch schon da. 

"Zurück Kreisverkehr Richt. Kumpfmühle" ich habe keinen Kreisverkehr gesehen. Also erstmal zurück zur Tanke und den Diensthabenden interviewt. Hier hätten mir die beiden zusätzlichen Skizzen geholfen, wenn ich denn draufgeschaut hätte. Dann finde ich aber den richtigen Abzweig und klettere einen herzhaften Anstieg nach Hittenkirchen und Umrahtshausen, finde auch die Straße, die von Frasdorf aus an der Autobahn entlangführt. So erreiche ich Achenmühle und verlasse den Ort wieder geradeaus Richtung Rohrdorf. Daß kurz darauf ein Schild nach links in Richtung Rohrdorf weist, läßt mich kalt, denn ich soll ja weder abbiegen noch nach Rohrdorf fahren, sondern nach Thalman. Aber weder dieser Ort noch irgendeiner der nächstgenannten wird erreicht oder auch nur angezeigt. Mittlerweile hat es zu regnen begonnen, ein frischer Wind bläst mir entgegen und ich fahre Kilometer um Kilometer in zweifelhafte Richtung. 

Am Ende komme ich an einen Abzweig nach links, der in scharfem Winkel zurück Richtung Rohrdorf führt. Also dorthin, und ich treffe auf eine T-Einmündung. Links? Rechts? Da ich von links hätte kommen müssen, probiere ich rechts und befrage einen späten, nicht mehr stocknüchternen Eingeborenen in Blasmusiker-Tracht. Nicht ganz einfach, denn wenn Du jemandem den nächsten Ort nennst, versucht er, Dich direkt dorthin zu weisen. Aus seiner Sicht richtig.

Daß das Ganze Teil einer längeren Fahrt ist (wie lange, entzieht sich sowieso dem Begriffsvermögen normaler Menschen) und daß das eigentliche Problem das Wiederfinden der Streckenführung ist, muß erst noch begriffen werden. Also zurück, an meiner Einmündung vorbei, aus dem Ort heraus und am T rechts. Nun wird mir klar, warum Rohrdorf nicht auf dem Plan steht: die Umgehungsstraße, die ich von Achenmühle kommend fahren sollte, geht daran vorbei. Es hätte heißen müssen: in Achenmühle geradeaus Richtung Rohrdorf, dann links, auch Richtung Rohrdorf, und diesen Ort rechts liegen lassen. Warum kann das so nicht in der Routenbeschreibung stehen? 

Nach meiner Rechnung sollte ich irgendwo ab Prien auf Kurt und Peter treffen, die den 1000er fahren. Sind wir unerkannt aneinander vorbeigefahren, oder sind die beiden durchgekommen, während ich zuletzt mehrfach von der Strecke abgekommen war? Die nächsten Orte, Thalman, das ich nun wirklich erreiche, Sinning und Altenmarkt, liegen bereits klar jenseits der Streckenhalbierenden. Irgendwo in einem der genannten Orte dann doch wieder eine Begegnung mit Hallo hin und her und dann Gebrülle, denn die dunklen Gestalten auf der Gegenspur haben meine Stimme erkannt.

Ich fahre ein paar Meter zurück, herzliche Begrüßung. Wir essen eine Kleinigkeit aus unseren Vorräten und erzählen. Die beiden, obschon zu zweit und eigentlich schneller als ich, sind nicht einmal bei der Hälfte der 600 km-Teilstrecke. Sie berichten von großen Orientierungsproblemen trotz GPS und daß ein heftiger Streckenteil auf mich zukäme. Immerhin, das steht auf der Routenbeschreibung, da ist mehrfach "starke Steigung" angegeben. Eine davon ist der Hundhamer Berg. Zu diesem Zeitpunkt hoffe ich noch, diesen bei Dunkelheit zu erreichen, die mir die Sicht gnädig verhüllen würde. 

Unser Palaver am Straßenrand erschreckt eine kleine Gruppe nachfolgender 600er-Fahrer, die just in diesem Augenblick passieren, das ist jedoch rasch aufgeklärt. Wir fahren in unsere jeweiligen Richtungen weiter. Vor mir liegen Großholzhausen und Litzeldorf, und die Morgendämmerung. Es wird hell. Das ist gut so, denn in Bad Feilnbach muß ich mich orientieren, um das richtige Ortsende zu finden, bei dem der Anstieg nach Hundham beginnt. Nun fahre ich also doch sehenden Auges in diesen Anstieg hinein. Er ist anspruchsvoll, ich komme aber mit meinem zweitgrössten Ritzel ohne wirkliche Probleme hinauf. In Wörnsmühl ist der Abzweig nach links gut zu finden, und auch die nächste Steigung nach Hausham ist bald überwunden. Die Hauptschwierigkeiten dieses Streckenteils liegen nun hinter mir. 

