rtf-radmarathon.de
Tourname: Brevet 200 km Baden-Baden-Steinbach           
Verein: ARA-Baden-Württemberg
VerfasserIn: Manfred Kiesel
Datum: 22.03.2008
Startort: Baden-Baden
Tourlänge: 222 km
Höhenmeter in M: 1500 Meter

 

Nein, die Startgebühr schenken wollte ich Jörg Linder nicht. Also stehe ich morgens kurz vor sieben auf dem Parkplatz vor dem Hundesportverein in Baden-Baden-Steinbach mit 16 oder 17 anderen, darunter ein Liegeradler und einer mit einem weissen Velomobil. Das Vereinsheim ist noch geschlossen, also nix ist es mit Toiletten. Das hat Jörg aber geschrieben. Also wird der Toilettenbesuch aufgeschoben auf eine Tankstelle unterwegs. Pünktlich um sieben startet der kleine Pulk bei drei Grad plus in den stetig fallenden Schneeregen.

Es ist nicht lustig, bei solchem Wetter im Pulk zu fahren, aber so habe ich Schutz vor dem Wind und kann mir die Wegsuche sparen. Daß das Wasser nicht nur von allen Seiten, sondern nun auch noch vom Hinterrad des Vordermanns kommt, macht keinen Unterschied. Laut Roadbook fahren wir geradeaus nach Oberbruch, aber noch ehe wir dort sind, sind wir zweimal rechts abgebogen. Weiter fährt unsere Gruppe über Moos nach Lichtenau und biegt auf die B36. Wir fahren zügig, aber nicht zu schnell und wechseln regelmässig durch. So sind wir recht schnell in Rheinau und biegen ab in Richtung Strasbourg. Kurz vor dem Rhein fädelt sich die Gruppe auf eine Seitenstraße, und dann wird ein Halt befohlen: Pinkelpause nach einer Stunde Fahrt. In kleinen Grüppchen fahren die, die fertig haben, weiter. Ich habe Mühe, meine Hände in die nassen Handschuhe zu zwängen, und finde mich allein auf der Strecke wieder.

Der Wind ist zu verkraften und allein fahren heisst auch stressfrei fahren. Aber ab hier muß ich Beschreibung lesen. Die Strasse führt viele Kilometer immer zwischen dem Rheindamm und den Ortschaften entlang, bis ich in Auenheim scharf rechts über eine Brücke fahren soll. Ich bin mir nicht gleich sicher, aber es ist die richtige Brücke und nun bin ich im Kehler Hafengebiet. Die Strasburger Strasse ist gut zu finden, nicht aber die Esso-Tankstelle, an der ich stempeln soll. Statt dessen bin ich bereits am Bahnhof, der laut Roadbook erst danach kommt. Ich will umdrehen, nun kommt aber ein Randonneur, der sich anbietet, mich durch Strasbourg zu lotsen. Also lasse ich mir kurzerhand in der Bäckerei am Bahnhof die Durchfahrt bestätigen und fahre mit meinem Lotsen über die Europabrücke.

Für diese Stadt hat Jörg uns einen Durchfahrtplan mitgegeben, ich bin aber faul und fahre dem Ortskundigen nach bis zum Europapalast. Hier ist seine Ortskunde am Ende und die Beschreibung passt ohnehin schon lange nicht mehr. Wir fragen uns aber durch in Richtung Schiltigheim und erkennen nun auch Details der Beschreibung wieder. Da ich ohnehin der Langsamere von uns bin, fahre ich wieder allein durch den erneut stärker werdenden Schneeregen immer dem Roadbook nach über Mittelhausbergen, Griesheim und Pfulgriesheim immer weiter hinein ins Hanauer Land, das zunehmend hügelig wird.

An einem dieser Hügel überhole ich das Velomobil, das mich auf der anschliessenden Abfahrt wieder passiert. In dieser Reihenfolge lassen wir Gougenheim rechts liegen und fahren hinauf nach Duntzenheim. In Ingenheim stehe ich an einem T und muß die Anwohner befragen, da weder die Beschreibung noch die Hinweisschilder vor Ort Aufschluss über die weitere Richtung geben. Vor Wilwisheim dann eine Baustelle mit Umleitung, ich erreiche den Ort aus einer nicht vorgesehenen Richtung und muß, da auch keine Eingeborenen greifbar sind, die Fahrtrichtung raten.

