rtf-radmarathon.de
Tourname: Brevet ARA Berlin 600 km
          
Verein: ARA Berlin Brandenburg
VerfasserIn: Daniel Rödding
Datum: Juni 2007
Startort: Geltow (bei Potsdam)
Tourlänge: 600 km
Höhenmeter in M:  

 

Nachdem ich den Weserbergland-600er sehr frühzeitig abgebrochen hatte war ich zunächst unschlüssig, ob ich überhaupt einen zweiten Anlauf unternehmen soll. Aber bereits 2 Tage danach war mir klar, daß ich diese Pleite nicht auf mir sitzen lassen konnte. Schließlich war es kein Abbruch aus fahrerischem Unvermögen, sondern eine Kombination aus blöden Ereignissen. So habe ich dann über die noch offenen Startmöglichkeiten sinniert, Termine und bahntechnische Erreichbarkeit sondiert und mich dann für die 600er-Randonnée der ARA-Gruppe Berlin-Brandenburg angemeldet. 

Auch dort sollte es wieder möglich sein, ein Zelt am Startort aufzustellen, so daß eine Anreise am Vortag und nach der Runde auch noch eine Übernachtung vor der Rückfahrt möglich ist. Also insgesamt eine Viertagesaktion, denn pro Bahnfahrt standen mehr als vier Stunden an. Wegen der Nutzung eines Intercity zwischen Hannover und Berlin war frühzeitige Reservierung angesagt, so habe ich mich unmittelbar nach Klärung der Anmeldung auch schon um Fahrkarten und Reservierung gekümmert. Für die Hinfahrt wollte ich dabei so wenig Stadtfahrt wie möglich in Kauf nehmen und habe entsprechend eine Fahrkarte bis zum Bahnhof Caputh-Geltow (Verkäufer am Bahnhof: "wie schreibt man das?" - "tippen 'se mal 11308 ein"), ca. 2 km vom Startort entfernt, besorgt. 

Die Anreise verlief unspektakulär, wenngleich es auf allen Bahnhöfen rappelvoll war. Ab Paderborn habe ich einen Zug eher genommen, um am Umsteigeort Hannover noch Zeit für eine Mittagspause zu haben. Der Intercity nach Berlin war ein paar Minuten verspätet, die bis Berlin aber rausgefahren wurden. Wegen eines Ausfalls der Klimaaanlage gab es auf der Fahrt kostenlose Getränke. Von Berlin weiter mit einem Regionalexpress nach Potsdam, ebenfalls wieder verspätet, leider so viel daß ich in Potsdam den Anschluß für die letzten paar Kilometer so gerade verpaßt habe. Da aber eh genug Zeit war habe ich die Stunde in Potsdam am Bahnhof bei Kaffee und Brötchen ausgesessen.

Es folgten dann noch 10 Minuten Triebwagenfahrt bis zum Bahnhof Caputh-Geltow, wo mich das System Bahn dann auf einem halb zugewucherten Kopfstein-Bahnsteig wieder ausgespuckt hat und ich dann mitten in halb kaputter Infrastruktur aus vergangenen Zeiten stand. Und wenige Minuten später war ich dann auch am Sportlerheim Geltow, ebenfalls ein schon leicht angerottetes Relikt aus alten DDR-Zeiten. 

Mit ein paar anderen Startern, die ebenfalls bereits eingetrudelt sind oder kurz nach mir kamen, warteten wir dann auf Peter Wylach, der uns am Vorabend bereits das Sportlerheim aufschließen wollte. Irgendwann kam er auch, drinnen sah es ganz passabel aus. Wir haben erst einige Zeit überlegt ob wir überhaupt draußen auf der Wiese die Zelte aufschlagen oder doch im Haus übernachten wollen. Letztlich haben wir uns für die Zelte entschieden, zumal auch unklar war, ob wir in der Nacht von Sonntag auf Montag das Sportlerheim noch würden nutzen können. Abends kamen dann auch noch ein paar Polen, die hier ebenfalls das Brevet absolvieren wollten. Abends blieb es noch lange ziemlich heiß und es gab grauenhaft viele Mücken, so daß ich erst völlig zerstochen und anschließend sehr spät eingeschlafen bin. 

