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Tourname: Brevet 1000 km Osterdorf           
Verein: ARA-Nordbayern
VerfasserIn: Manfred Kiesel
Datum: 2008
Startort: Osterdorf
Tourlänge: 1000 km
Höhenmeter in M:  

Nein, ich fahre nicht 1000 km. Die Strategie für dieses Brevet stellt sich selbst auf: Heute, am Donnerstag dem 19. Juni, starte ich auf den 600er, der mir wohlbekannt ist (Irrtum, dazu später), nur auf umgekehrter Strecke. Morgen, am Freitag, werde ich wieder in Osterdorf sein, idealerweise gegen Abend, und mich pflegen können. Duschen, Essen, Schlafen. Daß danach nochmal gut 400 km anstehen, damit beschäftige ich mich jetzt nicht.

Es rollt nach Pappenheim hinunter. Auf einem leicht ansteigenden Stück werde ich gleich ans Ende durchgereicht - so früh schon? egal - aber ich kann Peters Dreirad und noch jemanden auf der folgenden 11%-Schussfahrt passieren. Ursprünglich wollte ich in Pappenheim an einem Radgeschäft anhalten und eine Batterie für den Tacho besorgen, aber ein freundlicher Mitstreiter (Gesicht gut gemerkt) hat mir eine überlassen. So brauche ich mir nur im Vorbeifahren zu merken, wo das Geschäft ist (zur eventuellen Verwendung dieses Wissens) und kann, zum ersten Mal, den moderaten und recht gleichmässigen Anstieg nach Langenaltheim geniessen.

Ein Brevet, bei dem ich mich verfahre, gibt es nicht. Diesmal stehe ich schon in Langenaltheim am T. Wie war das, rechts oder links? Wieso habe ich mich beim 300er hier zurechtgefunden? Vielleicht waren da mehr Leute unterwegs, denen ich nachgefahren bin? Ein Teilnehmer vor mir will nach rechts fahren, besinnt sich aber und fährt nach links. Wir kommen an eine fremde Kreuzung. Wenn ich hier nach rechts fahre, komme ich dann zum Wittesheimer Abzweig? Die Karte hilft: nein, falsche Richtung. Zurück und am T rechts. Irgendwo zeigt ein Schild nach Wittesheim. Offenbar sind wir nun einen Schlenker in die andere Richtung gefahren, haben aber nun den Weg wiedergefunden.

Das heftige Ab, Auf und Ab nach Warching kenne ich mittlerweile und biege danach ausnahmsweise in die richtige, nicht beschriebene Richtung: rechts und wieder links nach Natterholz. Das weiß ich, weil ich beim 300er falsch gefahren bin. Eine ganz kleine Straße führt gemächlich aufwärts und hinab nach Daiting. Der weitere Weg führt an einem Bach entlang nach Gansheim, und nun ist das Terrain wieder bekannt: hinauf und hinab. Am Anstieg überhole ich den verblüfften Peter, der mich schon weit vor sich vermutet hat, und einen Begleiter, den er gefunden hat. Nun geht es hinunter nach Marxheim und über die Donau. Ein kurzer Halt, zum Regulieren der Blase, bringt Peter nicht vor mich. Hinter Niederschönfeld geht es auf die B16, die ich nicht mag, aber es gibt keine Alternative, um über den Lech zu kommen. Gleich nach der Flußüberquerung können wir (ich habe wieder einen Begleiter gefunden) auf einen Radweg wechseln, der alsbald von der B16 abzweigt. Wir fahren geradeaus und ignorieren einen Abzweig Richtung Bahnhof, kommen aber nicht nach Oberndorf, sondern in einen fremden Ort. Eine Befragung der Bevölkerung hat zum Ergebnis: vorwärts Kameraden, wir müssen zurück. Am Abzweig sehen wir: aus dieser Richtung ist Oberndorf ausgeschildert. Wir hätten uns nur umdrehen müssen.

Wir sind jetzt auf der flachen Strecke zwischen der Donau und Wertingen. Deshalb rollen wir gut, eine halb seitliche frische Brise hindert uns kaum. Bis mein Hintermann über Luftverlust in seinem hinteren Reifen klagt. Er muss den Schlauch wechseln und ich bin wieder allein auf der Flur. Bald habe ich Peter aufgefahren, der kaum noch überrascht ist. Gemeinsam erreichen wir das nahe Wertingen. Während ich noch etwas esse, ist Peter schon weitergefahren.

Kaum drei Ortschaften weiter habe ich ihn wieder geholt und passiere ihn mit den besten Wünschen für die weitere Fahrt, denn ich erwarte nicht, ihn auf dieser Tour noch einmal zu treffen, was sich auch bewahrheitet. Hinter Adelsried komme ich in eine hügelige Gegend, die "Stauden". Ich treffe einen hier heimischen Liegeradler, mit dem ich im Vorjahr immer wieder zusammengetroffen bin. Er fährt das Brevet nicht mit, patroulliert aber heute hier, um den einen oder anderen Teilnehmer durch seine Heimat zu eskortieren. In Schwabegg verlässt er mich, und ich rolle ins Lechfeld hinunter.

Dass ich mich auf dem folgenden Stück nicht verfahre, ist nicht dem Streckenplan zu verdanken. Ortskenntnis ist Trumpf und lässt mich souverän Landsberg und die Tankstelle am Ortsende finden. Auch die Ausfahrt hinauf nach Ummendorf kenne ich nun. In Stadl ist eine Baustelle. Vorsichtshalber schiebe ich durch und muss an Peter denken. Schieben kann er ja schlecht. Durchfahren müsste aber für ihn gerade noch gehen, er hat sehr robuste Reifen.

Es wird wieder hügeliger, der Pfaffenwinkel steht an. Irgendwo bei Rott, in Richtung Wessobrunn, kann ich die Alpen sehen. Die Sonne ist schon im Sinkflug, ich auch hinab nach Weilheim. Lautstarke Begrüssung: eine ganze Gruppe von Randonneuren hat sich in einem Biergarten niedergelassen. Ich fahre gediegen weiter in Richtung Starnberger See. Hier fahren Karl und ein Begleiter zu mir auf, die gleich nach meiner Vorbeifahrt in Weilheim den Biergarten verlassen haben. Zusammen erreichen wir in der Abenddämmerung Bad Tölz, wo uns Karl durch die kopfsteingepflasterte Innenstadt führt. Aus einem Lokal tönt Torgeschrei - das EM-Viertelfinale gegen Portugal ist im Gang.

