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Hamburg-Berlin-Köln-Hamburg
 

Tourname: 2. deutscher Super Brevet           
Verein:
VerfasserIn: Manfred Kiesel
Datum: 2006
Startort: Großhansdorf
Tourlänge: 1500 km
Höhenmeter in M:  

 

Warum ich heute, am Sonntag nach dem Superbrevet, viel Zeit zum Schreiben habe - davon später. :(

TAG EINS 460 km

zurück nach Großhansdorf. Es ist noch dunkel, 27 Rücklichter setzen sich vor mir in Bewegung. Von Anfang an will ich versuchen, der Beschreibung zu folgen, was auch sehr gut geht. Allerdings sehe ich immer dann, wenn meine Petzl (Stirnlampe) die Kartentasche und den Tacho anstrahlt, den Vordermann nicht. Das kann in der Gruppe kritisch werden.

Der ganze Haufen macht gleich eine Mordsfahrt, ich warte vergeblich darauf, daß sich Gruppen bilden. Die ersten Kilometer fährt ein offizielles Auto mit Blinklicht vorneweg, und alles stürmt hinterher. Bis auf einen Randonneur mit riesigem Kartenbrett am Lenker, der gleich sein eigenes Tempo zu fahren beschliesst, wir fliegen förmlich an ihm vorbei. Aber nicht lange, nach sechs oder sieben Kilometern lasse ich sausen, wer sausen will. Noch eine Zeitlang fahren zwei orangefarben gekleidete Teilnehmer vor mir her, dann bin ich allein auf der Strecke.

Langsam wird es hell, es will anfangen zu regnen, besinnt sich aber. Ich bin, wie ich es vorhatte, sattgetrunken losgefahren und stehe nun am Straßenrand, um fortzuführen, was Petrus schon wieder eingestellt hat. Dabei hält der Bergfloh (Peter Wöhler) neben mir, an dem war ich vorbeigefahren, als er eine Regenjacke anzog. Wir bleiben beisammen und klönen, bis mir, bei etwa km 60, sein Rhythmus nun endgültig zu schnell wird. Stück für Stück sehe ich ihn und einen Begleiter am Horizont entschwinden. Wir sind mittlerweile tief nach Mecklenburg-Vorpommern vorgedrungen.

Es geht nun immer in demselben Rhythmus: nächster Wegpunkt km ... , an T, Stoppschild, Ampel, Kreisel oder es wird einfach abgebogen. Die Landschaft ist flach, viele Kiefernwäldchen, irgendwann bin ich bereits in Brandenburg. In Wittenberge lasse ich an einer Tanke zum ersten Mal stempeln, fülle meine Flaschen, esse den zweiten Riegel. Ein Stück weit small talk mit einem niederländischen Liegeradler. Gen Havelberg geht es spürbar aufwärts, im Ort gibt es eine hässliche Baustellenampel. Schließlich ist Nauen erreicht, eine "Kontrolle aus der Heckklappe".

Bis hierher ernähre ich mich planmässig mit mitgebrachten Riegeln, an der nächsten Tanke wird Wasser ergänzt. Dabei merke ich, daß mein Helm sich unbemerkt vom Steuerkopf verabschiedet hat, und fahre die wenigen hundert Meter zur Kontrolle zurück, um ihn zu holen. Hier ist inzwischen der Bergfloh eingetroffen, der zwar schneller gefahren ist, aber in Wittenberge länger zum Essen gehalten hat.

Mittlerweile wird der Südwind spürbar, was den Vortrieb bremst. In Brandenburg gibt es die angekündigten Schienen, die aber bald passiert sind. Es folgen nun wieder schöne bewaldete Teilstücke, und der Schopsdorfer Autohof bietet mit einem Schnellrestaurant volles Verpflegungsprogramm.