Den Wecker hatte ich mir morgens auf 5:30h gestellt, Start sollte 7 Uhr sein. Aufgewacht bin ich aber schon eher und war erstmal frustriert, denn eine Mücke hat mich unterm linken Auge so dermaßen dämlich gestochen, daß das linke Auge zu einem Drittel zugeschwollen war. Das hat vermutlich ausgesehen als ob ich gerade frisch aus einer Schlägerei gekommen wäre. Erfahrungsgemäß sind solche Schwellungen aber nach einem halben Tag wieder weg, also kein Grund zur Panik. 

Morgens trudelten dann immer mehr Starter ein, es gab noch Kaffee und Kuchen, viel Betriebsamkeit weil alle ihre Räder nochmal prüften, Flaschen auffüllten und zwischendurch immer wieder kurze Gespräche. Die Starter waren allesamt nett, ein lustiger Haufen, vom Charakter der Fahrer her um einiges heterogener als z. B. im Weserbergland. Da waren ein paar "typische Rennfahrer", einige "Alt-Randonneure", Fahrer denen man auf den ersten Blick nicht ansah, daß sie mehr als 10 km auf dem Rad überleben (sind natürlich durchgekommen), ein Berliner Radkurier der am Vorabend noch mit dem Notebook vor dem Zelt saß um Fernsehen zu gucken - insgesamt eine äußerst amüsante Mischung. Insgesamt sollten es ca. 40 Starter sein, eine Frau war auch dabei (und die war wohl ziemlich fix). 

Gegen 7 Uhr dann Startaufstellung, kurze Ansprache von Peter Wylach, ein paar Fotos. Als wir gerade starten wollten kam nochmal der "Stop"-Ruf, ein verspäteter Startwilliger trudelte noch ein, auf den wurde noch gewartet. Effektiv rollte die Gruppe dann mit einer Viertelstunde Verspätung los. Es war bereits warm genug um in kurz/kurz zu fahren, die Wetterprognose lautete auf Temperaturen um 30 Grad mit Gewitter-Risiko im Nachmittag. 

Auf den ersten Kilometern bildeten sich recht bald zwei größere Gruppen. Ganz vorn die "Raser", dann eine zweite Gruppe, in der auch Organisator Peter Wylach war. Einige Fahrer sind bereits sehr frühzeitig nach hinten rausgefallen und wohl von Anfang an ihr eigenes Ding gefahren. Ich blieb zunächst bei der zweiten Gruppe, dort war das Tempo moderat und wir hatten einen Ortskundigen dabei, was sich gerade auf dem ersten Abschnitt als praktisch erweisen sollte. 

Bis zur ersten Kontrolle in Neuruppin fuhren wir ohne Pause ungefähr mit einem 27er-Schnitt. Unterwegs war dabei die Ortsquerung von Nauen ein wenig abenteuerlich, Peter Wylach führte und hier einmal frontal durch die Innenstadt, was wohl die Route recht effektiv optimierte. Der Tacho zeigte in Neuruppin jedenfalls einige Kilometer weniger an als laut Plan als "Sollstand" zu erwarten war. Unterwegs durften wir auch schon mal Bekanntschaft mit sozialistischer Straßenbaukunst schließen, auf der ein oder anderen Ortsdurchfahrt grinste uns Kopf- und Feldsteinpflaster verschiedenster Qualität hämisch an. Das kostete den ein oder anderen Fahrer auch schon die ersten Speichen. Bei mir hat alles gehalten, allerdings fing der Rucksackgepäckträger an bei gröberen Erschütterungen etwas zu knarzen. 

