RTF, Radmarathon, Pässe und mehr

Wir, das sind Astrid und Hermann, haben uns 1999 auf eine RTF  kennen gelernt.

 Astrid lebte in Berlin und hatte sich dem Ausdauersport verschrieben. Volks-, Marathon- und Ultraläufe sind ihre Leidenschaft. Distanzen bis zu 100 Kilometer hat sie dabei Nonstop zurückgelegt. 1997 nachdem die ersten Gelenkprobleme bei ihr auftraten, sah sie sich nach einer Alternative zum Laufen um. Im Radsport wurde sie fündig. Nachdem die ersten Kilometer mit dem Rennrad gefahren waren, wuchs die Lust auf mehr. Fast zufällig bekam sie ersten Kontakt zur Berliner RTF-Szene.

Die Fahrten im geschlossenen Verband wie in Berlin bei vielen RTF’ üblich, gefielen ihr gut. Schon im darauf folgenden Jahr (1999) war es für sie an der Zeit, den Berliner Punkterekord, (in Berlin zählen alle Wertungsfahrten die im Breitensportkalender ausgeschrieben sind), er stand damals auf kurz unter 500 Punkte, anzugreifen. Zuerst mit einem Mitstreiter aus der RTF Szene und mit einem Wohnmobil. Ab Mai dann aber alleine nur mit einem kleinen Zelt, zog sie die ganze Saison, von RTF-Startort zu RTF-Startort. In der Woche wurde täglich eine Permanente gefahren.

So war sie die erste Frau die in Berlin den Punkterekord über 500 trieb. Mit 526 Punkte und 19800 Kilometer wurde sie 1999, überlegene Siegerin der Berliner RTF-Wertung.  


Astrid bei ihren Punkterekord mit dem Rad on Tour



Bei einer dieser Touren, die Veranstaltung fand in Waltrop statt, kam es wie es kommen musste.  Wir liefen (fuhren) uns über dem Weg. 

Auch ich war zu dieser Zeit ein RTF- Vielfahrer. Die 200 Punkte die zu diesem Zeitpunkt auf meiner Wertungskarte standen, waren nur ein Bruchteil von ihrem Punktestand.  

Zum Radfahren bin ich nur durch Zufall gekommen.

Nach 20 Jahren bewegungsarmen Leben mit einem Zigarettenkonsum von über 40 Stück am Tag, wurde ich eines Tages, von einem Arbeitskollegen  zu einer Radtour überredet. Er Radfahrer und ich Sitz- und Denksportler (Kreuzworträtsel und so). Er mit seinen neuen 27 Gang  Treckingrad und ich mit geliehenem Hollandrad.
Das ging natürlich nicht gut.  Schon an dem ersten kleinen Hügel, ich rang nach Luft und er wollte sich locker unterhalten, bat ich um eine langsamere Weiterfahrt. Dies ließ mich natürlich nachdenklich werden, so konnte es nicht weiter gehen.  Flugs wurde ein neuer Termin ausgemacht und die Touren machten mir immer mehr Spaß. Bis 160 Kilometer wurden sie ausgedehnt, natürlich mit selbst gemachten Kartoffelsalat und Würstchen im Gepäck.

Mein Trainingszustand verbesserte sich von Fahrt zu Fahrt. Und schnell war das Hollandrad nicht mehr das richtige Gefährt. Ein gebrauchtes Sportrad mit 10 Gängen wurde für die nächsten 1 ½ Jahre mein Begleiter. Im Juni 1994 stand meine erste Mehrtagestour (Weserfernradweg) an. Nach immer mehr Radlust wollte ich endlich ein neues Rad haben. An ein Rennrad, und das in meinem Alter (45) hatte ich noch nicht gedacht. Also wurden das nächste Jahr auf einem 24 Gang Maxcycle gefahren. Irgendwann folgte dann der erste Tacho und ich wurde geschwindigkeitssüchtig. Berge fahren hasste ich zu der Zeit noch. Mit einem  Liegelenker  ging der Schnitt aber schon mal über 30 Km/h.