Nun sind noch 117 km zu fahren, und es wird ganz leicht hügelig. Aber der Wind schläft nun zum Abend ein. Die Sonne sinkt, es wird dämmerig, ich halte und mache mich fertig für die Nachtfahrt. Die warme Windweste an, Leuchtstreifen über, Rücklicht eingeschaltet. Dann auch das Frontlicht. Mit dem allerletzten Restlicht wird in Schönebeck die Elbe gequert. Ich treffe drei Randonneure, die über die Richtung unschlüssig sind, und führe sie, ein Blinder die anderen, durch die Stadt. Es gibt einige abknickende Vorfahrten, die keine Wegpunkte sind, hier ist einfach der Hauptstrecke zu folgen.

Aus der Stadt heraus ist es nun komplett dunkel. Der nächste bemerkenswerte Ort ist Athensleben, mit grausamem Pflaster. Auf einmal bin ich vom Pflaster weg, auf Verbundsteinen, dann an einem blinden Ortsende. Also falsch! zurück, und richtig, ich bin an einer abknickenden Vorfahrt geradeaus gefahren. Weder mein E6 noch die Petzl hatten das Schild erfasst. Also muß ich auf solche Stellen besser achtgeben.

Der E6-Scheinwerfer ist ohnehin nur zum Schlagloch-Suchen da. Das macht er gut, ich habe sie alle gefunden. Weiter geht es durch die Nacht, beim aufgehenden fast vollen Mond ist der Cochstedter Lausehügel im kleinem Gang angenehm zu fahren. Nun ist das Tagesziel nicht mehr weit, es kühlt ab, der eigene Atem beschlägt mir die Brille, und nun erreiche ich Ditfurt. Schilder und sogar jemand von der Veranstaltung weisen mich einen steilen, gepflasterten Weg hoch, die Rinne ist besser zu fahren, wenn auch mein Hinterrad bei jeden Tritt durchdreht. Nun noch das richtige aus den dunklen Hoftoren heraussuchen, was in der Nacht nicht so einfach ist, und ich bin da. Es ist kurz vor halb eins. Ich nahme mir noch Zeit für die Dehngymnastik und lege mich für ein paar Stunden schlafen.

Halb sechs, der zweite Tag beginnt mit einem opulenten Frühstück. Mit 277 km sind die Anforderungen eher übersichtlich, auch wenn etliche Höhenmeter drin sind. Für unterwegs sind wieder Riegel und ggf. feste Nahrung an Tankstellen geplant. Wie gratulieren dem Russen, der heut Geburtstag hat. Nachdem der gestrige Tag absolut problemlos und völlig im Plan gelaufen ist, trübt nichts meine Zuversicht.

TAG ZWEI 277 km

Halb sieben, es geht los. Nach wenigen Kilometern erreiche ich Quedlinburg und komme an eine Stelle, zu der mein Roadbook nichts sagt. Die Vorfahrt knickt nach links ab, gerade ist als Sackgasse gekennzeichnet. Der Grund ist eine Baustelle. Nach den Schönebecker Erfahrungen vom Vortag folge ich der Hauptrichtung - und kaufe mir drei Kilometer Umweg ein. Das sollte aber nichts daran ändern, daß diese Tagesetappe locker und noch im Hellen zu schaffen sind müsste.

Die Straße steigt nun an. Bis vor Wienrode werden allmählich etliche Höhenmeter gewonnen, in Richtung Treseburg kommt der erste richtige Anstieg. Der zweite führt nach Allrode, weitere kommen, jedesmal geht es höher hinauf. In Geißrode ist die höchste Höhe erreicht. Damit ist auch der Harz überwunden, es gibt eine schöne Abfahrt und danach geht es ohne bemerkenswerte Anstiege weiter. Der nächste kommt ab Kattlenburg in Richtung Sudheim, hier fotografiert mich Heino, ich bin guter Dinge, wir sind bereits kurz vor der Mittagskontrolle.

Zunächst verfahre ich mich aber aus eigener Blödheit, weil ich den Plan unglücklich gefaltet habe und den Abbiegepunkt nach Elvese überschlage. Ich bin nun zehn Kilometer über den Angaben, mache mir aber nichts daraus und erreiche die Tankstelle in Lütgenrode. Da sie mir nichts Passendes an fester Nahrung bietet, esse ich einen für später geplanten Riegel und behalte mir vor, ggf. ausser der Reihe iregendwo an einer Tanke zu halten.

