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Hamburg-Berlin-Köln-Hamburg
 

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01_kurz vor der Abfahrt nach Hamburg.JPG 02_2006_Astrid_faehrt_nach_Hamburg.jpg 03_PICT1559.JPG  
Tourname: 2. deutscher Super Brevet
           Übernachtungen:

1. Tag Gasthof

2. Tag Gasthof

2. Tag Bushalte

3. Tag Wohnmobil

Verein:
VerfasserIn: Astrid Muth
Datum: 2006
Startort: Großhansdorf
Tourlänge: 1500 km
Höhenmeter in M:  11000 Meter

 

Bericht zu meinem 2000 km Versuch

 

Entschließe mich viel zu kurzfristig doch noch an dem Hamburg-Berlin-Köln-Hamburg Brevet teilzunehmen, da meine Radreise buchstäblich ins Wasser gefallen ist.

Motiviert hat mich, dass ich erfahren habe, dass es den Plan doch nicht erst am Start gibt, sondern vorher und dass ich versuchen kann die Tour zu nutzen, um einen längere Tour zu fahren, denn 1500 km in Deutschland zu fahren reizt mich nicht besonders.

Habe den totalen Stress, denn ich muss mich jetzt ganz kurzfristig vorbereiten.

Mit Plan alleine fahre ich nicht mehr. Das hat mir in England schon die Tour vermiest. Also muss ganz schnell noch ein GPS her und auch noch eine Lampe. Dieses Mal nehme ich auch Regensachen mit, denn die Wettervorhersage ist entsprechend, sonst wäre ich ja auch auf meiner Radreise und die Tour wäre sowieso nicht in Frage gekommen.

Als ich endlich startklar bin, bin ich auch fertig und zwar durch den Stress den ich mir mit meiner kurzfristigen Entscheidung gemacht habe und ich frage mich wie das überhaupt noch gehen soll, da ich nicht in dem Zustand bin so eine Tour zu machen.

Ich weiß am Tag vorher schon, es wird regnen, wenn ich losfahre und so ist es auch.

Ich fahre also im Regen los. Zum ersten Mal verschmähe ich die Metropa Duschhaube von Hermann nicht, denn ich will nicht unnötig nass werden, da ich keine Aussicht habe wieder zu trocknen unterwegs. Ich stelle fest, dass es sich doch ganz gut fährt und kalt ist mir nicht. Wie das im Dunkeln so ist, fahre ich auf einem Radstreifen erst mal durch etwas was sich anhört wie Glas. Ich hoffe, dass es kein Glas war, aber leider wird mein wider Erwarten angenehmes Fahrgefühl jäh getrübt, weil ich feststellen muss, dass ich einen Platten habe.

Irgendetwas stimmt nicht, denn Hermann hat mir vor der Fahrt noch mal die Reifen aufgepumpt, obwohl ich gestern erst voll aufgepumpt hatte. Ich vermute, das Ventil ist nicht richtig fest oder es liegt an der Felge. Ich entschließe mich zu gucken, wie lange ich fahren kann, ohne nachzupumpen. Nach 2 Stunden ist es so weit. Ich entschließe mich nicht zu wechseln. Das Ventil kann ich ohne Zange nicht festdrehen.

Mit dem GPS komme ich wider Erwarten ganz gut klar, obwohl einige Probleme und Umwege eingebaut sind, die ich aber umgehen kann. Ich habe mir 2 Radgeschäfte auf der Strecke vermerkt. Als ich in der Nähe von dem Einen vorbeikomme, entschließe ich mich hinzufahren. Man dreht mir das Ventil fest und ich kaufe vorsichtshalber noch einen Schlauch. Es stellt sich heraus, dass es tatsächlich am lockeren Ventil lag. So eine Scheiße, die Schläuche von der Firma schneide ich klein, schwöre ich mir.