Es ist Zeit für die Nachtfahrt. Karl will auf seine Begleiter warten, ich breche in die Dunkelheit auf und fahre hoch nach Waakirchen und wieder hinab an den Tegernsee. In Tölz hatten einige der anwesenden Fahren einen 25er Schnitt! allerdings weniger Nettofahrzeit und mehr Pausen. Ich dürfte bei 24 km/h gelegen haben, trotz mehrerer hundert Meter Schieben in Stadt, für meine Verhältnisse bin ich sehr schnell unterwegs.

Das ändert sich aber. Aus Gmund hinaus steigt die Strecke an. Ich soll durch Gschwendt fahren, aber obschon ich zum drittenmal hier unterwegs bin, würde ich jeden Eid schwören, nie in Gschwendt gewesen zu sein. Mir gedenkt, irgendwo auf dieser Strecke von links her eingebogen zu sein, aber wo? Ich hätte mir die Stelle besser merken sollen. Das Ende vom Lied ist, ich komme nach Hausham, wo ich nichts verloren haben. Mittlerweile ist das Spiel um, die Deutschen haben gewonnen und die Strassen sind voller hupender Autofahrer. Der Trubel hat den Vorteil, daß ich Eingeborere nach der Richtung nach Wörnsmühl befragen kann. Nach mehreren Anläufen habe ich sie gefunden und der Anstieg kommt mir bekannt vor: hier bin ich schon bergab gefahren.

In Wörnsmühl halte ich, um Beinlinge und Armlinge anzulegen. Die Nacht wird frisch. Der Vollmond ist aufgegangen und zeigt mir die zackigen Konturen der Umgebung. Hinauf nach Hundham und die 14%-Abfahrt hinunter nach Feilnbach. Am Ortsausgang halte ich wieder. Es ist Mitternacht. Ich muss ein neues Blatt der Wegbeschreibung auflegen. Ausserdem stoppe ich die Tacho-Aufzeichnung, notiere mir die Werte und starte die Aufzeichnung neu. Mehr als 24 Stunden an einem Stück kann ich nicht aufzeichnen. Später werde ich feststellen, dass ich bis zu dieser Stelle einen Schnitt von 23,5 km/h gefahren bin.

Unter Duftbräu habe ich mir, anhand der Beschreibungen, immer einen hochgelegenen Ort vorgestellt (richtig!) und ihn in Gedanken in die Hundhamer Gegend versetzt, weil hier der höchste Punkt der Tour lag. Das erste Blatt der Beschreibung führt jedoch nach Feilnbach, ohne Duftbräu zu erwähnen. Deshalb habe ich Karl kurz vor Tölz gefragt, ob die Strecke denn nicht über Duftbräu gehe, aber Karl hat versichert, dass sie das tut. Nun, auf dem zweiten Blatt, sehe ich, dass der legendäre Ort irgendwo zwischen Feilnbach und Frasdorf liegt. Zuerst überquere ich bei Kirchdorf den nächtlichen Inn und staune über die kräftige Steigung danach (huch! ging es hier beim 600er so sehr hinab?) und biege bei Neubeuern in Richtung Nußdorf, in unbekanntes Land.

Kurz vor Nußdorf zeigt ein Schild "Duftbräu" nach links, aber ich soll im Ort links in die Mühltalstrasse abbiegen. Leider kann ich die Straßenschilder im Dunkeln nicht identifizieren und fahre auf gut Glück eine Seitenstraße aufwärts, hinaus aus dem Ort, durch dunklen Wald an einem springenden Bächlein entlang, fast wie im Schwarzwald. Zu meiner Erleichterung sehe ich eine Ortstafel "Mühltal" bei einigen Häusern, und die Richtung zur Waldmannsiedlung wird angezeigt. Das ist richtig. Bald darauf sehe ich die beschriebene Stelle "rechtsab Steigung kleines Schild" (Duftbräu). Allerdings habe ich Waldmann noch nicht erreicht. Der schmale Weg steigt steil an und wird dann zur Naturstraße. Sch***e das war falsch, aber Richtung Duftbräu stimmt ja. Selbst im Sitzen dreht mein Hinterrad auf dem Untergrund leicht durch. Dann eine Einmündung. Links, abwärts, wird "Waldmann" angezeigt - da hätte ich herkommen sollen. Rechts, steil nach oben, "Duftbräu" - das ist mein Schicksal.

Immer noch zeigt mir das Licht des Vollmonds die Konturen der Umgebung. So kann ich sehen, dass ringsum, zumiondest in einem Halbkreis, zackige Höhen liegen. Die muss ich erklettern, es gibt keine Lücke. Sehr steile Passagen wechseln mit weniger steilen ab. Endlich stehe ich auf der Kuppe von "Duft" und suche vergeblich, welche Geheimfrage hier zu beantworten ist. Statt dessen bewässere ich den Strassenrand und versuche, das von der Stirnlampe notdürftig angeleuchtete Wirtshausschild mit der Handykamera festzuhalten, als Erinnerung an meine erste Auffahrt zum Duftbräu. Peter, viel Spass hier mit Deiner Tretmühle.

Kleinste Strassen bringen mich abwärts nach Grainbach und Frasdorf. Hier bin ich wieder auf der alten Strecke hinunter nach Prien. Bernau lassen wir rechts liegen. In Prien muss ich mir tief in der Nacht eine Stempelstelle suchen. Meine Wahl fällt auf die Dienststelle vom Trachtenverein Grün-Weiß. Ich lehne das Rad an die Wand und bete, dass die Grünen meine Lampe nicht untersuchen wollen. Gut ist sie, aber ob auch zugelassen, danach habe ich Gaby nie gefragt ... nach dem Stempeln der Gang zur Toilette, Flaschen und Blase auf korrekten Füllstand bringen. Wie bisher bei jeder Kontrolle, nehme ich auch die Sitzcreme mit zur Sitzung. Trotzdem ist der A... ähem, Boppes bereits arg in Mitleidenschaft gezogen. Genau gesagt, an den Sitzknochen aufgescheuert. Um wieviel angenehmer könnte das Langstreckenfahren sein, wenn diese Plage nicht wäre ...