Obgleich ich mir sicher bin, in Hausham richtig abgebogen zu sein, sehe ich den nächsten angegebenen Ort, Gschwendt, nicht. Statt dessen biege ich an einem T rechts ab und erreiche ohne Probleme Gmünd am Tegernsee. Vor die nächste Kontrolle hat der Streckenbauer noch einmal einen kleinen Anstieg nach Finsterwald, Häuserdörfl und Waaskirchen gesetzt. Von dort geht es immer leicht abwärts nach Tölz. wo ich nur noch die Sachsenkammerstraße suchen muß. Es geht rechts ab, aber wo? Zum Glück ist schon Betrieb auf den Straßen, so daß ich fragen kann, und erreiche im hellen Sonnenlicht des frühen Tages die Aral-Tanke in Bad Tölz (km 390). 

Hinter dem Haus ist das Zelt aufgebaut, das auf Bildern auf Karls Seite zu sehen ist. Theoretisch könnte ich hier schlafen oder hätte das tun können, wenn ich früher hier gewesen wäre. Nun steht die Sonne bereits recht hoch am Himmel. Im Zelt stehen Tische und Bänke zum Frühstücken. Mein Körper signalisiert keinen Schlafbedarf, und ich sehe keinen Sinn darin, mich hier hinzulegen, doch nicht einzuschlafen und die Zeit zu vertrödeln. In der Tanke wird mir Gulaschsuppe angeboten. Durch ein Missverständnis wird die Bestellung erst einmal nicht weitergereicht, zudem muß ich eh warten, bis jemand die Toilette aufschliesst. So vergeht doch einige Zeit, bis Ent- und Versorgung vollbracht sind. Es geht bereits gegen sieben Uhr, als ich wieder aufsteige und in den neuen, schon angebrochenen Tag fahre.  

Als nächstes suche ich in Tölz die Isarbrücke, um nach Königsdorf zu fahren. Natürlich finde ich bei meiner Weiterfahrt von der Tankstelle alles, nur keine Isar. Also wieder eine Bürgerbefragung. Dadurch finde ich einen schönen Radweg und eine Holzbrücke über den Fluss, die Richtung nach Oberfischbach und Königsdorf gibts gratis dazu. Fröhlich fahre ich weiter durch Beuerberg und Sankt Heinrich, als mein Hinterteil plötzlich zu rattern beginnt.

Dann springt die Kette auf das dritte Ritzel, gleich darauf auf das vierte. Das Schaltseil beginnt sich zu lösen. Same procedure as last night? Ja, für den Moment, denn es geht eine Steigung hoch, weitere werden folgen, das 19er Ritzel mag ich da nicht haben. Also knote ich das Schaltseil ein weiteres mal fest, bin aber mit der Lösung und der Aussicht auf weitere regelmäßige Nachbesserungen nicht wirklich froh. In Seeshaupt am Starnberger See gibt es keinen Radladen, ich muß weiterfahren über Magnetsried und Marnbach nach Weilheim. 

Weilheim ist Kreisstadt und ich finde schnell einen Laden, wo man mir in kurzer Zeit ein Schaltseil einzieht und die Schaltung wieder einstellt. Die Reparatur dauert eine halbe Stunde, die mir gut investiert scheint. Jetzt kann ich ich wieder alle Gänge nutzen und habe nicht die Aussicht, regelmäßig das Schaltseil frisch befestigen zu müssen. Ich folge der Beschilderung Wessobrunn. Was sagte ich zu Ortsnamen auf -brunn? Eben. 

Ohne technische oder andere Probleme fahre ich nun nach Rott, Reichling, Epfach, Denklingen, Leeder, Asch, Unterdießen und Ellighofen. Geografisch führt die Fahrt von der Isar zum Lech, also hoch, wellig und abwärts. Nur finde ich den Ort Erpfting nicht. Statt dessen gerate ich ins Lechtal auf die B17, an der entlang ich die Aral-Tankstelle am Ortseingang von Landsberg erreiche (km 484). Hier ist kalte Küche angesagt, soweit ich mich erinnere. Natürlich ist auch der gute Liegeradler da, fährt der eigentlich die gleiche Strecke ?!? 

Zurück nach Erpfting, das ich nun finde, geht die Fahrt nach Igling und Großkitzighofen gegen einen frischen Wind, der nun aufgekommen ist. Weiter fahre ich nach Lamerdingen und lese in der Routenbeschreibung "Rechts Richtung Schwabm. und links". 100 Meter vor Lamerdingen geht es rechts nach Schwabmühlhausen und dann links, aber der angeschriebene Ort stimmt nicht überein! Hätte ich mal lieber vor Lamerdingen auf die Karte geschaut, dann hätte ich gesehen, daß mit Schwabm. Schwabmünchen gemeint war. Aber wer schaut schon an jedem Eck auf die Karte, vor allem, wenn er glaubt, die Fahranweisung richtig verstanden zu haben? 