Irgendwann stelle ich fest, dass ich viel zu langsam bin und es gar nicht mehr schaffen kann einigermaßen pünktlich in Hamburg anzukommen. Ich übernachte trotzdem wie ich es vorhatte. Die Strecke ist viel länger als ich dachte und so komme ich erst mittags in Hamburg an. Natürlich ist kein Mensch mehr da. Dafür fängt es an in Strömen zu regnen, obwohl der Himmel direkt nebenan blau ist und die Sonne scheint, aber ich bin eben gerade an der falschen Stelle. Ich entschließe mich zu warten, da ich keine Lust auf nasse Füße für den Rest der Tour habe. So komme ich dann endlich um 13 Uhr los und bin darauf eingestellt den Rest der Strecke niemanden mehr zu treffen.
Leider schaffe ich es nicht genau die Strecke zu fahren und komme zur Fähre über die Elbe, obwohl doch eine Straße vorgesehen war. Na ja, das sind halt die Tücken. Da es tagsüber ist, ist das auch kein Problem, denn da fährt die Fähre ja wenigstens. Ich übernachte in einem kleinen Ort unterwegs. Es gibt ständig Übernachtungsmöglichkeiten auf der Strecke, man darf nur nicht sehr spät kommen. Also nach 22 Uhr wird es schwierig noch etwas zu bekommen. Dann werden die Bordsteine hochgeklappt. Am nächsten Tag bin ich dann in Ditfurt, aber es ist keiner mehr da, glaube ich.

Doch die Helferinnen warten tatsächlich noch auf mich was ich aber erst später erfahre. Ich fahre zwar in den Ort hoch mit der Absicht auch zum Museum in der die Kontrolle ist zu fahren, aber es führt kein befahrbarer Weg dorthin und da ich annehme, dass ohnehin niemand mehr da ist, fahre ich wieder zurück auf die Strecke und weiter geht’s.
Bis jetzt geht es mir noch gut und das Wetter ist gar nicht so schlecht, wenn es nicht regnet. Irgendwann bekomme ich aber die totalen Probleme, mein Hintern fängt an sich aufzuscheuern und ich kann meine Hände nicht mehr aufstützen.

Die Fahrerei wird unerträglich, es regnet, die Straße ist holprig, obwohl asphaltiert und verkehrsarm. Ich komme auf die in diesem Fall wirklich glorreiche Idee mir noch eine zweite Hose anzuziehen. Das wirkt Wunder. Ich fahre viel im Stehen und so geht es. Es ist einerseits sehr interessant durch Ossiland zu fahren. Es ist wie im Ausland stelle ich mal wieder fest. Leider sind die Straßen in den Orten teilweise nicht befahrbar. Ich werde zur Gehwegschleicherin. Jetzt weiß ich, wie man die Radfahrerinnen bei uns endlich problemlos und freiwillig auf die Gehwege, die ja bei uns Radwege genannt werden, kriegen kann, man braucht nur die Straßen kaputt zu machen und mit Kopfsteinpflaster zu pflastern und schon ist das Problem gelöst und wir fahren „freiwillig“ auf den Gehwegen, auch wenn sie noch so schlecht sind.

Inzwischen bin ich im Harz. Es ist wieder eine Übernachtung fällig. Hier werden die Bordsteine noch früher hochgeklappt. Mit viel Sucherei und Hilfe bekomme ich noch ein Hotelzimmer auf den letzten Drücker. Ich nehme mir Zeit zum Schlafen. Es fährt sich sehr gut im Harz, auch im Dunkeln. Die Steigungen machen mir gar keine Probleme. Ich merke, dass ich nicht mehr so viel Angst im Dunkeln habe. Das hat sich sehr gebessert. Gefährlich bleibt es trotzdem, denn es kann immer mal eine Tier über den Weg laufen. Einige Rehe, Füchse, Hasen habe ich schon gesehen, die aber glücklicherweise das Weite gesucht haben, als ich in ihre Nähe gekommen bin. Es regnet natürlich immer wieder und mir geht das An- und Ausziehen und reinstecken und rausholen der Regensachen langsam fürchterlich auf den Wecker. Ich fluche laut vor mich hin, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass mich niemand hört.