Draussen treffen, aber aus der Gegenrichtung!! ("wir haben ein paar Bonusmeilen gemacht") vire, nein, fünf, sechs Randonneuere ein und wollen auch die Grünen heimsuchen. Es sind die ersten anderen Teilnehmer, die ich seit Tölz sehe. Bevor die drinnen in der Dienststelle sauer werden, mache ich mich unauffällig davon.

Vom Chiemsee habe ich noch nie etwas gesehen und das ist auch jetzt so. Ein paar Wellen, ansonsten ist die Strecke unspektakulär. Ich suche eine Stelle, wo ich mich hinsetzen und die Füsse entlasten kann, denn ich will noch die Wegzehrung zu mir nehmen, die man mir beim Start immer so fürsorglich einsteckt. Endlich, kurz vor Ischl, sehe ich eine Kuppe vor mir, rechts ein einzelner Baum. Da rechts von mir ein Radweg verläuft, bin ich mir, warum auch immer, völlig sicher, da steht eine Bank. So ist es, ich setze mich und esse. Dabei bilde ich mir ein, durch die Wolken die Dämmerung sehen zu können. Es ist keine Einbildung.

Nach Ischl muß man rechts abbiegen - nun gut, links ist eine Sackgasse - und an der Hauptstrasse nach links. Wie findet das ein Fremder? Das Roadbook zeigt einfach einen Pfeil geradeaus. Zum Glück bin ich ortskundig. In Kienberg wird bereits empfohlen, die Baustelle in Emertsham in Richtung Trostberg zu umfahren. Das ist die Strecke, die ich 2007 gefahren bin, aber unfreiwillig. Später geht es noch einmal rechts ab, zur Strasse hin, die von Trostberg her kommt. Diese Umleitung bin ich dieses Jahr bein 600er gefahren. Da die Gruppe, die durch die Baustelle gefahren ist, schneller war, ignoriere ich die Umleitung und fahre auf Emertsham zu. Der UNtergrund ist sehr weich, aber ich komme schiebend durch und fahre ohne besondere Vorkommnisse durch die Morgendämmerung hinunter zum Inn und die kurze Steigung zur Tankstelle in Waldkreiburg. Eigentlich habe ich erwartet, dass mich die Gruppe aus Prien auffährt. Aber von denen habe ich auf der ganzen Reststrecke nie mehr etwas gesehen.

Trotzdem treffe ich in der Kontrolle Bekannte: Wolfi und Walter Binder. Ich staune, denn die sind doch eigentlich schnell ... und richtig frisch sehen die auch nicht aus. Walter versucht sogar, etwas zu ruhen, gibt den Versuch aber wieder auf. Nun ja, wie sehe ich wohl aus? Ich frage besser nicht. Die beiden wollen warten, aber ich fahre lieber mein eigenes Tempo. Kurz nach der Kontrolle sehe ich eine Einbuchtung und halte zum Schiffen. Eine der Wolken, die ich schon seit Ischl sehe, tut es mir sofort nach. Nach wenigen Kilometern, noch ehe ich mich irgendwo hätte unterstellen können, hört es auch schon wieder auf. Es sollte die einzige Fuhre Nass von oben bleiben, die mich auf der ganzen Fahrt trifft.

Die Berg- und Talbahn nach Egglkofen kenne ich vom 600er gut. Ab hier führt mich die Beschreibung nach Treidlkofen, wo ich vor vier Wochen Peter, Franz und wer war das noch? auf Abwegen getroffen habe. Wir haben damals das bescheuerte Vierer-Mannschaftszeitfahren zur Kontrolle veranstaltet. Jetzt führt mich mein Weg nach Binabiburg, hoch nach Frauensattling und dann nach Vilsbiburg. "Ampel links rechts links" steht da. Dafür habe ich nur ein Kopfschütteln übrig. Ich fahre kurzerhand nach rechts, das ist jetzt Sackgasse, aber an einem Torbogen hebe ich das Rad zwei Stufen hoch und auf der anderen Seite hinunter, rechts und dann links. Jetzt bin ich auf dem Weg hoch nach Seyboldsdorf. Schliesslich bin ich ortskundig. Aber auf die Dauer werde ich mir doch eine andere Durchfahrt durch Vilsbiburg anschauen müssen.

Auf der Brücke hinter Dietelskirchen zeugt nur noch der unterschiedliche Fahrbahnbelag von der Baustelle mit den Stahlmatten, die auf den Bildern von 2007 zu sehen ist. Kirmbach ist sogar angeschlagen, Verfahren unmöglich, jetzt nur noch ein kurzer Anstieg, und ab Göttlkofen rollt es bis hinunter an die Isar. Warum Karls Streckenplan immer nur geradeaus zeigt, bleibt sein Geheimnis. Zum Glück bin ich ... ortskundig, biege richtig rechts und dann links ab und bin am Kreisel, wo ich linkerhand zur Raststätte Wörth fahre.

Von Wolfi und Walter nichts zu sehen. Obwohl der Vormittag eine ungewöhnlich Tageszeit für eine warme Mahlzeit ist, bestelle und bekomme ich eine Portion Spaghetti. Es ist meine erste warme Mahlzeit seit zwei? Tagen. Die Frage: "Wie spät ist es?" wird so langsam abgelöst von der Frage "Welchen Tag haben wir denn heute?"

