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Brevet ARA-Niederrhein 300 km

 

Tourname: Brevet 300 km Wankum           
Verein: ARA-Niederrhein
VerfasserIn: Manfred Kiesel
Datum: 2009
Startort: Wankum
Tourlänge: 300 km
Höhenmeter in M: 1970 Meter

 

Peter Zinner aus Düsseldorf fasste es zusammen: der Tag wäre rund gewesen, wenn nicht der folgenschwere Unfall von Frank passiert wäre.

Von Anfang an: um acht Uhr rollt die Gruppe, angeführt von Michael Koth, vom Parkplatz und nimmt Richtung Süd. Für wenige Augenblicke fahre ich sogar vorn und bremse den Haufen ein. Ein gelbes Velomobil rauscht vorbei und verschwindet schnell am Horizont. Dann wird es Jedrik (Gabi) zu langsam, unaufhaltsam zieht sie davon. Wir rollen locker.

Bei km 21 der erste Aufenthalt. Beim Abbiegen in einen schmalen Weg ist ein Fahrer umgekippt, hat sich aber nichts getan. Während er sich sammelt, nutzen andere Fahrer den ungeplanten Halt zur Grauwasserentsorgung.

Weiter geht es in kleinen Gruppen durch den schönen, sonnigen Morgen, wenn auch die Temperatur noch frisch ist. Nach 32 km sehen wir rechts eine kleine Gruppe von Fahrern auf dem Radweg stehen. Sie umstehen eine liegende Gestalt, die bald als Frank Hartfeld zu erkennen ist. An einem Übergang von der Strasse zum Radweg ist Erde verstreut. Spuren eines Vorderrades, das in weichen Boden geraten ist und nicht so wollte wie der Rest des Rades, erzählen die Geschichte, die da passiert ist.

Frank hat sich überschlagen und hat Verletzungen am Handgelenk und im Gesicht. Er fürchtet, den Unterkiefer gebrochen zu haben, kann aber sprechen und bittet uns, sich darum zu kümmern, dass sein Rad abgeholt wird. Die Fahrt ist für ihn zu Ende, der Notruf ist schon abgesetzt. Jemand hat eine Rettungsdecke dabei, die über ihn gebreitet wird. Michael, der Organisator, ruft Monika an. Sie wird mit dem Auto kommen und Franks Fahrrad abholen. Viel tun können wir ansonsten nicht. Nach einiger Zeit lautet der allgemeine Beschluss, dass die eher langsameren Fahrer ihre Fahrt schon einmal fortsetzen sollen. Michael und ein paar der schnelleren Fahrer bleiben bei Frank.

Mit deutlich gebremster Fröhlichkeit fährt eine kleine Gruppe nun durch das flache Land in den Heinsberger Landkreis. Gabi und Kurt (Passatore), mit Navis bewaffnet, führen den Zug an. An einem Kreisel, der in der Wegbeschreibung als Ampelkreuzung beschrieben ist, geht es nach rechts. Die Navi-Fraktion fährt geradeaus. Ich rufe noch hinterher und halte ein Stück weiter an, um erneut den Wegrand zu bewässern, aber es kommt niemand. Vorerst bin ich allein.

Nicht lange später, eben erst in den Niederlanden angelangt, habe ich den nächsten Aufenthalt: ein weicher Hinterreifen sagt sich an. Ein spitzer Gegenstand hat sich in die Decke des Hinterrades gebohrt. Ich entferne ihn und wechsle den Schlauch. Während ich den Reifen aufpumpe, fährt eine Dreiergruppe vorbei. Tom Greuvers, Helmut aus Velbert und wer war der dritte Kollege noch? Von dieser Gruppe wird noch einige Mal die Rede sein.

Zunächst hole ich mir den Stempel an einer Tankstelle in Simpelveld. Gerade will ich abfahren, da kommen die drei an. Bei einem missglückten Versuch, sich zu verfahren, haben sie mich vorbeiziehen lassen, ohne dass ich es merkte.