Es wellt nun in den Solling hinein, und ich bemerke jetzt, daß mein Allgemeinzustand kontinuierlich nachlässt. Viel früher als geplant gönne ich mir den letzten Riegel und fahre in Richtung Uslar, obgleich dieser Ort auf Schildern als gesperrt markiert ist. Irgendwann stehe ich vor einem großen Erdhaufen, der quer über die Straße geht. Später erfahre ich, daß andere darübergeklettert sind (Joachim aus Hamburg: "hier bekommt das Wort Radwandern einen ganz neuen Sinn!"), ich drehe um und fange an zu überlegen. Eine Umleitung gibt es nicht, also in welche Richtung ausweichen? Da ich ständig schwächer werde, gefällt mir das garnicht. Ich entscheide, in Fahrtrichtung rechts auszuweichen, weil in dieser Richtung die Weser zu suchen ist. Also auf dem Rückweg nach links schauen. Der erste Abzweig führt in ein Gewerbegebiet, der zweite nach Adelebsen, den nehme ich und komme von dort nach Offensen. Nun bin ich wieder auf der Strecke, erstaunlicherweise ohne Mehrkilometer. Einen Anstieg hat der Solling noch zu bieten, dann rolle ich nach Gieselwerder an der Weser.

Noch 92 km zu fahren, ich fühle mich leer, ausgelaugt und kraftlos. Dazu merkwürdig lustlos. Es ist Zeit, eine Tanke anzufahren. Geeignete feste Nahrung hat auch diese nicht, aber ich erstehe 1,5 Liter braune Brühe aus Atlanta, fülle alle Flaschen und trinke den Rest. Nach wenigen Metern geht ein kräftiger Anstieg aus dem Wesertal heraus, und kaum bin ich oben, schüttet ein kräftiger Schauer mich nass. Das muß der Anstieg sein, denke ich bei, an dem Heino nicht absteigt, er führt in Richtung Trendelburg. Immer wieder einen Schluck aus der Flasche nehmend, überwinde ich die folgende Berg- und Talbahn nach Hofgeismar. Hier gibt es wieder eine Baustelle, die aber passierbar ist.

Schliesslich kämpfe ich mich auf schmaler Straße an der Daseburg vorbei Richtung Warbung. Viel früher als angegeben erreiche ich die Hauptstraße und beschließe, abweichend vom vorgegebenen Streckenverlauf, die Aral-Tankstelle am nördlichen Ortsausgang anzulaufen. Hier esse ich ein mächtiges Sandwich, ergänze den braunen Kraftstoff und fädle mich in den Radweg Richtung Germete ein.

Ich bin bereits aus Germete draussen, suche den Wegpunkt mit dem Hinweis nach Rhoden, finde ihn nicht. Das gibts doch nicht. Ehe ich viele Kilometer in die falsche Richtung fahre, drehe ich lieber um und frage. Ich bin richtig und fahre also wieder hinaus - was knirscht denn da an meinem Vorderreifen? Er ist weich, zu weich. Nun, heute bleibt mir nichts erspart. Während ich das Vorderrad ausbaue, fährt ein Randonneur vorbei - "hast Du alles?" ja, ich habe alles. Zuerst prüfe ich, wo der Defekt ist. Er ist an einer Flickstelle, die ich mit einem dieser neuen, viereckigen Flicken repariert habe. Also kein Fremdkörper. Der Ersatzschlauch ist auch mit dieser Charge geflickt und lässt, obwohl danach keinen Kilometer gefahren, genau da ebenfalls Luft. Also das Flickzeug aus der Satteltasche gekramt. Verflixt - jeden Sch... hab ich mit, sogar ein Kettennietgerät, aber nichts zum Flicken. Hervorragend. Ich packe die Decke ohne Schlauch auf das Vorderrad und beginne zu schieben.