Zurück zum Kreisel und links. Hier haben wohl einige Leute Orientierungsprobleme gehabt? Dabei ist es, ganz seltsam, auf dem Streckenplan korrekt beschrieben. An der nächsten Kreuzung erinnere ich mich, von rechts gekommen zu sein, aber Karl hat den Verlauf etwas geändert, es geht geradeaus, dann rechts über Unter- nach Oberköllnbach. Was bin ich jedesmals in dieser Gegend ziellos umhergeirrt! Mittlerweile bin ich ortskundig und finde auch zwischen Bayerbach und Langenhettenbach die korrekte Strecke, die ich vier Wochen zuvor vergeblich gesucht habe. Wo ich jetzt bin, das sind die "Ackerwellen" bis zur Donau. 80 km ohne eine Getränkestelle. Zum Glück weiß ich, daß ich an der Tanke in Pfaffenberg Wasser bekomme. Und wieder versuche ich vergeblich, den Sinn und Zweck dieser seltsamen Bogenbrücke zu erschlüsseln, die auch auf den Bildern vom 600er zu sehen ist. Im ca. übernächsten Ort geht es auf Kopfsteinpflaster scharf links. Hier zeigt sich wieder einmal ein Lampenhalter als zerrüttet. Allerdings hat dieser hier nie behauptet, aus Edelstahl zu sein. Trotzdem ärgerlich, auf den nächsten drei, vier Orten bis zur Donau beschäftigt mich der Gedanke, wie ich das vor dem Start zur 400 wieder hinbekomme. Am Ende notiere ich mir den Gedanken, dass mit Bindfaden irgendwas provisorisch gehen sollte.

Nach der Donauquerung darf ich den Anstieg nach Bergmatting hochklettern. Es ist mittlerweile schön warm. und genau das wird es mir auch. Die restlichen Kilometer bis zu Petras Garage in Haslach zähle ich gewissermassen einen nach dem anderen runter. In Wörth habe ich mir den Arsch nicht frisch eingeschmiert. Ich kann kaum noch sitzen, aber Wiegetritt ist auch nicht das Wahre, weil sich die Fussballen in der Wärme weit über das Mass hinaus ausdehnen wollen, das die Radschuhe ihnen lassen. Endlich bin ich da, es gibt wieder Spaghetti, danke Petra. Und zu trinken satt.

Zu meiner Überraschung trifft Wolfi ein - war der nicht vor mir? - und ist selber überrascht, denn Walter hat er irgendwo verloren. Der trudelt dann auch noch ein. Ich will es nicht glauben - Wolfi hat sich irgendwo verfahren.

Jetzt sind es "nur" noch 108 km bis ins Ziel. Nach 63 km kann ich in Kinding die Flaschen füllen. Also los. Preisfrage, was ist schwerer zu fahren, wenn man kaum sitzen kann, die Flachstrecke im Tal der Laaber oder der Anstieg hoch nach Haag? Geschmiert habe ich auch bei Petra nicht. Der Anstand ... Abwechselnd sitzend und stehend, im kleinsten Gang, fahre ich eine Steigung hoch, die ich auf gut Glück gewählt habe, und nähere mich in Zeitlupe einem mir nicht bekannten Ort. Es ist aber doch Haag, und nun geht es eine Weile auf der Jurahochfläche dahin bis zur Abfahrt nach Breitenbrunn. Mittlerweile zähle ich die restlichen Anstiege. Der nächste kommt fast unmittelbar und führt nach Dürn. Von Hier geht es hinab nach Staadorf. Ab hier führt uns Karl nicht den 600er, sondern den 400er rückwärts, jedenfalls ungefähr. Die Steigung nach Mallerstetten gehört dazu und die Abfahrt von Kevenhüll nach Beilngries. Aber die "Hochgeschwindigkeitsstrecke" nach Kinding lässt er - natürlich - links liegen, sondern es geht hoch nach Hirschberg wie beim 200er. Die Kontrollfrage wurde aber damals schon aufgebraucht. Dann bin ich in Kinding, wo ich zwar nicht stempeln muss, aber ein letztes Mal meine Flaschen fülle.

Der original 400er wäre kurz hinter Enkering rechts ab über Schafhausen nach Erlingshofen gegangen. Aber Karl hat tatsächlich einen neuen Hügel aufgetrieben. Das Strässchen geht holprig hoch nach Berletzhausen und Niefang. Nach einer Abfahrt bin ich doch in Erlingshofen und muss bei sinkender Sonne den langgezogenen Anstieg nach Altdorf nehmen. Das hätte auch einfacher gehen können. Jetzt bleibe ich aber oben und auf bekannter Streckenführung. Richtig in Zielnähe bin ich aber erst in Schernfeld und kann abzählen: die Kreuzung, Schönau, Bieswang, den Abzweig, Göhren, hinabgerollt nach Geislohe, letzte Welle und dann der Anblick, der Erleichterung auslöst. Es ist 19 Uhr. Essen, Bier, Bier, Duschen. An den nächsten Tag denke ich jetzt nicht. Schliesslich sagt die Bibel, es sei genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe. Sie hat recht.

Heidi verspricht mir, zum nächsten Morgen Worschtkordel zu besorgen. Dann liege ich in meinem Wohnmobilbett. Es ist 20:30 Uhr. Den Wecker stelle ich auf 3:30 Uhr. Jawohl, ich gönne mir auf Brevet den Luxus, sieben Stunden zu schlafen.






Sieben Stunden später.

Frische Klamotten und ein ordentliches Frühstück läuten die 400 km ein. Heidi hat in der Zwischenzeit Bindfaden organisiert - jetzt weiss ich, was noch ins Brevetgepäck gehört - und es gelingt mir, den Scheinwerfer in einem passenden Winkel zu befestigen. Das ist nicht wirklich einfach, denn das Steuerrohr ist in die falsche Richtung geneigt. Ich drehe die Lampe um. An ihrem unteren Rand, der jetzt oben ist, hat sie eine Kante. Die Seite, die jetzt unten ist, drückt sich leicht in den Balg der Frontfederung. Jetzt scheint der Winkel zu stimmen. Nur sollte es nicht regnen, denn der Schalter befindet sich jetzt auf der oberen Seite.

Offenbar hatten noch andere Ranonneure den Gedanken, um halb fünf in den beginnenden Tag zu starten. Zu fünft rollen wir von der alten Schule hinunter zur B2. Franz Zimmermann, der unverwüstliche, ist auch wieder dabei. Ich schliesse mich an, weil ich dem Orakel "Weißenburg durch die Stadt" mit anderen, von denen vielleicht wenigstens einer eine Erinnerung an frühere 1000er behalten hat, eher traue. Allerdings müssen wir, um in die Stadt zu kommen, irgendwo von der neuen B2 runter. Wo?