Der weitere Weg führt mich in eine Streckenänderung (wegen der Amstel Gold Toer), die drei km länger ist als die ursprüngliche Tour, und zurück nach Deutschland. Der nächste Aufenthalt durch einen fremden Plattfuss: ein Fahrer musste seinen Schlauch wechseln, während seine Gruppe weiterfuhr, und hat dann feststellen müssen, dass seine Pumpe nicht geht. Ich spendiere ihm genügend Luft, und während er sein Hinterrad montiert, prüfe ich meine Streckenpläne. Ich kann mich nur an zwei Blätter erinnern. In Simpelveld habe ich das zweite Blatt aufgelegt. Es geht aber nur bis km 226. Mannomann. In der Lenkertasche habe ich nur das leer gelesene erste Blatt. In der Folie das zweite Blatt, den Zusatz für die Streckenänderung ... und das dritte Blatt, es hat die ganze Zeit am zweiten geklebt. Aufatmen.

Als Zweiergruppe navigieren wir nun durch die wellige Landschaft nach Belgien. Nicht lange danach muss ich wieder anhalten. Meine Blase ist heute schwach und ich muss sie zum dritten Mal entleeren. Der fremde Kollege wartet, er hat Zutrauen zu meinen Navigationskünsten gefasst. Wir kommen auch ohne Probleme an den Fuß des 13 km langen Anstieges nach Baraque Michel, wo jetzt doch jeder seinen eigenen Rhythmus fahren muss.

Im Anstieg (der nur mäßig steil ist) überholen mich, ja wer wohl, die drei von der Tankstelle. Sie kommen aber nicht weit weg. Ich habe einen guten Rhythmus gefunden und will meine bescheidenen Bergfähigkeiten verbessern, im Hinblick auf kommende Aufgaben. Dass die aktuelle Aufgabe noch nicht zur Hälfte bewältigt ist, daran denke ich nicht, mir fehlt vor dem 300er, dem ersten dieser Saison, ein wenig der Respekt. Alsbald nähere ich mich Helmut und dem anderen Kollegen und ziehe vorbei.

Etwas weiter vorn zieht Tom ruhig seine Bahn. Ich passiere auch ihn. Peter Zinner allerdings, der noch bis zum Eintreffen des Krankenwagens an der Unfallstelle gewartet hat, kann ich nicht halten. Oben ziehe ich meine Regenjacke an und die zwischenzeitlich herabgelassenen Beinlinge wieder hoch, denn der Himmel hat sich in Belgien zugezogen und ein leichtes Tröpfeln hat begonnen. Von den dreien ist nichts zu sehen.

Drei Kilometer weiter und 20 Meter höher komme ich zum höchsten Punkt Belgiens. Das Signal de Botrange liegt 694 Meter über dem Meer. Gestempelt wird im Touristenbüro. Kurt und Gabi fahren bereits ab und empfehlen mir Nudeln, die auch Peter bereits bestellt hat. Nun treffen auch die drei ein. Gemeinsam warten wir auf unser Essen. Die Bedienung erledigt ihre Arbeit eher leidenschaftslos und wir haben daher, ist ja klar, wieder einmal einen Aufenthalt, und zwar einen ziemlich langen. Ich bin aber gut beraten, jetzt zu essen. Es geht bereits auf 16 Uhr, und es sind erst 142 km gefahren.

Der Regen hat aufgehört, aber es ist feucht und kühl. Die Regenjacke werde ich für den Rest des Tages anbehalten. Eine anfängliche Abfahrt kühlt mich durch. Es geht auf und ab im Hohen Venn, dann nach Nordrhein-Westfalen und schließlich hinab nach Schleiden. An einer Tanke gibt es den letzten Stempel bei km 180. Das nächste Stück Steigung, giftig mit Serpentinen, erinnert mich an die Rureifel. Das ist kein Wunder, denn genau da bin ich gelandet. Die Abfahrt führt mich nach Heimbach. Der weitere Weg in Richtung Nideggen ist wegen einer Baustelle gesperrt. Ich beschließe, ihn dennoch zu fahren.