Nach etwa zwanzig Minuten ist der Bergfloh da und hilft mit einem Schlauch aus. Er wartet, obgleich er das nicht müsste, bis ich ihn montiert und aufgepumpt habe und wieder rolle. Aus irgendeinem Grund, ich weiß nicht warum gerade jetzt, probiere ich auf den ersten Metern, ob mein Licht tut. Es tut nicht. Beim Einbau des Vorderrades hab ich einen der Kontakte herausgerissen. Jetzt, es ist noch heller Tag, versuche ich es zu richten, gebe aber nach einer Viertelstunde auf. Durch die vielen Aufenthalte schaffe ich Messinghausen im Hellen nicht mehr, werde mich eben mit der Stirnlampe dorthin schleichen.

Es sind noch 43 Kilometer zu fahren. Durch die lange Pause ist das Sandwich in meinen Blutkreislauf gelangt, aber mich fröstelt. Ich komme alsbald in eine Gegend, die ich von der Arolser RTF her kenne, es beginnt zu dämmerm, ich ziehe alles an, was ich habe, und in die Luft mischt sich Nässe. Noch ist es garnicht kalt, (später zeigen die Aufzeichnungen, daß die Temperatur an diesem Abend nicht unter 12 Grad Celsius ging), aber ich friere selbst beim Bergauffahren. Mir wird klar, daß ich krank bin. Ich beginne die Abfahrten zu hassen. Zwar komme ich bergab schnell voran, falle aber vor Schlottern fast vom Rad. Die letzte Abfahrt schaffe ich noch in der späten Dämmerung. Nun biege ich kurz vor Bredelaer auf die B7, und es ist dunkel.

Diese letzten 10 km bis Messinghausen sind mir als völlig spaßfrei in Erinnerung geblieben. Geschwächt und fröstelnd, komme ich quälend langsam voran, aber die Alternative, einfach liegenzubleiben, schreckt mich ab. Immer wieder schaue ich auf den Computer und bin kaum hundert Meter vorangekommen. Es scheint Stunden zu dauern. Dann bin ich irgendwann in den erleuchteten Straßen von Messinghausen. Ich muß noch diesen Berg hoch, der zum Schützenhaus führt und der unangenehm steil ist. Ich versuche erst garnicht hochzufahren. Ich laufe und schiebe, bis ich die Bebauung hinter mir gelassen habe und nur noch Dunkelheit vor mir sehe. Verunsichert rufe ich Heino auf dem Handy an, er kommt mir mit der Stirnlampe entgegen und führt mich ins Warme. Ich esse nichts mehr, dehne mich nicht, lege mich nur noch hin. Die Fahrt ist hier zu Ende.

TAG DREI+VIER

Ich bekam nicht mit, wie Bergfloh am kommenden Morgen nach Rösrath aufbrach, und schlief auch, als er ca. 26 Stunden später wieder zurückkam. Allein diese Zeitspanne sagt etwas aus über die Bedingungen unterwegs. Bergflohs Aussehen, als ich ihn und seinen Begleiter Morten aus Dänemark gegen Ein Uhr weckte, sagt den Rest. Ich bezweifle, ob meine Ausstattung für diese Bedingungen hinreichend gewesen wäre, wäre ich nicht schon vorher gestoppt worden. Insgesamt hat die praktische Erfahrung meine Packliste, die ansonsten im großen und ganzen ok war, noch um den einen oder anderen Artikel ergänzt, der noch angeschafft werden muß. Als da wäre, eine aufblasbare Nackenrolle und, wichtiger, ein aufblasbares, flaches Kissen, das unter die Lendenwirbelsäule kommt.

Meine Beschäftigung in Messinghausen bestand derweil darin, wieder gesund zu werden, Jürgens Schlager-CD aus den 70ern mit anzuhören und an seinem Auswertungs-Excel Hand anzulegen. Es bestand Gelegenheit, am Dienstag Nachmittag mit dem ersten Gepäcktransport über Lindern nach Großhansdorf zu kommen. Gegen 15 Uhr fuhren Jörn und ich ab, unterwegs gab es noch Gelegenheit, Peter und Morten zu filmen, sowie andere Teilnehmer, die sich auf der Strecke nach Lindern befanden. Und das war mein erster Superbrevet.