Hinter Neuruppin änderte sich die Landschaftsstruktur. Es wurde waldiger, die Ortschaften lagen nun deutlich weiter auseinander. Es ging nun nördlich Richtung Zechlin auf einer schwach befahrenen Straße kilometerlang ohne jegliche Abzweige durch den Wald. Schöne Gegend und hier auf wieder guter Straße auch angenehm zu fahren. Leider zog das Tempo der Gruppe teilweise unschön an, wir hatten zwei sehr unregelmäßige Fahrer dabei die jedes Mal wenn sie vorn waren das Tempo enorm nach oben gezogen haben. Da der Straßenverlauf nun auch teilweise etwas welliger wurde und ich recht viel Gepäck dabei hatte wurde mir das bald zu stressig und ich überlegte schon, hier reißen zu lassen.

Es kam dann aber doch anders, einer der Fahrer hatte nämlich eine Panne und ein Großteil der Gruppe hielt erstmal an und nutzte das als Pinkel- und Erholungspause. Hier entschied ich mich mit zwei anderen Fahrern, dann doch auf eigene Faust in gemäßigterem Tempo weiterzufahren. Da wir aber auch unterschiedliche Vorstellungen vom Tempo hatten fuhr ich nun erstmal allein bis Röbel. 

Bei Röbel wurde ein kurzes Stück der Strecke dann hin und rück befahren, um eine Tankstelle als nordwestlichen Kontrollpunkt zu erreichen. Hier sah ich einige Fahrer dann wieder. Und das erste Viertel des Brevets war zur Mittagszeit schon geschafft. 

Der nächste Abschnitt sollte nun mehr Nerven kosten. Es ging nun ein ganzes Stück auf der B198 nach Osten in Richtung Feldberg. Auf diesem Abschnitt war mehr Verkehr, der Wind kam frontal von vorn, ich hing allein im Wind und es ging nur sehr zäh voran. Irgendwo unterwegs bei Neustrelitz dann mal Futterpause in einem Buswartehäuschen, zwei weitere Fahrer gesellten sich bald dazu, kurz danach zog die Gruppe mit Peter Wylach vorbei, die allerdings wohl auch schon etwas zerrupft war. Da sind offenbar noch ein paar Fahrer mehr rausgefallen.

Den Abschnitt zur Ortschaft Feldberg haben wir dann wieder zu dritt in Angriff genommen und erstmal längere Zeit keine weiteren Fahrer gesehen. An der Kontrolltanke in Feldberg bin ich vor meinen beiden Mitfahrern wieder los und kündigte direkt an, nochmal unterwegs eine Pause einzulegen. Denn ich merkte, daß ich mich auf dem bisher gefahrenen Drittel schon ganz gut verausgabt hatte und im weiteren Verlauf einen ruhigeren Gang einlegen mußte, um dieses Brevet erfolgreich absolvieren zu können. 

Besagte Pause folgte dann auf einem Hügel im Schatten des Waldes wenige Kilometer später. Als ich mich hier hinsetzte und die Beine von mir streckte meldete der Kreislauf auch ein deutliches Warnzeichen. Hitze und bisher eher hohe Belastung, da ist erhöhte Vorsicht angesagt. Also erstmal ein paar Minuten die Beine baumeln lassen, einiges an Flüssigkeit rein, Kleinigkeit futtern und betont gemächlich weiter. 

Meine vorherigen beiden Mitfahrer schienen aber ähnlich wie ich zwischenzeitlich Pausenbedarf entwickelt zu haben. Als durch Lychen kam sah ich sie draußen bei einer Pizzaria sitzen. Da ich jetzt keinen Hunger mehr hatte zog ich vorbei, legte unterwegs im nächsten Waldstück nochmal eine Kurzpause ein und es ging weiter nach Templin. Dort traf ich interessanterweise noch auf weitere Fahrer. Es ging also nun bei einigen offenbar etwas langsamer voran. 