Der nächste Aufenthalt wird mir wieder durch meinen Hinterreifen beschert. Da ich meinen einzigen Ersatzschlauch schon eingesetzt habe, darf ich jetzt flicken. Während der Kleber trocknet, suche ich nach dem Fremdkörper, der den Defekt verursacht hat. Außer mehreren Schadstellen durch frühere Einstiche, einschließlich dem von heute Mittag, kann ich nichts entdecken. Die Decke ist recht dünnhäutig geworden. Ich beschließe, dass das ihr letztes Wochenende ist.

Ich will gerade den Flicken aufsetzen, da halten die drei von der Tankstelle, verstärkt durch Peter Zinner. Tom hat eine Faltdecke dabei, die gleich montiert wird. Die bisherige Decke, deren Urteil schon gesprochen war, verbleibt an Ort und Stelle. Praktischerweise habe ich an einer Stelle gleich hinter einem Bahnübergang gehalten, wo ein Abfallbehälter installiert ist. Ich darf ab hier auch einen von Toms Ersatzschläuchen spazieren fahren, montiere allerdings das soeben geflickte Exemplar, das für den weiteren Verlauf des Wochenendes die Luft behält.

Dieses war der wievielte Aufenthalt? Doch der nächste kommt sogleich. Es war ja eine Baustelle angekündigt. Wir fahren frohen Mutes hinein. Die Fahrt endet jäh an einer Baugrube. Die schlammige Rampe führt in einen mit Wackersteinen bedeckten Grund. Das sieht nicht einladend aus. Tom und ich versuchen, mit unseren Rädern am Rand, an der Böschung entlang, vorbeizukommen. Das stellt sich als Fehlversuch heraus. Wir müssen durch knöcheltiefen Matsch absteigen. Es gibt Leute, die nach so einem Einsatz wie geleckt aussehen. Peter hat fast gar nichts an sich und das wenige putzt er mit Reinigungstüchern ab. Wir anderen sehen aus wie Sau. Den Rest der Baustelle können wir mit etwas KLettertechnik überwinden. Die verbleibende Strasse ist bis zur Absperrung fast schon von der Natur zurückerobert worden.

Wir fahren zu viert ruhig weiter, Peter ist noch kosmetisch an sich tätig. Es gibt den hinteren Anstieg nach Nideggen. Das ruhige Fahren tut mir wohl. Ich lasse mir die Laune auch nicht von einem Polizisten verderben, der uns im Anstieg auf den linksseitigen Radweg verweist. Hinter Nideggen heißt es: von nun an gings bergab. Erneut wird eine Baustelle angezeigt, sie lässt sich aber problemlos passieren. Peter ist mittlerweile zu uns gestoßen. In schneller Fahrt erreichen wir Düren und lassen die Eifel hinter uns.

Wir halten an - gefühlt - ca. 100 roten Ampeln. Die Dämmerung hat begonnen, wir müssen daran denken, uns umzuziehen, wollen diese Aktion hinausziehen, bis wir das dritte Blatt der Wegbeschreibung auflegen müssen. 220 km und bis hierher habe ich alles gut gefunden. Wird das das erste Brevet ohne Verfahrer?

Rechts ab nach Arnoldsweiler. Nach 2,6 km rechts ab an einer T-Einmündung Richtung Niederzier. Hier wollen wir halten. Ich muss auch - zum vierten Mal - strullern. Die Einmündung kommt früher als angekündigt. Es sind auch keine Hinweisschilder zu sehen. An der Ecke ist ein Supermarkt. Wir machen uns nachtfertig.

Nach nur hundert Metern sollen wir links abbiegen. Da die anderen noch zugange sind, kündige ich an, vorauszufahren und den nächsten Abzweig zu erkunden, und an geeigneter Stelle mein Geschäft zu verrichten. Es gibt keinen nächsten Abzweig. Wir sind falsch, aber ich kann mir nicht vorstellen, was schief gelaufen sein könnte. Ich beginne, Passanten zu befragen. Mein dritter Interviewpartner kann mir profunde Auskunft erteilen. Nun fahre ich zurück, um die anderen zu informieren. Der Supermarkt-Parkplatz ist leer.