Wir entscheiden uns auf gut Glück für eine der Ausfahrten (das hätte mich schon warnen sollen) und sind in der Stadt. Schilder weisen uns auf die alte B2 Richtung Ellingen. So weit, so gut. Jetzt haben wir die Gegenrichtung vom 400er wieder, dessen Finale damals geändert wurde. In Ellingen kommen wir an eine Ecke, wo mein Gefühl mich nach links schicken will. Die Meute macht eine Biegung nach rechts und wieder links, und dann sind wir aus Ellingen draussen. Hier war ich jedenfalls noch nicht. Es gibt eine Pinkel- und Beratungspause. "Wenn wir ein Stück weiterfahren, kommen wir wieder zur B2", meint einer. Das ist richtig, und alsbald sind wir wieder auf der Bundesstrasse, auf der trotz der frühen Morgenstunde schon Autos fahren.

Als gleich danach eine Abfahrt "Pleinfeld" anzeigt, habe ich die Faxen dick und kommandiere "rechts!", tatsächlich hört die Saubande auf mich. Bei der Einfahrt nach Pleinfeld sind wir wieder auf der von Karl gewollten Route. Wir finden problemlos Mühlstetten, Georgensgmünd und den Abzweig nach Untersteinbach. Dort fahren wir in Sichtweite der Familie Loy vorbei, die uns auf dem 400er bewirtet hat. Bis hierher haben wir kaum einen Höhenmeter gesehen. Und was sind wir auf dem 400er hügelauf und hügelab gefahren allein von hier nach Ellingen, ohne von der Ludwigshöhe zu reden! Karl kann also auch flach.

In der Zwischenzeit ist einer der Fahrer, dem wir wohl zu langsam sind, vorgefahren. Die drei anderen, die eben noch hinter mir waren, sind auf einmal fort. Auch auf einer längeren Geraden sehe ich sie hinter mir nicht mehr. Wie wenn sie abgebogen wären. Ich habe sie auf der ganzen Strecke nicht mehr gesehen. Den Vordermann treffe ich in Obersteinbach wieder, wo er auf mich wartet. Seine Frage nach dem Verbleib der anderen kann ich allerdings nicht beantworten. Zusammen fahren wir über Dürrenmungenau bis nach Leipersloh und plaudern. Aber unsere Geschwindigkeiten sind letztendlich doch unterschiedlich.

Auf den folgenden zehn km durchquere ich ein Bauernland mit kleinen Dörfern, Feldern und Waldstücken, wo es ständig auf und ab geht, aber tendenziell mehr ab. Dann biege ich auf eine grössere Strasse, die sich nur leicht wellt, und unterquere die B14. Auf einer leichten Kuppe vor Raitersaich ist es auch schon Zeit, nicht nur die Blase zu leeren, sondern auch überflüssige Kleidung auszuziehen bzw. abzustreifen. Der Tag verspricht schon früh, warm zu werden. Er wird sein Versprechen halten.

Bald geht es auf kleinere Strassen und wird wieder hügeliger. An einem der Anstiege, vor Vogtsreichenbach, fahre ich einen Teilnehmer auf. Er möchte ein Stück weiter, in Tuchenbach, einen Bekannten besuchen und vorher in einer Bäckerei Brötchen besorgen. Wir fahren miteinander bis Cadolzburg, wo der Kollege seine Bäckerei findet. Bis zum Sonnenuntergang werde ich keine anderen Kollegen mehr sehen. Mich zieht die Schwerkraft flott durch den Ort, dafür darf ich umgehend wieder steigen. In diesem Rhythmus geht es fort, bis ich nach 104 km Hessdorf erreiche, wo ich nach alter Sitte etwas Nahrhaftes esse, die Blase leere, die Flaschen fülle und die Sitzfläche einschmiere. Die hat sich über Nacht, unter einer dünnen Schicht Ringelblumensalbe, etwas erholen können. Aber nur etwas. Wie neu ist sie nicht.

Es ist kurz vor neun, noch früh am Tag, als ich mich wieder auf den Weg mache. Nach nur wenigen Metern stehe ich an einer T-Einmündung. Wohin? Das Roadbook gibt keine Auskunft. Die örtliche Beschilderung auch nicht. Auf meine Erinnerung kann ich nicht zurückgreifen. Beim 400er habe ich mich kurz vor Hessdorf verfahren und bin aus einer ganz anderen Richtung gekommen. Also muss ich einen Blick auf die Karte werfen und es ist klar: links geht.

Ein Stück weit führt die Strecke zwischen Klebheim und Neuhaus durch Wald, dann bin ich wieder im Freien. Der Wind, gestern und vorgestern noch zum grössten Teil hinderlich, ist bis jetzt mein Freund. Den Radweg nach Adelsdorf kenne ich mittlerweile und finde ohne Probleme durch den Ort. Danach läuft es mit Schwung bis zum Kreisel von Neuses. Zwischendurch habe ich den Übermut, einen linksseitigen Radweg zu benutzen, der ist aber nach wenigen hundert Metern zu ende, also zurück auf die Strasse. Ab Neuses habe ich Seitenwind, der hindert mich aber nicht und im Nu bin ich in Hirscheid.

Da Seigendorf gesperrt ist und Karl die Strecke geändert hat, kann ich nicht nach Erinnerung fahren. Ein Blick auf die Skizze muss her, ehe ich weiss, wie ich hier durchfahren muss. Ursprünglich habe ich mir vorgenommen, hier an der Tankstelle (die heute keine Kontrolle ist) die Flaschen zu füllen. Von Hessdorf bis zum Rasthof Fränkische Schweiz ist es an einem warmen Tag zu weit, um mit zwei Flaschen auszukommen. Selbst von hier aus ist es noch sehr weit, fast 100 km. Deshalb, und weil ich die nächsten Steigungen nicht mit zuviel Ballast fahren will, disponiere ich um. Ich erinnere mich an Ebermannstadt: dort sollte etwas zu Trinken zu bekommen sein.