Nach der Kontrolle in Templin rollte es bei mir dann aber für einige Kilometer zur Abwechslung mal wieder richtig gut. Der Wind kam tendenziell von hinten, es ging mittlerweile in den Abend und war nicht mehr ganz so warm, so habe ich die Gunst der Stunde genutzt und erstmal das Tempo ein wenig hochgezogen. Dabei schloß ich dann auch auf zwei weitere Fahrer auf, die aus dem Ruhrgebiet angereist waren. Als ich auf Höhe war hörte ich, daß wohl ernstere Materialprobleme bei einem von ihnen bestanden, nennen wir ihn im folgenden mal "Pechvogel": Besagter Pechvogel hatte bereits zu einem frühen Zeitpunkt die erste Speiche verloren und es gab dann wohl bei weiteren Holperpassagen immer weitere Verluste. Natürlich hinten auf der Zahnkranzseite, und da er einen Schraubkranz montiert hatte war mit den üblichen Bordmitteln eine Unterwegsreparatur auch nicht möglich. Jedenfalls fuhr unser Pechvogel nun extrem vorsichtig, um mit dem angeschlagenen Material überhaupt noch weiterzukommen und das Risiko für weitere Verluste zu minimieren. 

Da mir die beiden zu langsam fuhren bin ich erstmal allein in meinem Tempo weiter und habe vor Liebenwalde lieber nochmal eine Pause eingelegt, die ich auch für Vorbereitung zur Nachtfahrt nutzte. Gut getan hat dabei auch ein Wechsel des Unterhemdes, endlich mal weniger verschwitzten Kram am Oberkörper. Während der Pause zogen natürlich wieder ein paar Fahrer vorbei, unter anderem die beiden. Auf dem Weg nach Nassenheide habe ich sie dann aber wieder überholt. 

Einen weiteren Fahrer traf ich dann bei der Ortseinfahrt nach Velten. Hier war im Streckenplan ein Kontrollvorschlag bei einer Tankstelle angegeben, die wohl etwas auswärts lag. Der Kollege war ortskundig und meinte, daß das wohl ein Umweg sei und andere Tankstellen bereits geschlossen. Wir haben uns dann den nötigen Kontrollstempel bei einer Videothek mit angeschlossenen Boxsport-Café besorgt. Eine - ähem - interessante Location, aber sehr freundlich. Wir bekamen sogar gratis einen Kaffee dort. Und eine Autogrammkarte von Marco Schulze, ein Boxkämpfer auf Meisterschaftsniveau. (Nein, ich kannte ihn vorher nicht, es ist aber immer wieder ulkig, auf was für Leute man wo und in welchen Situationen so trifft) 

Den weiteren Abschnitt fuhr ich irgendwie dann wieder alleine. Nur 17 km später in Falkensee brauchte ich nochmal eine Pause, dann ging es nach Potsdam (nächste Kontrolle) und anschließend wieder nach Geltow. Der Kurs, den wir fahren sollten, war quasi eine Acht und es gab auch die Möglichkeit, hier nach ziemlich genau 400 km nochmal zum Startort zurückzukehren, um dort bei Bedarf eine Ruhepause einzulegen oder ein wenig Erfrischung zu genießen.

Ich habe erst überlegt ob ich diese Möglichkeit wahrnehmen soll, mich letztlich aber dagegen entschieden. Ich hatte Angst, daß ich von dort entweder gar nicht mehr oder zu spät wieder auf die Strecke komme. Stattdessen also möglichst schnell mit abgeschaltetem Verstand durch Geltow und über den Gehweg an der Eisenbahnbrücke auf die andere Havelseite. Um über die Brücke zu kommen mußte das Rad eine längere Treppe jeweils hoch- und runtergetragen werden. Auf der anderen Seite dann nochmal eine Pause, hier war ich - eher symbolisch - bereits weit wieder vom "kritischen Punkt Startort" entfernt. 