Und jetzt, zurück? Ich bin bereits in Langerringen, und der Karte nach ist es geschickter, quer Richtung Schwabmünchen in die Strecke zu fahren. Das ist aber einfacher gedacht als getan, denn alle Straßen scheinen in die falsche Richtung zu führen oder in Schotterwege überzugehen. Schließlich finde ich den Kreisel Ettringen Ost und fahre nach rechts wie in der Beschreibung angegeben an der Firma Lang Papier entlang. Nach 2,8 km soll ein kleines Schild linksseitig nach Siebnach weisen. Die Straße macht alle möglichen Biegungen, zeigt aber nirgendwo Siebnach an. Dafür komme ich nach Höfen, das ich eigentlich rechts hätte liegen lassen sollen. Von hier finde ich Aletshofen und bin wieder mal auf der korrekten Strecke. 

In Schwabegg gibt es eine kleine giftige Steigung. Im weiteren Verlauf nach Leuthau, wen sehe ich da? Unseren Freund mit dem Liegerad. Er stammt aus der Gegend und hat daher keine Schwierigkeit, den Streckenplan zu interpretieren. Es sollte auch für mich nun die vorletzte Schwierigkeit sein. Für eine Weile bleiben wir ungefähr gleichauf und befahren Klimmach, Waldberg und Gessertshausen, aber Rennrad und Liegerad bleiben Fremde, die nicht voneinander profitieren können.

So bin ich bald wieder allein auf der Strecke. Deubach und Rommelsried sind die nächsten Orte, dann überquere ich die B10 und fahre nach Adelsried. Der böige Wind kommt mal von vorn, mal von der Seite, das bleibt auch so in Welden und in Emersacker. In Laugna, dem letzten Ort vor der Kontrolle, geht dann der kräftige Schauer los, ich halte auf der Kuppe an und ziehe die Windweste an. Die hält nicht wirklich viel ab, bis zur Tankstelle in Wertingen (km 571) bin ich durchnässt. Wir (wer ist da wohl noch dabei?) gönnen uns hier eine Pizza. 

Das alles ist schneller erzählt als erlebt, es ist nun schon später Nachmittag. Bei der Weiterfahrt hat der Schauer aufgehört. Es sind nun nur noch knapp 70 km zu fahren, das Ende der Fahrt ist bereits in Sicht! Über regennasse Straßen fahre ich nun mit dem Wind durch Butterwiesen (der Ort heißt so !!!) und Lauterbach, lasse Mertingen links liegen, überquere die B2 nach Oberndorf. Dieser Teil der Strecke ist flach, und eigentlich sollte der Liegeradler vor mir sein, dies hier ist sein Terrain. Er fährt aber seinen ganz eigenen Rhythmus und ich sehe ihn erstmal nicht wieder.

Das Abbiegen in Oberndorf in Richtung Marxheim/Feldheim suche ich vergeblich und fahre mittels einer Auffahrt, die genausogut zu einer Kraftfahrstraße gehören könnte, auf die B16 in Richtung Rain. Es ist aber weder eine Autobahn noch eine Kraftfahrstraße und auch nicht für Fahrräder verboten und auch nicht vierspurig. Dennoch wird hier schnell gefahren und ich fühle mich nicht wohl. Ob ich hier überhaupt richtig bin? Ich verlasse die B16 an der Abfahrt Feldheim, danach wird sie auch eine Kraftfahrstraße, und finde korrekt Feldheim und Niederschönenfeld. Trotz meiner Neigung zum Verfahren und obwohl von Schwierigkeiten auf diesem Streckenteil berichtet wurde, habe ich mich zumindest hier nicht verfahren. 

Nun wird die Donau passiert, ich erreiche Marxheim. Ab hier kann ich, wenn es Probleme gibt, überall meinen Schlußstempel holen. Es beginnt wieder zu regnen und die Strecke soll hügelig werden, aber das sind keine Probleme. Ich muß sowieso zu meinem Wagen nach Osterdorf und ich habe Zeit ohne Ende, also warum soll ich hier jemanden suchen, der einen Stempel hat? Im Ort sehe ich zwei Randonneure, die offenbar gestempelt haben und gerade ihre Räder auf den Radträger eines Vans packen, der sie wohl hier abholt. Ich lächle. Hätte ich gewußt, was noch kommt, hätte ich vielleicht gefragt, ob ich mitfahren kann. Hmmm. Nein, hätte ich nicht. Obwohl es besser gewesen wäre. 