Im Laufe des Tages komme ich in Messinghausen an und treffe einige Bekannte, nämlich Siggi und V8. Sie sind schon wieder auf dem Rückweg bzw. V8 kann und will nicht mehr weiterfahren. Die Helferinnen sind sehr bemüht und bieten mir alles Mögliche an. Leider habe ich aber gerade gegessen und bin noch voll von meiner Marzipantorte und dem Nugatring. So trinke ich einen Tee und nehme zwei Bananen mit.

Dann geht es weiter. Noch fährt es sich gut. Aber die Strecke ist weiterhin hügelig. Ich verfahre mich immer wieder und habe Probleme an den Abzweigen.

Irgendwie habe ich nach wie vor Probleme mit meiner Ernährung. Damit hatte ich noch nie ein Probleme, aber dieses Mal reicht es nicht was ich esse oder es ist das Falsche. Jedenfalls ist der Ofen aus. Ich nehme ein Gel, was ich für den Notfall eingepackt hatte, das nach 20 Minuten wirkt. Es geht etwas besser. Ich brauche dringend etwas zu essen, aber leider gibt es keine Geschäfte hier. Dann kommt ein Bäcker, aber er hat seit 10 Minuten zu. Na prima. Ich verfahre mich wieder und komme dadurch aber zu einem Einkaufszentrum. Hier hole ich mir Kuchen ohne Ende für die ganze Familie. Es geht nicht alles rein. Der Rest wird mitgenommen. Eine Gabel muss ich leider mitgehen lassen, denn sie hatten keine Plastikgabeln und ich kann den Quarkkuchen ja schlecht mit den Händen essen.

In Rösrath, dem Wendepunkt der Strecke, ist natürlich niemand mehr da. Jetzt kommt der schlimmste Teil, Hauptverkehrsstraße zur Hauptverkehrszeit, teilweise längere Zeit bergauf. Horror ohne Ende. Nur ca. 10% der Autofahrerinnen setzen mein Leben nicht auf Spiel. Die anderen fahren vorbei, wie’s gerade passt. Wenn ein LKW oder Bus mit einem Meter Abstand überholt, ist das schon großzügig. Besonders unangenehm fallen mal wieder die Linienbusfahrerinnen auf. Denen reichen auch mal ein paar Zentimeter. Mit anderen Worten es wird drauf gehalten. Ich komme mir vor wie ein Billardkugel die ständig gegen die Bande geketscht wird.

Die Gehwege mit Radschild verteilen sich in ungleichmäßigem Abstand, mal rechts mal links, mal gar nicht. Wie immer schlechter als die Straßen und alle paar 100m steht man vor Autos aus Seitenwegen und Ein- oder Ausfahrten, natürlich nachdem man erst einmal durch den obligatorischen Scherbenhaufen gefahren ist.
Die Abfahrten sind überhaupt nicht benutzbar, da schmierig und damit lebensgefährlich, das Übliche eben. Ich komme kaum vorwärts, da ich auch nicht mehr im Stehen fahren kann. Zu meinem Sitzproblem hat sich auch noch ein Knieproblem hinzugesellt. Mein Körper sagt mir also eindeutig, dass jetzt Feierabend ist, ihm reicht es. Okay, er bestimmt, wir haben 1500 km gefahren und keine Aussichten mehr noch in einem akzeptablen Zustand und zeitlichen Rahmen über die Runden zu kommen. Somit entschließe ich mich aufzuhören.


Ich bin zwar nicht zufrieden mit dem Ergebnis, aber mit dieser Entscheidung. Glücklicherweise kann ich mich hier prima von Hermann abholen lassen, wozu er auch gleich bereit ist. Er hatte schon beobachtet, dass ich ziemlich schlecht aussehe und auch extrem langsam unterwegs bin. Allerdings habe ich trotzdem das Zeitlimit, das für die 1500 km angesetzt war, nicht überschreiten brauchen. Es ist eben für Randonneure = Radwanderer ausgelegt.

  Astrid Muth

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