Es war nun drei Uhr nachts, ich hatte Hunger und es folgte ein Dreigängemenü nach Randonneursart: zur Vorspeise ein paar Rosinen, Hauptgericht ein paar Scheiben sonnengeröstetes, furztrockenes Schwarzbrot mit viel Isobräu runtergespült, als Nachspeise ein Gel in Geschmacksrichtung "Tropical Fruit". Wahnsinn, daß man sich über sowas nach gut 400 km auch noch freuen kann. 

Mäßig motiviert ging es dann weiter nach Caputh in den Ort rein, wo ich erstmal ein wenig suchen mußte um die Straße nach Michendorf zu finden. In Michendorf ging die Sucherei dann weiter. Hier war lt. Streckenplan links Richtung Teltow abzubiegen, links ging es auch nach "alle Richtungen" und direkt zur Kraftfahrstraße. Also zurück und an der Kreuzung, wo ich abgebogen war, traf ich dann wieder auf unseren Pechvogel nebst Kollegen. Der Pechvogel hat wohl mittlerweile mit dem Ausspeichen fleißig weitergemacht, aber irgendwie funktionierte der Hinterrad-Rest immer noch. Jedenfalls fuhren wir fluchend wegen der Wegbeschreibung erstmal weiter und fanden dann auch den Weg nach Fresdorf, wo wir wieder auf der Strecke waren. 

Pechvogel und Kollege waren mir hier zu langsam, also zog ich wieder allein von dannen, um lieber zwischendurch noch mal Pausen einzulegen. Nach mehrfachem Wiedersehen und vorbeifahren kam dann die 7. Kontrolle in Linthe an einer Autobahntankstelle. Mittlerweile war die Sonne auch schon wieder aufgegangen und ich freute mich bereits Kilometer vorher darauf, hier endlich mal was anderes zu futtern zu finden. So gab es hier dann belegte Brötchen und Kartoffelsalat. Die Kollegen waren in ihrer Nahrungswahl ähnlich heftig drauf, bei denen gab's Rührei, Omelette mit Red Bull usw. 

Pegelstand bis hier: dreiviertel des Brevets geschafft. Und theoretisch noch 16 Stunden für knapp 150 km. Da ging im Kopf dann auch die Rechnerei los. Ist das bis mittags zu schaffen? Oder doch eher 15 Uhr? Die Frage der Zielzeit war insofern nicht uninteressant, als daß eine Nutzung der Duschen im Sportlerheim Geltow nur bis spätestens 19 Uhr gesichert war. Und auf die Dusche dort freute ich mich eh schon und wollte um keinen Preis so viel Zeit vertrödeln, daß es da knapp werden könnte. Also schoß ich mich im Kopf mal auf ca. 15 Uhr ein und fuhr weiter. 

Es ging nun in Richtung Fläming und dabei zunächst nach Belzig, wo dank grandioser Beschilderung erstmal die Bundesstraße Richtung Wiesenburg nicht aufzufinden war. Man hat dort eine Ortsumgehung gebaut, natürlich für Radfahrer gesperrt, und bereits vor dem Ortseingang war Wiesenburg genau einmal auf diese Strecke ausgeschildert. Und in Belzig dann keine weiteren Schilder. Als ich die Situation begriff legte ich erstmal eine Frustpause ein, anschließend dann westlich von Belzig quer Beet über ein paar Feldwege hoch zur Bundesstraße, dann paßte es mit der Route wieder. Auf dem Weg nach Wiesenburg war nun der höchste Punkt der Strecke zu überwinden, sagenhafte 200 Meter ü. NN. Als jemand, der sonst häufig in hügeligerem Terrain unterwegs ist, habe ich von diesem Anstieg nicht sonderlich viel mitbekommen. Andere Fahrer berichteten später, daß sie hier wohl Probleme gehabt hätten. 