EPILOG

0,5 km an Kreuzung rechts, Schild lautet "Anlieger frei"

Ich sitze wieder auf dem Rad. Das gute Wetter und die Tatsache, daß ich nicht mehr fiebere, haben mich animiert, in Lindern über Nacht zu bleiben. Nun lege ich, ausser Konkurrenz, wenigstens die letzte Etappe auf eigenen Rädern zurück. 215 km flach, der Wind kommt aus der passenden Richtung, alles sollte klappen. Leider sitze ich nicht so, wie ich sollte. Ich stelle fest, daß ich seit kurzem (gestern mittag war das noch nicht so) drei Eier habe, das dritte ist größer als die anderen und schmerzt. Zweimal stelle ich die Sattelnase nach unten, sitze aber nun zu sehr auf den Sitzknochen, rutsche nach vorne und belaste die Füsse zu arg. Noch zweimal schraube ich am Sattel, nun steht er wieder wie vorher, es ist auszuhalten. Ansonsten lockere Fahrt im Rekon-Bereich. Der Körper ist durch das vorangegangene Fieber geschwächt und durch die Pause ausgeruht, beides zugleich in einem merkwürdigen Zusammenspiel.

Bei Verden treffe ich auf Jackie, die Rösrath ausgelassen hat und nun ebenfalls auf ihrer letzten Etappe ist. Ich lasse sie aber bald hinter mir und rolle Richtung Winsen. Erst in Jesteburg sehe ich, wonach ich den ganzen Tag suche, ein Radgeschäft. Es ist aber inzwischen Mittagszeit, und das Geschäft ist geschlossen. Also fahre ich weiter und verpflege mich ausgiebig an der Tanke in Winsen. Ich geniesse das Gefühl, daß man mich dort für einen der regulären Teilnehmer hält und mich sehr respektvoll betrachtet. Ich bringe es nicht über mich, zu sagen, daß ich ein Abbrecher bin, der nur die letzte Etappe man so mitgondelt. Nun lasse ich mich auf den angekündigten ruhigen Straßen zur Geesthachter Elbbrücke führen. Hier gibt es aber eine Baustelle mit viel Verkehr und Rückstau. Ich bin froh, als ich da durch bin, und befahre nun als Premiere Hamburger Territorium. Der Anstieg in Escheburg ist nett, tut aber nicht wirklich weh. Nun gibt es noch eine schöne Wegstrecke durch den Sachsenwald, dann bin ich fast zuhause. Fürs Finale trete ich nochmal rein, Burkhard, der in Granderheide auf Bilder lauert, kann kaum schnell genug sein Objektiv drehen. Nun sollte ich nochmal das letzte Blatt aus dem Roadbook auflegen, aber die letzten acht Kilometer von Großensee zurück nach Großhansdorf sind auch so zu finden. Kaum eine Viertelstunde nach mir rollen Peter und Morten ein, sie sind glücklich, ich bin es nicht wirklich.

WAS DANACH NOCH GESCHAH

"Durch den Hafen, dann an der ersten Ampel links".

Wieder fahre ich nach einer Beschreibung. Diese führt mich zu einem Facharzt der Urologie in Neustadt/Holstein. Ich habe meine Frau in Scharbeutz am Strand abgesetzt und einen Arzt gesucht, der sich um mein "drittes Ei" kümmert, aber vor Ort nichts gefunden. Statt dessen bin ich nun hierher geschickt worden. Der Facharzt besieht sich den Abzeß am Hoden und wird ernst. "Das muß noch heute operiert werden" sagt er und telefoniert mit dem Fachkollegen am Neustädter Klinikum. Ich fahre hin und warte erstmal eine lange Zeit.

Der operierende Arzt bespricht sich mit dem Oberarzt. Es wird eine OP unter Vollnarkose. Ich rufe meine Frau an, sie muß mit dem Bus nach Neustadt kommen, dann bin ich auch schon unter dem Messer. Nach einer Stunde bin ich wieder wach und mein kleines Problem los. Aber ganz problemlos bin ich noch nicht.

