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Tourname: Weserbergland-Brevet 600 km
          
Verein: ARA Weserbergland
VerfasserIn: Joachim Werner
Datum: Mai 2007
Startort: Großenwieden (Hessisch Oldendorf)
Tourlänge: 600 km
Höhenmeter in M:  

 Um 21 Uhr gings an der Weserfähre los. Obwohl die Startgruppe im Verhältnis zu Wachtendonk klein war, trat schnell der bekannte Effekt ein. Das Feld teilte sich in Außerirdische und die 'Trödelgruppe', obwohl es hier immer noch ca. 30 km/h waren. In knapp einer Stunde war die erste Kontrolle erreicht. Hier zersplitterte das Feld weiter, fast jeder startete für sich. Auf der anderen Weserseite wurde wieder etwas zusammengefahren, bis es rechts ab und den ersten Berg hoch ging.

Ich hatte mir vorgenommen, ruhig anzufangen und auf keinen Fall an meine Leistungsgrenze zu gehen. Um so mehr wunderte es mich, dass ich mich im Mittelfeld halten konnte. In 2er oder 3er Gruppen ging es noch ziemlich locker durch die dunkler werdenden Hügel, an Bahnübergängen wurden regelmäßig Steckrücklichter abgeworfen. Einige waren wohl bei ihrer Ausrüstung noch in einer frühen Experimentierphase. Nach dem Weserbergland wurde es in Richtung Teutoburger Wald erst mal wieder flach. Langsam wurde es wieder heller, da wir jetzt auf ein ziemliches Gewitter zufuhren.

Am Beginn des Anstieges nach Oerlinghausen waren plötzlich wieder alle zusammen, einige hatten aber jetzt schon ein paar Bonus-km auf dem Tacho (GPS-Track muss halt richtig vorbereitet werden). In Oerlinghausen hat dann pünktlich um Mitternacht der Regen richtig zugeschlagen. Als bekennender Schönwetterfahrer hab ich nach einem Unterstand gesucht, und einen für die Pfingstfeiertage freigeräumten Gemüseverkaufsstand gefunden. 4X4 Meter trockener Boden inmitten des Unwetters.

In den nächsten 2 Minuten tauchten dann auch noch Dan und Jürgen auf und wir beschlossen, den kurzen heftigen Schauer auszusitzen. Heftig war der Regen, aber nicht kurz. Erst um viertel nach 1 hatte der Regen soweit nachgelassen, dass wir uns wieder auf die Straße trauten. In der Zwischenzeit hatte ich Gelegenheit, mir die Ausrüstung meiner beiden Mitstreiter etwas näher anzuschauen. Dans Rad war mit einem Rucksack zwar auch überdurchschnittlich beladen, aber Jürgen hatte eine richtige Trecking-Ausrüstung dabei. Schlafsack, Isomatte etc. Dazu ein schweres Rad mit Nabenschaltung, eine ziemliche Herrausforderung für das erwartete Streckenprofil.

Als wir uns dann wieder auf den Weg gemacht hatten, verschwand Dan relativ schnell nach vorn. Da mir sein Tempo etwas zu schnell war, ließ ich ihn ziehen und fuhr mit Jürgen weiter durch die jetzt wieder trockene Nacht Richtung Soest. Unterwegs erzählte er mir von seinen vielen Brevet-Starts und seinen wenigen Ankünften - mir war nicht so wohl dabei. 10 km vor Soest brach er fast zusammen. Wenn man bedenkt, was er an Gewicht mit seiner 5-Gang-Schaltung durch die Nacht schleppte, muss er trotz nur 25 km/h permanent am Limit gefahren sein. Als wir dann in der etwas ungewöhnlichen 2. Kontrolle, der Autobahnraststätte Soest angekommen war, fiel er auf eine Bank und war nicht mehr zum weiterfahren zu bewegen.

So stand ich dann bei km 142 allein da und konnte jetzt den Brevet V8-mäßig fahren. Mit nur einer Stunde auf das Zeitlimit machte ich mich wieder auf den Weg. Auf den nächsten Kilometern kamen mir Gruppen aus Brühl entgegen, jedesmal mit einem freundlichen 'Hallo'. Nur die letzten, an denen ich kurz vor der 3. Kontrolle in Neheim vorbeifuhr, sahen schon richtig angegriffen aus. Mir war klar, die richtigen Herrausforderungen würden erst noch kommen. Auf dieser Strecke habe ich eine halbe Stunde aufs Zeitlimit gutgemacht. Hinter Neheim ging es richtig ins Sauerland.