Ich bin in gelöster Stimmung, als ich nach Schweinspoint hochkurbele. Dieses Brevet gehört mir, selbst wenn ich jetzt noch einen irreparablen Defekt hätte, könnte mir das niemand mehr nehmen. Die letzten 30 km sind noch eine Formsache, und Ehrensache auch. Obwohl es noch lange nicht Sonnenuntergang ist, ist es so duster, daß ich zur Sicherheit das Rücklicht einschalte. Der nächste Ort heisst Gansheim, nun müsste auch Kuhdorf kommen, um den Zoo zu vervollständigen. Statt dessen lasse ich Burgmannshofen rechts liegen und es regnet immer stärker, während ich die Höhe gewinne zum Blossenauer Abzweig.

Als ich den erreiche, habe ich den Wind schräg von vorn. Was sage ich Wind - das Gelände wird immer offener, und es bläst mich fast von der Straße. Bergab bin ich fast genauso langsam wie bergauf. Dabei peitscht mir der Regen ins Gesicht, daß ich die Augen schützen muß. Bei einer Überdachung, wo es mir beim Öffnen der Lenkertasche nicht gleich alles unter Wasser setzt, ziehe ich den Reflektorgurt an. Licht habe ich auch schon an, also bin ich nun "in vollem Wichs" für die Nacht, obwohl es nach der Uhr noch heller Tag sein sollte. 

Es wird etwas besser, als ich rechts nach Warching abbiege, denn nun fahre ich nicht mehr in den Wind hinein. Ich muß an die 1000er Leute denken, denn die haben, falls sie jetzt von Deuerling her auf der Strecke sein sollten, dieses Gebläse samt Regen gegen sich. Wie es Kurt und Peter gehen wird? Irgendwo unterwegs hat das Handy eine eingehende SMS signalisiert, die ich aber erst im Ziel lesen werde. Sie wird mir mitteilen, daß Peter aus gegebenem Anlaß seine Leidenschaft fürs Bahnfahren entdeckt hat. 

Für mich geht es über einen Buckel nach Wittesheim und danach eine schöne Steigung (ich liebe Steigungen) nach Langenaltheim hoch. Alles, was jetzt noch kommt, der Rest vom Schützenfest, hinunter nach Pappenheim und hinauf zum Ziel. Ich hasse Abfahrten. Diese hier hätte ich unter anderen Umständen gemocht - nicht zu steil und die Kurven schön weit, nirgendwo muß gebremst werden. Sie zieht sich ohne Ende bis ganz hinunter ins Tal der Altmühl. Ich passiere ein Pappenheimer Ortseingangsschild und gleich wieder den Ortsausgang und stehe an einem T. Das kann ja wohl nicht ganz Pappenheim gewesen sein? Und über die Altmühl bin ich auch noch nicht, die ich überqueren soll. Ein Autofahrer weist mich am T nach links und dann geradeaus. Anstatt gleich rechts wiederum nach Pappenheim hineinzufahren, rolle ich nun munter an der Altmühl entlang. 

Das kann irgendwie nicht stimmen, auf diese Weise bin ich bald wieder an der Donau. "Mann wo gehts den hier nach Osterdorf? So eine Sch....!" Nach einem halben Kilometer drehe ich um und fahre nach Pappenheim hinein. So, und jetzt? Eine Tankstelle hat geöffnet, ich muß aber garnicht hinein, ein Tankkunde erklärt mir die Durchfahrt. Nach der Brücke (aha!) gibt es eine Gabelung, da kann ich rechts fahren oder auch links. Links ist kürzer und steiler. Das stimmt nun wieder gut mit den beiden letzten Zeilen der Routenbeschreibung überein. Ein letztes Leckerli, dann sehe ich Osterdorf in der Höhe vor mir liegen. Diese letzten Meter könnte ich endlos geniessen. Dann stelle ich das Rad vor der Schule ab, reiche meine Brevetkarte für den Schlußstempel ein und darf duschen und essen. 

Eigentlich sollte ich auf der Stelle einschlafen, als ich gleich darauf in meinem Bett im Wohnmobil liege. Aber ich bin emotional noch auf Drehzahl, da dauert es noch eine kleine Zeit, bis der Schlaf dann doch kommt. Es war eine sehr schöne Tour und das Drumherum stimmt auch. Von der oft beschriebenen herzlichen Atmosphäre, dem eigenen Starthaus :-) mit Speise-/Schlafsaal und sanitären Einrichtungen, Park- und Zeltplatz bis hin zum "Alten Wirt" hat hier alles gestimmt. Nur eine Bitte hätte ich an Karl, der Streckenplan könnte noch das eine oder andere Detail vertragen. Da gab es ein paar Abbiegepunkte, die nicht beschrieben waren - vielleicht lässt sich Karl dazu überreden, das für kommende Randonneurs-Generationen noch zu verbessern. Umso lieber komme ich wieder nach Osterdorf. Danach kann man echt süchtig werden.
 

Manfred Kiesel

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