Richtig geraten, zur Belohnung darf ich einen Anstieg fahren und durchquere etliche Ortschaften und überquere ebenso viele Kuppen. Auf einer davon halte ich an, um ein weiteres Mal die Büsche zu bewässern. Alle Versuche, die aufgequollenen Hände nun wieder in die nassen Handschuhe zu bekommen, scheitern. Nun ist es in der Zwischenzeit von oben trocken geworden, also wandern die Handschuhe in die Lenkertasche.

Der nächste grössere Ort ist Bouxwiller und von da soll nach sechs Kilometern Ingwiller erreicht sein. Also immer brav Richtung Ingwiller, heraus aus dem Ort, ansteigend, dann ein Kreisel, nach links: Ingwiller 8 km. Der nächste Kreisel sagt mir, daß linkerhand das Zentrum von Bouxwiller liegt. Noch ein weiteres Mal würde es links nach Bouxwiller gehen, und ich bekomme den Eindruck, ich fahre in einem großen Halbkreis um den Ort herum. So ist es in der Tat, aber durch die winkeligen Gässchen des Zentrums hätte ich auch lieber nicht fahren wollen. Nun sind es wirklich sechs km bis Ingwiller, ich finde den richtigen Abzweig und fahre ein schönes Tal entlang Richtung Wimmenau. Hier ist bereits Bitche angeschlagen, wo die nächste Kontrolle angesagt ist.

Zuvor geht es aber nach Goetzenbruck und Lemberg hinauf. Bis hierher war die Gegend eher offen mit einzelnen Busch- und Baumreihen, nun umfängt mich ein Mittelgebirgswald. Die Strecke erreicht eine Höhe zwischen 400 und 500 Metern. Mit jedem Höhenmeter nimmt der Schnee rechts und links von der Strasse zu. Auf der Höhe summiert sich der gefallene und der von der Strasse geschobene Schnee auf ca. 30 Zentimeter. Die beiden Ortschaften sind verschneit, aber inzwischen ist die Sonne herausgekommen. Wo sie hinscheint, tröpfelt es von den Dächern, und ich nehme die sehr rauhe Abfahrt nach Bitche unter die Reifen.

Mitten in der Abfahrt reisst mich ein lautes Klappern aus den Gedanken: der Strassenbelag hat wieder mal meinem E6 zu Eigenleben verholfen. Aber nicht der Halter ist gebrochen, der Reflektor hat sich losgedreht. Meine Bremsen haben stark gelitten, ich brauche einen halben Kilometer, ehe ich stehe, und fahre wieder bergan. Der Reflektor liegt auf dem Mittelstreifen, das Birnchen ist natürlich weg. Na gut, ich sollte im Hellen im Ziel sein - falls nichts dazwischenkommt.

Bitche, bei km 120, freie Kontrolle. Ein Mitstreiter verlässt soeben eine Brasserie, die einladend aussieht. Ich gönne mir ein grosses Käsebaguette und eine Cola und den nun fälligen Toilettenaufenthalt. Während ich beim Mahl sitze, rumpelt draussen das Velomobil vorbei. Anschliessend fädle ich mich durch den Ort in Zickzacklinien, ehe ich die Richtung Wissembourg finde, und fahre nun auf dem von der RTF Pirmasens her bekannten landschaftlich sehr schönen Parcours über Sturzelbronn ins Steinbachtal nach Lembach. Hier fährt Pirmasens nach links auf den Col du Pigeonner, aber Jörg erlässt uns diesen Anstieg und führt uns im Tal weiter nach Woerth.

Schon vor Woerth habe ich das Gefühl, daß mein Hinterrad nicht so definiert über kleine Unebenheiten rollt wie das Vorderrad. Die Strecke erklimmt nun doch einen Hügel nach Dieffenbach-les-Woerth. Auf der Kuppe halte ich an: ja, mein Hinterrad ist weich. Demontage, mit viel Hau-ruck bekomme ich die Decke von der Felge und pumpe den Schlauch auf. Erst will sich das Loch nicht zeigen, dann gibt es aber auf und stellt sich mit erkennbarem Pfeifen. Ich habe Flickzeug mit und stelle fest: einen brauchbaren Flicken habe ich noch im Kasten. Also jetzt keinen Fehler machen.