Bis hierher bin ich sehr flüssig gerollt, auch wenn es streckenweise viele Hügel gegeben hat. Ab hier beginnt der schöne Teil des Brevets. Er startet mit einem Anstieg bis kurz vor Friesen, aber das ist nur ein Vorhügel. Hinab nach Wernsdorf verliere ich die Höhenmeter wieder. So geht es, in insgesamt moderatem Anstieg, bis Zeegendorf. Die Strasse, auf der ich in diesem Ort fahre, hat einen Namen. "Teuchatzer Strasse" steht da. Karls Hinweis "starke Steigung" brauche ich garnicht. Ich ahne auch so, was mir hier blüht.

Ich bin jetzt im Naturpark Veldensteiner Forst. Gleich am Ortsausgang von Zeegendorf begrüsst er mich mit dem Anstieg in Richtung Teuchatz mit bis zu 17 Prozent. Ich bin schon steilere Anstiege gefahren, aber die waren in der Regel kürzer, und ich frischer. Ich fühle mich zwar recht gut, bis auf die Sitzfläche, aber es ist der dritte Tag, das macht sich bemerkbar. Mal im Sitzen, mal im Stehen zwänge ich mich diesen Anstieg hoch und bin froh, als er ein Ende hat. Es ist aber nicht vorüber, nach Oberngrub und Kalteneggolsfeld hin gibt es noch mehrere giftige Gegenanstiege, ehe mich die Abfahrt über zwei Stufen hinab nach Heiligenstadt ins Tal der Leinleiter bringt.

Für einige Kilometer schwingt sich die Strasse mit sanftem Gefälle das Tal hinab. Besorgt beobachte ich einzelne Schauerwolken. Wo kommt der Wind her, werden sie meinen Weg kreuzen, bedrohen sie meine Lampe, deren schwache Stelle nach oben zeigt? Ich ziehe die Luft durch die Nase, bringt sie Feuchtigkeit mit? Nach der nächsten Kurve ist es nur noch warme Schönwetterluft, die ich atme. So wird das noch ein paarmal gegen bis kurz nach Ebermannstadt.

Hier wollte ich Wasser nachtanken, essen muß ich noch nicht. Kurz vor der Ortsmitte halte ich an einer Tankstelle und lasse mir den Schlüssel für den Toilettenraum geben. Aber ich komme unverrichteter Dinge zurück: Das Waschbecken ist so eng, dass ich keine der beiden Flaschen darunterhalten kann. Die Angestellte an der Kasse füllt mir eine Flasche, die leer ist, Die andere, noch zu einem Drittel voll, nehme ich so mit, wie sie ist. Es wird für knappe 60 km reichen. Hoffe ich. Beim Wegfahren entdecke ich einen Rewe-Markt links zwischen Ampel und Wiesent-Brücke. Die Information wird für den Bedarfsfall gespeichert.

Den Hügel nach Pretzfeld kenne ich, nur umgekehrt. Hier kann man fahren, in welche Richtung man will, es geht auf und wieder ab. Danach gibt es eine Streckenänderung. "Ich hab das schönsde Daal in der Frängischen Schweiz gfunden", schwärmte Karl am Start. Dafür hat er Egloffstein und das Trubachtal vom Platz genommen, also muß es wirklich beeindruckend sein. Aber was gleich kommt, ist bestimmt kein Tal. Am Ende von Wannbach zweigt die Strecke links ab und geht für gute 200 Höhenmeter knackig bergan nach Sattelmannsburg/Hardt. Da grosse Teile der Strecke in der Sonne liegen, habe ich hier nicht gefroren. Es folgen noch zwei Gegenanstiege nach kurzen Abfahrten, dann fällt die Strecke sanft ab nach Gößweilstein. Das ist ein ausgesprochener Touristenort, den man am besten schnell durchfährt. Es folgt noch eine kurze, knackige Abfahrt, vor der Karl eindringlich gewarnt hat. Wenn man aber nicht gerade den Verstand abschaltet, stellt sie kein Problem dar.

Unter geht es links und wieder rechts, und dann fährt man lange ein Tal entlang. Es ist das der Wiesent, und ich frage mich, an diesem kleinen Fluß war ich doch vorhin gerade? Aber so ist das bei Karl, warum einfach, wenn es auch schön und mit Höhenmetern geht. Aber auch diese Fahrt am Fluß entlang hat seinen Reiz. Obwohl es kontinuierlich leich bergauf geht und mehr als zehn Kilometer weit kein Ort kommt, wird mir nicht langweilig. Zeitweilig sind Wanderpaddler auf der Wiesent zu sehen. Ein leichter Schiebewind trägt mich, wie es scheint, im Nu Waischenfeld entgegen. Es ist warm. Alle paar Kilometer nippe ich an meiner letzten Flasche.

Nun geht es über einen kurzen Anstieg und hinab ins Ahorntal. Nach zwei Ortschaften zweigt die Strecke ansteigend nach Adlitz. Ach ja, ich habe mich schon lange nicht mehr verfahren. Auf den Hohenmirsberg soll es gehen, einen Aussichtsberg. Mitten im kleinen Ort Adlitz macht das, was die Hauptstraße zu sein scheint, einen scharfen Schwenk nach rechts. Geradeaus gibt es ein kurzes Gefälle. Wohin? Eine ältere Anwohnerin weist mich nach rechts. Klar, bei Karl geht es immer nach oben.

Schnell wird mir klar, daß die Alte nicht zurechnungsfähig sein konnte. Die Strasse wird schmal und so extrem steil, daß ich schieben muss. Weiter oben trifft sie den Radweg zum Hohenmirsberg. Es ist ein Naturweg, also bin ich mal wieder falsch. Ich folge aber der Beschilderung zum Aussichtsberg, weil ich nicht wieder herunterkann. Den Ort Hohenmirsberg erreiche ich aus der falschen Richtung und frage mich durch nach Püttlach. "Abzweig kein Schild" schreibt Karl - wie durch ein Wunder biege ich sogar mehrfach richtig ab und erreiche das Ortsende. "Nach Oberhaunstein" sagt die Ortstafel, das ist richtig, denn nach drei Kilometern soll ich in diese Richtung fahren und nach weiteren drei Kilometern links abbiegen Richtung Pegnitz. Tatsächlich erreiche ich drei Kilometer hinter Püttlach ein T. Dass das bei Karl immer kritische Stellen sind, sollte ich wissen. Links geht es nach Pegnitz. Rechts liegen drei Häuser in Sichtweite, Oberhaunstein. In diese Richtung fahre ich weisungsgemäß. Es kann ja einen weiteren Abweig nach Pegnitz geben.