Der Kurs führte quer zur vorherrschenden Richtung der Täler, so dass es richtig rauf und runter ging. Bergfloh hätte seine helle Freude gehabt. Bergab musste ich langsam fahren, nasse Straßen und unübersichtliche Kurven. Bergauf konnte ich nur langsam fahren. In Meinerzhagen hatte ich die halbe Stunde wieder verloren. Danach fing es wieder richtig an zu schütten und ich konnte testen, was von meiner Ausrüstung wirklich wasserdicht war (Die Tasche auf dem Gepäckträger übrigens nicht). Aussitzen war nicht mehr möglich, der Kontrollschluss drohte.

Nach endlos erscheinenden Stunden wurden die Berge zu Hügeln und die Hügel flacher, Köln kam in Sicht. Ich hab die Gelegenheit genutzt und mit einem kleinen Umweg Schlafsack und durchnässte Reservekleidung entsorgt. Dann durch die 'Schäl Sick' zur Rodenkirchener Brücke durchgesucht, Richtung Wendepunkt Brühl. Auf der Brückenabfahrt kam mir die Gruppe von Ulli entgegen. Hier war ich also auf dem richtigen Weg. Weiter nach Brühl, jetzt konnte ich sogar meine Sonnenbrille nutzen, verrücktes Wetter. Die Wendekontrolle in Brühl hatte noch geöffnet, schnell den Stempel holen, Essen umpacken, ein Nutella-Brötchen einschieben und 30 Minuten vor dem Zeitlimit weiter. In Brühl kamen mir insgesamt noch 3 Fahrer entgegen die auch nicht sehr fit aussahen - für die würde es extrem knapp werden.

 

Auf dem Rückweg wieder ins dunkle Bergische. Unterwegs fahre ich an einem Gasthof vorbei, an dem einige Radler gerade aufsteigen. Ullis Gruppe hat eine Stunde Essenpause eingelegt. Nach kurzer Unterhaltung sind sie wieder weg. Ich versuche nicht mal mehr, das Tempo mitzugehen. Bis Meinerzhagen ging es noch ganz gut, danach taten die Steigungen richtig weh. Kette links aufs Rettungsritzel (welche Übermenschen können so was mit nem Zwilling fahren?) und mit 8-10 km/h langsam hoch. Bewölkt, außerhalb der Ortschaften und im Wald pechschwarz. Außerhalb der Scheinwerfer absolut nichts zu erkennen. Kein Geräusch außer dem Knartzen des Fahrrades und dem Keuchen des Atems.

Selten ein Auto von vorn oder hinten. Dann die Begegnung der dritten Art. Bei km 400 fliegt über einen Gegenhang geräuschlos ein Schwarm grellweißer kleiner Lichter, kommt in sanftem Bogen auf mich zu und ruft 'Gruß ans Weserbergland'. Die Brühler Führungsgruppe. Die haben mit doch tatsächlich fast 100 km abgenommen. Auf den nächsten km geht mein Getränkevorrat zur Neige, und in den ganzen Kuhdörfern keine offene Tanke. Dann aber ein Lichtblick.

In der einzigen Kneipe einer 10 Häuser Ortschaft ist morgens um 2 noch Licht. Also hinein und nach nem Liter Apfelschorle gefragt. Die gesamte männliche Einwohnerschaft des Dorfes schien dort versammelt, alle wenigsten so angeschlagen wie ich. 'Haschu da nen driddes Auge?' = Frage nach der Stirnlampe; 'Wasnims Du dennfürn Doping?' Der Wirt war jedenfalls hilfsbereit und als die Gäste anfingen, sich zu prügeln, wer denn meine Schorle bezahlen dürfte, hab ich mich mit einem Danke schnell davon gemacht.

 

An der 7. Kontrolle in Neheim hab ich dann noch 2 aus meiner 300er und 400er Wachtendonk-Gruppe getroffen, die von Brühl aus gestartet sind. Sie erzählten etwas von einem steilen Feldweg im Weserbergland und ich begriff so langsam, das Hinweg und Rückweg nicht gleich sein würden. Mit 5 Minuten aufs Zeitlimit hab ich mich dann auf nach Soest gemacht.

Langsam setzte die Dämmerung ein und immer stärker machten sich die 2 durchgefahrenen Nächte bemerkbar. Ich, der auf jeder Fete um 2 Uhr zusammenklappt, bin jetzt 43 Stunden wach und kann mich noch bewegen und halbwegs klar denken - Sachen gibts. An der Kontrolle in Soest war es schon richtig hell, 5 Minuten vor Kontrollschluss hab ich mir den Stempel geholt. Aber dann war auch Schluss. Bis zur nächsten Kontrolle viel flaches Land und viele Stunden, da kannst Du noch was aufholen. Von links lache mich eine Sparkasse an, mit einem großzügigen Geldautomatenvorraum. Wer wird schon Pfingstmontag um 5 Uhr Bargeld brauchen. Rad reingestellt, Handywecker auf eine halbe Stunde und weg war ich.