Während ich den Schlauch flicke, passiert das Velomobil die Pannenstelle. Der Fahrer erkundigt sich und erzählt dabei, daß er selber auch schon flicken musste. Während die Lösung antrocknet, suche und finde ich den Übeltäter: ein spitzes Steinchen hat sich in die Decke gebohrt. Nun den Flicken drauf und gut angedrückt. Zur Probe aufgepumpt: es hält. Nun also den Schlauch montiert und die Decke wieder auf die Felge gehoben. Au Mann, geht das schwer. Schliesslich, nach mehreren Versuchen, bekomme ich sie drauf und baue das Hinterrad ein. Nun noch testen, ob ich den Schlauch nicht eingeklemmt habe. Soviel Zeit muß sein. Aufpumpen - verflixt, was geht? ich kann pumpen, was ich will, mehr als zwei Bar werden das nicht. Schliesslich ziehe ich den Schlauch wieder heraus. Als ich pumpe, gibt es ein dünnes Zischen an einer neuen Stelle, gegenüber dem Ventil. Bei den Versuchen, die Decke auf die Felge zu ziehen, hat der mit dem letzten Flicken instandgesetzte Schlauch etwas abbekommen.

Sch****e sagte die Stimme.

In diesem Moment hält ein Fahrer bei mir. Ich war doch nicht der letzte Teilnehmer auf der Strecke. Er fährt einen etwas schwereren Bock mit Gepäckträger und will zwar nicht stehenbleiben, weil er nahe am Zeitlimit ist, gibt mir aber seinen Ersatzschlauch. "Du fährst mich sowieso bald wieder auf" meint er. Vorsichtig montiere ich diesen Schlauch und schaffe es, ihn nicht kaputtzumachen. Mit neugewonnenen acht Bar im Hinterrad verlasse ich diesen Ort, an dem ich insgesamt fast eine Stunde zugebracht habe.

Nun wird es mit der Helligkeit knapp. Die Strasse hügelt sich nach Soultz-sous-Forets, bekannt aus der ausgestorbenen RTF Neustadt-Strasbourg-Neustadt. Laut Roadbook geht es hier geradeaus, also fahre ich auch so. Als Resultat komme ich überall hin, nur nicht nach Rittershoffen, wo ich hin sollte. Aber Hatten ist angeschlagen, dort finde ich die Strecke wieder und kurz danach auch meinen Schlauchspender, der kurz angehalten hat. Es ist Harald aus Wetzlar, und hier im Flachen kommt er gut mit mir mit. Wir durchqueren Kesseldorf und Beinheim, das auf dem Rückweg der Neustadter RTF liegt, und fahren über den Rhein. Wintersdorf, der alte Startort, bleibt links, und wir fahren nach Rastatt hinein. Hier ist, weniger als zwanzig km vor dem Ziel, der letzte Stop an einer Tankstelle geplant.

Es dämmert bereits, ich habe schon das Rücklicht an und nehme nun die Helmlampe und den Reflexgürtel in Betrieb. Auch Harald macht sich nachtfertig. Das letzte Stück führt uns von der Tanke zurück auf die alte B3, durch Sandweier und dann immer die B3 entlang bis Sinzheim. Nach der Querung der B500 verlässt der gerade Verlauf die B3, und irgendwo sollen wir abbiegen in Richtung Bühl. Der Punkt bleibt uns unklar, wir fahren nach Sinzheim hinein und finden wieder die B3 in Richtung Bühl. Harald erkennt seinen Herweg vom Morgen, wir sind also richtig. Es ist nun dunkel, wir fahren im Licht von Haralds Scheinwerfer auf dem Radweg an der B3 entlang, müssen noch einmal abbiegen und sind gegen halb acht Uhr, eine Stunde vor Kontrollschluss, am Vereinsheim des Hundesportvereins zurück.

Stempel, Unterschrift und zwei Bier (alkoholfrei) bestellt. Lange halten wir uns nicht auf, Harald hat eine lange Heimfahrt nach Wetzlar vor sich und auch ich mache mich auf den etwas kürzeren Heimweg.

Streckendaten (Tacho hatte ich nicht mit):
offizielle Distanz 222 km. Tatsächlich geschätzt gut 230 km, dürfte nach dem Track hinkommen.
Höhenmeter: lt. Angabe 1500, dürfte recht gut passen.
Das Roadbook ist überwiegend nutzbar, könnte aber an mehreren Punkten noch ein paar Details gebrauchen, ohne die ein Ortsunkundiger in die Irre fährt.
Hier gibt es einen handgebauten Track auf gpsies.com. Hinweis: Die tatsächlichen Ortsdurchfahrten in Strasbourg und in Sinzheim sind nicht rekonstruierbar und deshalb nur als Anhaltspunkte zu sehen


Manfred Kiesel

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