Gibt es aber nicht. Es geht zwei Kilometer berghoch und dann in einen unbekannten, kleinen Ort hinein. Hier geht nichts Richtung Pegnitz. Karls Entfernungsangaben sind aus dem Leim. Knurrend drehe ich um, den Berg hoch und die Abfahrt hinab, und nun in die andere Richtung, wo "Pegnitz" steht. Tatsächlich bleibt Kosbrunn links. Dafür, daß ich auf die Strecke zurückgefunden habe, werde ich mit weiteren 150 Höhenmetern belohnt. Dann kreuzt die Straße die Autobahn. Auf der "falschen"Seite geht ein Fahrweg etwa 900 Meter weit an der Autobahn entlang. Dann kann ich die Autobahn unterqueren und biege in die Zufahrt zum Motel ein.

Die Chefin kennt mich noch vom 400er und füllt meine Flaschen. Die erste Flasche bringt sie einzeln zurück und als sie nur Sekunden später die zweite bringt, macht sie große Augen, denn die erste Flasche ist inzwischen wieder leer ... so, jetzt kann ich eine Portion Nudeln und einen Liter Cola locker wegstecken. Angst, daß ich davon zunehme, habe ich keine. Draussen steht eine Familie um mein Rad. "Ui, der ist schnell, der fährt damit auf der Autobahn." Noch knapp 200 km sind zu fahren.

Der nächste Abschnitt rollt vergleichsweise gut bis Bernheck. Im Vergleich zum 400er hat Karl eine kleine Änderung eingebaut und lässt uns ab hier über Krottensee nach Königstein fahren. Von Kürmreuth aus geht es nach un Richtung Edelsfeld, bis dahin habe ich alle verlorenen Höhenmeter wieder hereingeholt. In Weißenberg soll ich rechts nach Schönlind fahren, die Schilder weisen mich aber geradeaus ... egal wie, ich komme hin und fahre über die Ortschaften nach Hahnbach, wo ich beim 400er die Morgendämmerung erlebt habe. Die beiden Stadttore grüßen mich wie alte Bekannte. Anstatt über die Hauptstraße, wie damals, fahre ich nach Kümmersbuch und hoffe, diesmal den Vilsradweg zu finden. Aber irgendwie ist die Gegend verhext. Ich überfahre anscheinend den linken Abzweig und fahre, bis ich auf eine Straße stosse. Ich biege links ab, bin aber schon zu weit nach Westen geraten und muss noch einmal links abbiegen, um nach Altmannshof zu kommen. Aber dann finde ich doch die Richtung nach Poppenricht.

Poppenricht !!! Was bin ich da beim 400er kreuz und quer rumgefahren. Immerhin hat das zur Folge, daß ich jetzt weiß, wo die Häringloher Straße ist. Darum finde ich auch die Karmensöldner Straße und den Fichtenhof. Jetzt weiß ich auch, wie ich in Ammerthal hätte fahren sollen. Aber nun gibt es ein neues Problem: War beim 400er die Streckenführung durch den Ort - immer aufwärts - noch klar gewesen, ist das jetzt beim Abwärtsfahren nicht so: es gibt unzählige Verzweigungen, die alle bergab führen. Ich treffe auf die Querstraße, jedoch nicht da, wo es geradeaus nach Kotzheim weitergeht, sondern an einer anderen Stelle. Ich muß erst suchen, ehe ich weitere 150 Höhenmeter in Angriff nehmen darf, die mich über Kotzheim hinaus unter der Autobahn durchführen.

Nachdem ich mich oben finde, hat sich die Sonne sehr dem Horizont genähert. Für wenige Kilometer fahre ich ihr fast direkt entgegen, auf den Ort Augsberg zu und hindurch. Schattige Passagen wechseln sich häufig ab mit solchen, wo ich direkt in die sinkende Sonne schaue. Ich fühle mich sehr unwohl, zum Glück herrscht praktisch kein Verkehr und beim Einbiegen in die Zufahrt zur Autobahnraststätte Oberpfälzer Wald sehe ich die ersten Randonneure seit Cadolzburg am Morgen: Wolfi und Walter, die sich gerade aufmachen. Kurze aber herzliche Begrüßung: "Du wirst uns schon einholen!" Dazu wird as aber nicht kommen, denn ich werde mich hier fast eine halbe Stunde aufhalten, die hole ich nicht ein. Flaschen füllen, wieder ist ein Nudelessen und ein weiterer Liter Cola fällig. Ich telefoniere mit meiner Frau und sage ihr, daß alles in Ordnung ist und ich noch 122 km zu fahren habe. "Dann bist Du ja um Mitternacht im Ziel!" meint sie. ??? Ich schaue noch mal auf die Uhr, es geht auf halb neun. Was hat die Frau für Vorstellungen? Wie einigen uns darauf, daß ich bis gegen drei drin sein müsste.

Nun muss ich aber wirklich weiter. Zwei volle Flaschen. In Kinding werde ich nicht auffüllen können, aber in der Nacht wird es reichen, da ist der Verbrauch gering. Zunächst geht es parallel zur Autobahn immer leicht hoch. Dann links und abwärts, immer abwärts durch Leinhof und Betzenberg (sympathischer Name) bis hinunter nach Kastl. Den Marksplatz erkenne ich wieder und fahre ohne Probleme bis an die Bundesstrasse und dann Richtung Utzenhofen. Das heftige Auf und ab hat sich seit dem 400er nicht geändert, aber es scheint in der heutigen Richtung einfacher zu sein. Dann Utzenhofen hinaus, links ab und durch Mühlhausen. Der Versuchung, direkt nach Bernla zu fahren, habe ich tapfer widerstanden. Es ist noch Tageslicht, also kann ich in Mühlhausen die Steigung in Richtung Freischweibach suchen. Das gelingt. Hier war die Stelle, wo ich damals beim 400er auf Antonio getroffen bin. Auf der Kuppe halte ich an. Die Blase meldet sich, und es ist Zeit, daß ich mich nachtfertig mache. Die 14%-Abfahrt nach Freischweibach fahre ich bei noch ausreichendem Restlicht. Das war mein Zwischenziel. Das habe ich mir schon auf dem 400er ausgerechnet, daß das machbar sein müsste, und habe es, nach nicht ganz 1000 km, fast auf die Minute getroffen. Ab hier gibt es keine steilen Abfahrten und keine Orientierungsprobleme mehr, Dinge, die ich besonders in der Dunkelheit nicht mag.