Als der Wecker mich nach Sekunden aus dem Schlaf riss, hab ich mich wesentlich besser gefühlt. Nur saukalt war es. Also alle noch verfügbaren Klamotten, egal ob nass oder nicht, angezogen und weiter. Durch Bewegung würde es schon wärmer werden. Jetzt kam ein flacher Teil durch die, wie nannte Dan es, Agrarsteppe. Aufgeräumte aufgehübschte Dörfer, eins sah für mich wie das andere aus. Überall entweder letzte, diese oder nächste Woche Schützen-/Pfarrfest.

Man hat nicht das Gefühl, irgendwie vorwärts zu kommen, die Kilometer ziehen sich zäh und zäher. Abwechselnder wurde es erst ab dem Teutoburger Wald. Leider wechselte auch wieder das Wetter, es regnete erneut. Und dann zeigte sich, in aller Deutlichkeit, warum das Weserbergland 'Berg'-Land heißt . Während wir auf dem Hinweg noch gradlinig quer drüber gefahren sind, wollte man uns jetzt alle schönen Gipfelausblicke zeigen. Ich hatte zwischenzeitlich auch den Streckenplan mal umgedreht und festgestellt, das die zugebilligte Zeit zwischen der vorletzten und letzten Kontrolle verdammt knapp bemessen war. 23 km in 50 Minuten. Und das stand auch noch was von gemeinen Anstiegen. Jetzt wusste ich, welcher Feldweg gemeint war ...

Ich sah keine Möglichkeit mehr, noch im Zeitlimit anzukommen, aber aufgeben wollte ich eigentlich auch nicht. Mann macht sich dann die nächsten Monate nur Vorwürfe, nicht alles Versucht zu haben. Wachtendonk würde ich in meinem jetzigen Zustand in einer Woche sowieso nicht durchstehen können. Ich ärgere mich über jede Minute, die ich unterwegs vertrödelt habe. Der Engel auf der einen Schulter sagte 'Weiterfahren, alles versuchen', der Teufel auf der anderen 'Ätsch, du schaffst das nicht'. Irgendwann ist der Teufel dann eingeschlafen und es ging nur noch weiter - bergab - raufschalten - bergauf - runterschalten - bergab ....

Die Hände sind eingeschlafen - Kettenblattwechsel ist kaum noch möglich - ich friere und schwitze zugleich. Dann ist die letzte Kuppe geschafft und es geht rasend abwärts 40 - 50 - 60 km/h auf nasser Strecke. Bremsen will ich nicht und kann ich auch nicht mehr richtig, in 2 Tagen habe ich neue Bremsklötze total runtergefahren. Jetzt nach Streckenplan noch 8 km. Und, wie ich dachte, noch 20 Minuten. Könnte doch noch klappen. Also weitertreten, weitertreten, weitertreten bis zur Fähre. Als ich dem Fährmann die Stempelkarte in die Hand drücke, erkenne ich, dass ich mich verkalkuliert habe. Ich hätte noch 4 Minuten länger Zeit gehabt. Aber so ist das halt mit dem Kopfrechnen im Halbschlaf. Ankunft 14:16 Kontrollschluss 14:24. Nach mir kam noch ein Einzelfahrer ganz knapp im Limit an, das wars dann. Wenn Ulli Nr. 12 war müsste er Nr. 14 gewesen sein. Ganz schöne Ausfallquote bei 25 Startern. 

Fazit: 

Die 200 km waren 4 Stunden eine Regenschlacht, aber die Nachtfahrt danach hat mehr als Entschädigt.

Die 300 km waren fast eine Erholungstour

Die 400 km waren härter, aber in der Gruppe gut zu fahren

Der 600er war ein Erlebnis der besonderen Art, im Rückblick möchte ich nicht drauf verzichten, muss aber nächste Woche nicht nochmal sein. 

Die Radschuhe werd ich entsorgen, dort hat sich in den 2 Tagen ein geruchsintensives Feuchtbiotop entwickelt. 

Ohne GPS hätte ich mehrere Stunden länger gebraucht. 

Ich muß schneller fahren. 

Die Strecke: Track  http://www.bikely.com/maps/bike-path/600er-Brevet-Weserbergland-2007


Joachim Werner

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