Immerhin war das Hügelchen hoch genug, daß es dann von Wiesenburg nach Ziesar zur Abwechslung mal einige Kilometer so richtig gut rollte. Und ich freute mich schon darauf, möglicherweise in Ziesar nochmal einen Futterstopp machen zu können. Leider entpuppte sich Ziesar aber als ein gottverlassenes Infrastrukturloch, wo als einziges Zeichen menschlichen Lebens an einer Kreuzung ein paar Frauen standen, die Spargel an die dort nicht vorhandene Kundschaft verkaufen wollten. Also schaudernd weiter. 

Von Ziesar aus ging es dann erstmal wieder leicht aufwärts, bis Brandenburg sollten es nun 25 km sein, in eher östliche Richtung und damit wieder gegen den Wind. Hier merkte ich dann, daß ich eigentlich ziemlich fertig war. Sorge bereitete mir vor allem, daß ich irgendwie nicht mehr richtig schwitzen konnte und der Speichelfluß im Mund weniger wurde. Nicht wirklich trockener Mund, aber Anzeichen leichter Dehydration. Daher in Glienecke nochmal Pause, ein wenig Wasser mit dick angesetztem Isopulver, ein wenig im Schatten sitzen, mehr Flüssigkeit hinterher und hoffen, daß sich das wieder einrenken läßt. Und klare Ansage, daß ich die restliche Strecke auf keinen Fall irgendwelche Risiken eingehen darf und ganz gemütlich fahren muß. Es wäre zu schade wenn es nun auf den letzten 85 km noch zu ernsten Problemen kommt. 

Während der Pause in Glienecke überholen mich wieder ein paar Fahrer. Der Weg bis Brandenburg zieht sich elendig. Unterwegs treffe ich unseren Pechvogel wieder. Er hat mittlerweile so weit ausgespeicht, daß gar nix mehr geht, und schiebt bzw. rollert gemächlich Richtung Brandenburg. Telefonisch hat er wohl klargemacht, daß er an der Kontrolle in Brandenburg vielleicht ein Ersatz-Hinterrad bekommen soll. So hofft er, irgendwie das Brevet doch noch erfolgreich fahren zu können. 

Irgendwann kommt das Ortsschild Brandenburg. Und es zieht sich weiter. Bis dann endlich die Kontrolltanke naht. Und hier treffe ich auch wieder auf weitere "Leidensgenossen". 

Nach kurzer Pause folgt eine gruselige Kopfsteinpflasterfahrt durch den nördlichen Teil der Innenstadt von Brandenburg, um auf die Strecke nach Nauen zu gelangen. Auch auf diesem Abschnitt bleibt der leichte Gegenwind erhalten und das Terrain ist wellig. Vorankommen im Schnarchtempo. Bis Nauen sind es nur 38 km, die wollen aber kein Ende nehmen. Immerhin merke ich unterwegs, daß mein Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt wieder stabiler geworden ist. Und irgendwann ist Nauen dann erreicht. 

Bei mir sind die Akkus ziemlich leer. Ich weiß, daß ich ankommen werde. Zwar wohl nicht mehr bis 15 Uhr, wie ich es eigentlich gern mal gehabt hätte. Aber auch nicht allzu viel später. Also wird es noch was mit der Dusche. Wenn ich einfach nur ruhig weiterfahre, mir keinen Streß antue und keinerlei Experimente in Sachen Geschwindigkeit wage. 