Alleine fahre ich der mündlich erhaltenen Beschreibung nach, um in die Richtung Jülich bzw. Niederzier zu finden. Dabei komme ich erneut an die Stelle, wo wir dem Schild rechts in Richtung Arnoldsweiler gefolgt sind. Die anderen sind wohl vom Supermarkt direkt hierher gefahren. Niederzier geht geradeaus. Nach 100 Metern wird die Strasse zur Kraftfahrstrasse. Die einzige Alternative geht nach halbrechts und ist ausgeschildert nach ... Arnoldsweiler!

Böse Falle. Dieser zweite Abzweig stellt sich als richtig heraus. Die Beschreibung stimmt hier wieder mit der Realität überein. Ich finde auch ein passendes Gebüsch. Ab hier fahre ich, von Wegpunkt zu Wegpunkt, allein durch die Dunkelheit. Auch diese Aktion hat mal wieder richtig Zeit gekostet. Egal, nächster Wegpunkt, und wieder einer, irgendwann werde ich ankommen.

Hinter Brücke links, Achtung! rechts, links, rechts, auf Schmiedstrasse. Hmmm. Wohl fahre ich unter einer Brücke durch. Da ist links kein Abzweig, nichts. Mist, schon wieder so ein krummes Ding. Wie soll ich so was auch in mondloser Nacht finden? Ich bleibe auf der Strasse, weil mir nichts anderes übrig bleibt. Nach einiger Zeit führt die abknickende Vorfahrt nach rechts. Links geht die Seitenstrasse in den Ort Welldorf. Die nehme ich, in der vagen Hoffnung, irgendwie durch ein Wunder die korrekte Strecke zu finden. Von links stößt ein Sträßchen dazu. Hätte ich von dort herkommen sollen? Der Hauptweg macht eine starke Biegung, fast wieder in Gegenrichtung, und nennt sich ab hier Schmiedstrasse. Na also, geht doch.

Nach dem übernächsten Wegpunkt lautet die Aufgabe, nach 0,9 km links in einen Wirtschaftsweg zu biegen. Ja klasse, den suche ich jetzt in dunkler Nacht, und tatsächlich, ich finde ihn. Dann nach der angegebenen Entfernung links in die von-Leerodt-Strasse. Mit der Stirnlampe leuchte ich das verblasste Straßenschild an, das schon am hellen Tag kaum sein Geheimnis preisgeben will. Es ist aber die gesuchte Strasse.

So suche ich Punkt für Punkt meinen Weg, aus dem Kreis Düren in den Kreis Heinsberg, einen Kilometer nach dem anderen. Bei der Einfahrt nach Erkelenz kommen Fahrer von hinten, "Hallo Manfred, alles in Ordnung?", die drei von der Tankstelle mit dem vierten Mann. Peter und ich wechseln ein paar Worte. Währenddessen werden die anderen vom Schwung über eine grüne Ampel getrieben, die für uns dann rot zeigt. Peter fährt eine Tankstelle an, er will sich noch mal versorgen. Ich brauche nichts. Zwei gefüllte Flaschen Cola, die ich mit auf den Weg genommen habe, und die Nudeln plus alkoholfreies Bier von Baraque Michel reichen bis ins Ziel.

Die letzten 40 km fahre ich wie zuvor allein, von einem Wegpunkt zum anderen, von einer roten Ampel zur anderen. Um halb eins bin ich da. Kurz nach mir trifft Peter Zinner auch ein. Moni versorgt uns mit dem Zustandsbericht von Frank und mit Gulasch. Weitere Fahrer treffen ein. Gabis Auto ist schon weg. Um die muss sich niemand Sorgen machen, die fährt wie ein Moped. Nach einer Dusche und letzten Dehnungen suche ich das Wohnmobilbett auf. Danke an die Veranstalter, Hochachtung und Daumen hoch für alle Mitstreiter dieses Tages und vor allem: gute und schnelle Besserung Frank, dem dieser Bericht gewidmet ist.

 

Manfred Kiesel

 

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