Wegen möglicher Eiterbildung wird die Operationswunde nicht geschlossen. Ich muß bis Samstag stationär im Klinikum bleiben, während meine Lieben im Wohnmobil daraussen auf dem Parkplatz residieren, dann schaffe ich es, entlassen zu werden. Nach zehn Stunden Fahrt bin ich, mit Frau und Hund, kurz nach Mitternacht am Sonntag zu Hause.

Nun verfüge ich über eine nach wie vor offene Wunde an unpraktischer Stelle, die ich mehrfach am Tag ausdusche, über einen Vorrat von Antibiotika und eine große Rolle Zellstoff, von der ich regelmäßig ein Stück abschneide. Es kommt zwischen die Wunde und die Unterwäsche, denn die Wunde läßt ständig etwas Wundwasser ab. Ich bin krankgeschrieben und habe ein Attest, daß ich zehn Tage lang nicht an radsportlichen Wettkämpfen teilnehmen kann. Wie die Ärztin, die mir das ausgestellt hat, gerade auf zehn Tage kommt, ist mir ein Rätsel.

FAZIT

Soweit der Text, den ich am 20.August, dem Sonntag nach dem Superbrevet, aufgeschrieben habe. Heute sind drei Wochen seit der Operation vergangen. Die Wunde, die langsam von innen nach aussen heilen soll, tut dies zur Zeit noch und wird vielleicht Ende nächster Woche wieder heil sein, wenn ich Glück habe. Seit Montag arbeite ich wieder, und mein Hausarzt sagte am Freitag davor, nun könne ich wieder vorsichtig das Radfahren probieren. So etwa einmal um den Block. Seit wann ich wieder Rad fahre, erzähle ich ihm nicht. Von Distanzen, die mit dem Rad zurückgelegt werden, hat er keine Ahnung.

Auch wenn ich die Veranstaltung wegen Krankheit (ob das Fieber am zweiten Tag und anschliessende Abzeß miteinander zusammenhängen?) nicht beenden konnte (oder, richtig gesagt, unterbrechen mußte), bleiben mir doch die freundlichen und engagierten Helfer in dauerhafter Erinnerung. Während meines Aufenthaltes in Messinghausen erhielt ich einen kleinen Eindruck, wie lange so ein Helferteam (im Schichtdienst) ausharren muß, bis die letzten Fahrer durch sind. Und allen Fahrern, egal wann sie kommen, wird vorgesetzt, was ihr Herz begehrt, sie werden aufgemuntert und umsorgt, jeder hat den Eindruck, daß man nur auf ihn gewartet hat, um ihm alle Wünsche von den Lippen abzulesen. Heino hat noch in der Nacht den Kontakt an meiner Lampe instandgesetzt, und auch an anderen Rädern repariert, wie ich hörte. Alle Helfer (und die Helferinnen ebenso) haben sich während dieser Zeit alle sechs Beine für uns Teilnehmer ausgerissen, das kann man garnicht genug betonen.

Die Wegbeschreibung wurde von einem Teilnehmer als der Maßstab bezeichnet, an dem sich alle anderen Brevets messen lassen müssen. Das ist sie. Sie hat immer gestimmt. Es war klar erkennbar, daß die Strecke mit viel Aufwand Punkt für Punkt vor Ort recherchiert war. Leider stimmte an ein paar Stellen die Strecke nicht, wo in der Zwischenzeit Baustellen eingerichtet worden waren, dafür kann aber die Beschreibung nichts. Note eins auch hierfür.

Was bleibt? Die Erfahrung, 460 km am Stück zu fahren, die Erfahrung, nachts zu fahren, und die Erfahrung, daß trotz allem doch nichts geht, wenn die Gesundheit unvermutet streikt. Aber das Virus (nicht das vom zweiten Tag) ist in mir geblieben. Meine Teilnahme am 3. Superbrevet im Jahr 2010 habe ich noch an dem Abend angekündigt, an dem ich in Großhansdorf angekommen bin.

Nächstes Jahr ist 2007. Da wird Paris-Brest-Paris gegeben.

 

Manfred Kiesel

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