Den letzten Abschnitt fahre ich zusammen mit Max. Der sieht noch etwas frischer aus, scheint aber auch nur noch an "irgendwie ruhig ankommen" interessiert zu sein. Ich hoffe ihm nicht zu wehleidig auf die Nerven gegangen zu sein. Mit zusammengebissenen Zähnen geht es im Schleichtempo auf den letzten Abschnitt. Der ist nervig, weil es jetzt durch stärker befahrene Gegend und teilweise neben den Schnellstraßen auf Wirtschaftswegen entlang geht. Einmal fährt mein Mitfahrer einen brutalen Schlenker und stützt sich an mir ab, um irgendwie auf Kurs zu bleiben. Wir kurbeln uns Kilometer um Kilometer voran Richtung Potsdam, und irgendwann ist es geschafft: die letzte Kontrolle ist kurz vor 15:30h erreicht. Wir holen uns den Stempel, kaufen noch etwas ein weil in Geltow wohl nicht viel zu bekommen sein wird. So richtige Freude kommt hier noch nicht auf. Zusammen mit einem anderen Fahrer, der wohl aus der Gegend kommt, schleichen wir dann die letzten Kilometer nach Geltow. Ich bin irgendwie nur noch genervt. Aber tatsächlich ist Geltow dann erreicht und es ist geschafft. 

Effektiv war ich brutto ca. 32.5 Stunden unterwegs, inklusive "Epilog" ab Potsdam und die Viertelstunde Verzögerung am Start rausgerechnet. Davon ca. 25 Stunden reine Fahrzeit, als Schnitt hat der Tacho 23.88 km/h ausgeworfen. Eigentlich gruselig für einen Fast-Flachkurs. Aber es waren doch einige Wellen drin, es würde mich nicht wundern wenn es insgesamt an die 1800-2000 HM geworden sind. Knapp 1000 HM kann man auf der Karte rekonstruieren. Hinzu kamen unzählige Kleinstwellen mit 10-20 HM, die sich vermutlich auch ganz gut aufsummiert haben. Aber "echte" Anstiege hatte dieses Brevet eigentlich nicht. Insofern war der Kurs verglichen mit dem, was einen an anderen Brevet-Startorten erwartet, wahrscheinlich eher einer der einfacheren Art. 

Im Ziel sitzt noch Peter Wylach und beglückwünscht uns. Er scheint schon einige Stunden hier zu warten. Sonst ist nicht mehr viel los. Die ersten Fahrer sollen bereits morgens um 5 Uhr, also nach 22(!) Stunden, wieder im Ziel gewesen sein. Kurz nach uns trudeln noch zwei weitere Fahrer ein, ca. 5 sollen nun noch auf der Strecke sein. Peter berichtet von bislang zwei Abbrechern. 

Rumsitzen, Kaffee trinken, ein noch von der Unterwegsverpflegung übrig gebliebenes Käse-Schinken-Croissant und die anschließende Dusche(!!!) tun nun richtig gut. 

Im Spätnachmittag drehe ich dann zu Fuß noch eine kleine Runde durch Geltow, einfach um ein wenig abzuschalten. Als ich irgendwann zum Zelt zurückkomme ist unser Pechvogel auch da. Er hat tatsächlich noch ein Hinterrad bekommen und damit das Brevet auch noch absolvieren können. Klasse daß das geklappt hat! 

Als ich mich dann im Zelt mal einen Moment auf die Isomatte lege schlafe ich innerhalb von 30 Sekunden sofort ein. Nicht zugedeckt, bei offenem Zelt. Irgendwann abends wache ich mal auf, weil es kühler wird. Schlafsack als Zudecke hilft, sofort wieder im Tiefschlaf. Nachts nochmal aufwachen, weil das rechte Bein komplett taub ist. Krumm gelegen und offenbar Blutzufuhr abgedrückt. Umgedreht, "gluck gluck gluck", Bein wieder da, weitergepennt. 

Morgens um fünf wache ich dann deutlich erholt wieder auf. Irgendwann gegen halb acht ist der ganze Krempel wieder auf dem Rad verstaut und ich radele gemütlich Richtung Potsdam, wo ich auf Frühstück hoffe. Beim Abbau des Zeltes habe ich noch ziemlichen Horror davor, heute nochmal knapp 30 km mit dem Rad und Gepäck fahren zu müssen. Aber bereits nach den ersten 500 m stellt sich heraus, daß das eigentlich unbegründet ist. Die Beine spielen erstaunlich gut mit, das einzige was wirklich nervt ist der Hintern, denn das Aufsitzen auf dem Sattel schmerzt jetzt doch. 