Bei Bernla biege ich nach Albertshofen und stelle fest, daß der Weg noch immer grottenschlecht ist. Dann rechts, hoch zur Hauptstrasse und abwärts, durch Kirchenwinn und Reichertswinn bis nach Velburg, das ich durchquere. Den letzten Schimmer Tageslicht habe ich derweil stets hinter mir. Das ist aber korrekt, ich fahre nach Süden und sogar ein wenig nach Südosten. In Velburg ist es komplett dunkel. Ich kann jetzt auch feststellen, daß der Lichtkegel meiner mit Bindfäden festgezurrten Lampe die Strasse richtig trifft. Dazu war es beim Start heute früh schon nicht mehr dunkel genug gewesen.

Jetzt drehe ich in westliche Richtung ein und komme nach Hollerstetten. Die Strasse steigt aus dem Ort hinaus. Nach langen Kilometern quere ich die B8 und dann geht es Kilometer um Kilometer mehr oder weniger bergab. Zumindest hoffe ich es, denn auf dem 400er ist es hier immer nur aufwärts gegangen. So ist es auch, ich kann eine halbe Ewigkeit rollen bis Holnstein. Hier verlasse ich den 400er. Die Reststrecke geht exakt dem Anfang des 600er Brevets entgegen. Das Flachstück von Beilngries nach Kinding brauche ich mir folglich nicht anzutun. Danke Karl. (Logisch. Nach 1000 km ist nicht vorherzusagen, wer um welche Tages- oder Nachtzeit diese unter Umständen stark befahrene Strasse erreicht. Also nicht missverstehen ...)

Das bedeutet, daß eine kräftige Steigung aus Holnstein herausführt. Oben muss ich stark aufpassen, den Abzweig in Richtung Berching nicht zu verpassen. Nur ein kurzes Stück geht es auf der nächtlichen Jurahochfläche dahin, dann hinab nach Berching an den Main-Donau-Kanal. Vom 600er habe ich in Gegenrichtung eine knackige Abfahrt in Erinnerung. Das kann ja noch lustig werden.

Das grösste Hindernis ist aber zunächst ein Knäuel von Autos, die alle zugleich ihre Parkplätze verlassen wollen. Hier ist offenbar eine Veranstaltung gerade zu Ende gegangen. Ich habe aber nicht herausfinden können, was es war. Mit 14% geht die Strasse hoch nach Wirbertshofen. Viele Autos überholen, die von Berching aus in diese Richtung heimfahren. Oben verteilt sich der Verkehr ein wenig, die meisten Autos biegen rechts ab. Ich bin nun wieder auf der Hochfläche. Einmal geht es noch kurz und heftig in ein Loch hinunter und ebenso auf der anderen Seite wieder hinaus. Es muss nun etwa Mitternacht sein. Über Litterzhofen, wo ich noch einmal kurz über die richtige Abzweigung unsicher bin, geht es über Wiesenhofen nach Haunstetten und die kurvige Abfahrt nach Kinding. Die bekannte Tankstelle ist seit über zwei Stunden geschlossen, ich schreibe mir selbst die Passage in das Roadbook. Es ist Sonntag 0:35 Uhr. Wasser habe ich noch genug und essen muss ich auch nicht. Jetzt brauche ich nur noch nach Osterdorf hochzufahren.

Kurz nach Enkering beginnt dann auch der Anstieg, den ich mich geduldig hochschraube, eine Kurbelumdrehung nach der anderen, bis ich in Pfahldorf bin. Weiter geht die Fahrt, zwischendurch noch einmal kräftig abwärts, und dann wieder einen Kilometer lang mit 10% aufwärts. Dann sind aber nur noch Wellen auf der Hochfläche zu fahren. Die nächste Übung besteht darin, den Abzweig rechts und danach am Wasserturm links richtig zu finden. In der Nacht sind selbst Wassertürme abseits der Straße kaum zu sehen. Aber es gelingt, wenige Kilometer später quere ich die B13 per Kreisverkehr und weiß, daß ich richtig bin.

Dann will ich aber doch fast zweifeln. Ich passiere die Stelle, wo ich gestern? nein, vorgestern! von Sappenfeld her eingebogen bin, aber Schernfeld will und will nicht kommen. Endlich sehe ich den Kreisel am Ortseingang. Nachts wird man doch wirklich sehr langsam.

Nun kann ich wieder die bekannten Landmarken herunterzählen: An der Kreuzung rechts - Schönau - Bieswang, rechts - nochmal rechts, dann den Abzweig nach Göhren - in Göhren rechts - Abfahrt nach Geislohe - letzte Welle. Den Anblick, der beim 1000er Erleichterung auslöst, sehe ich erwartungsgemäss nicht. Über die Kuppe rollend, sehe ich überhaupt nichts. Aber ich weiß schon vom 300er her, daß Osterdorf um diese Zeit in komplettes Dunkel gehüllt ist. Erst am Ortsschild sehe ich, daß ich wieder daheim bin. Es ist zehn Minuten vor drei am Sonntag früh, als ich nach offiziell 1.056,6 km vor der alten Schule ausrolle. Aber diese Zahl nehme ich als solche nicht wahr. Ich bin ja eigentlich nur einen 600er und dann noch einen 400er gefahren. Aber mein Ar*** fühlt sich an, als wenns ein Tausender gewesen wäre.
 

Manfred Kiesel

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