Das Frühstück in Potsdam besteht aus einen paar belegten Brötchen, mehreren Kaffee und anschließend fünf(!) Cheeseburgern vom örtlichen McDoof. Das reicht genau für die erste Zugfahrt bis Berlin Hbf, wo dann Frühstück Teil 2 folgt. Diesmal mit belegten Brötchen, Crosssant, Kaffee und einem halben Liter frischem Orangensaft. Der Intercity für die Rückfahrt ist 20 Minuten verspätet und kommt ohne den Wagen 8 mit dem Radabteil. Jedoch ist die Zubine freundlich und läßt uns Radfahrer hinten in einen angehängten Ersatz-Bim rein. Bis Hannover ist so viel Verspätung rausgefahren, daß ich so gerade noch meinen Anschluß erreiche. Ankunft daheim dann gegen 15:30h.

 

Fazit:

Brevetserie nun doch noch geschafft. Die Tour war anstrengend, aber letztlich durchaus machbar. Während im Weserbergland die Schwierigkeit primär von den Höhenmetern kommt waren in Geltow die Hauptfaktoren die durchweg hohen Temperaturen einerseits und andererseits die Tatsache, daß man es wegen der Flachheit fast nie rollen lassen konnte. Das mag der Hintern irgendwann nicht mehr besonders. Ein wenig habe ich mich dann auf dem letzten Abschnitt auch selbst unter Druck gesetzt, weil ich halt im Nachmittag noch eintreffen wollte. Positiv war, daß ich trotz der kurzen Nacht vor dem Start (nur vier Stunden Schlaf) noch ohne Schlafpause durchgekommen bin. Lediglich einmal unterwegs kam ein echter toter Punkt, der aber mit nur wenigen Minuten Pause ohne Schlaf zu überwinden war. 

Grandios war der Flüssigkeitsbedarf unterwegs: ca. 6 Liter Isobräu, ca. 2 Liter "Eistee", ca. 1 Liter Kaffee, ca. 2.5 Liter (Mineral-)Wasser zum Verdünnen anderer Getränke, 0.5 Liter alkoholfreies Bier, ca. 1 Liter Multivitaminsaft. Und eigentlich was das immer noch nicht genug, aber mehr hätte ich wohl nicht runtergespült bekommen. 

Die Beine waren nach dem Brevet noch erstaunlich gut da. Der Hintern wird aber ein paar Tage Erholung brauchen und an der rechten Hand merke ich leichte Schmerzen bzw. ein leichtes Kribbeln im Ring- und kleinen Finger. Da hat der Nervus ulnaris wohl etwas zu viel Druck abbekommen. Wird vermutlich in den nächsten paar Tagen wieder verschwinden. 

Tja, wenn ich nun keine Formfehler bei den Kontrollstempeln habe sollte damit dann die Brevetserie abgeschlossen und die Qualifikation für PBP komplett sein. Ob ich dieses Jahr tatsächlich nach Paris will bezweifle ich im Moment aber stark. Mein Gefühl sagt mir, daß ich vielleicht erstmal ein paar Jahre die Brevetserie wiederholen und auf Langstrecke etwas schneller werden sollte, um mit mehr innerer Reserve an die französische Langstrecke heranzugehen. Auch wenn ich bei diesem 600er eigentlich mit gut Reserve in der Zeit lag habe ich unterwegs doch an einigen Limits gekratzt, wo ich zunächst ein paar weitere Erfahrungswerte sammeln würde, bevor ich die Streckenlänge weiter ausweite.

Daniel Rödding

 


Drucken

Inhalte, Konzept und Umsetzung: Hermann Dirr, Templates: intwerb.de