Nur durch Zufall erfuhr ich, dass der örtliche Radsportverein, eine RTF austrug. Am Start war ich völlig von den Socken. Über 1000 Starter tummelten sich am Startort. Na, die 151 Kilometer schienen mir zu lang, aber 111 sollten es schon sein. Schon nach kurzer Zeit konnte ich der einen oder anderen Gruppe nicht folgen. So legte ich, da wo es schön war, zusätzliche Pausen ein.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht dass diese RTF’ s von fast allen Radsportvereinen durchgeführt wurden. So freute ich mich schon auf das nächste Jahr, hier würde ich wieder gerne mitfahren. Zufällig fiel mir aber noch im Ziel das NRW-Monatsheft in die Hände. Aber die angegebenen Touren hätte ich alle mit dem Auto anfahren müssen. Um 111 Kilometer mit dem Rad zu fahren über 100 Kilometer mit dem Auto anfahren, das wollte ich nicht.

So legte ich erst einmal das Heft zur Seite. Aber der Gedanke an die vielen Radler auf der Strecke ließ mich nicht mehr ruhen. Schon nach 2 Wochen hielt ich es nicht mehr aus und packte am Samstagmorgen  mein Rad ins Auto und fuhr dem nächstgelegenen Startort entgegen.

Auch mein Sohn zeigte nun Interesse am radeln und schaffte sich ein Mountainbike an. Zusammen machte das Radeln mehr spaß und auch er entwickelte sich immer weiter. Die nächsten RTF's wurden nun zusammen gefahren und er war schnell mit dem Mountainbike unzufrieden und legte sich ein Rennrad zu.

Die Mitgliedschaft im RSG Herne war nun fast unumgänglich. Zumal der Verein gerade seine Vereinsmeisterschaften austrug. Mein Sohn beantragte eine Rennlizenz und tummelte sich eine Zeit lang in der C-Klasse.


Ich brachte es in meinem ersten RTF-Jahr auf 60 Punkte. Die von den Vereinskollegen erfahrenen Punkte und Kilometer ließen mich nur staunen. Im folgendem Jahr (1996), ich fuhr jetzt schon fast an jedem Wochenende, kaufte ich mir das erste gebrauchte Rennrad. Es war ein Bottechia mit Lenkergriffschaltung. (Ergopower).

In diesem Jahr machte ich dann auch meine erste Gewalttour.  Herne –Passau in 2 Tagen. Das hieß 340 Kilometer pro Tag, für mich im Vorfeld unvorstellbar. Aber es ging alles gut, an einem Hügeln musste ich zwar absteigen und schieben, aber ich kam gut an. Im September 1996 lernte ich dann Andreas, einen Radfahrer vom Nachbarverein Pfeil Bochum kennen. Er überredete mich im nächsten Jahr am Ötztaler teilzunehmen.


Trotz einer guten Vorbereitung kam solch eine schwere Tour für mich viel zu früh. Oben auf dem Jaufenpass wollte ich nicht mehr. Das Kühtei, solch einen Anstieg hatte ich vorher noch nie gefahren und der Jaufenpass ließen mich schier verzweifeln. Ich lag zwar gut in der Zeit aber ich wollte mich nicht weiter Quälen. Ich beobachtete wir der Sevicewagen mit Fahrrädern beladen wurde. Alle von denen die aufgegeben hatten. Erst 1 dann 2 dann 5. und wenn ich jetzt nicht auf  Zack bin dann komm ich nicht mehr mit, dachte ich. Also nichts wie hin, das Rad oben angegeben und ich saß im Auto. Im Ziel war ich dann doch ein wenig deprimiert. Andreas hatte die Tour gut geschafft und war stolz auf sich. Konnte er auch, ich war eben ein Weichei.

1998 lag meine Punkteausbeutung bei den RTF’s schon bei 170 und das bei vornämlich hügeligen Touren. Die Kondition wurde immer besser. 1999 das Jahr in dem ich Astrid kennen lernte, kam ich dann schon auf 226 Punkte und wurde Vereinsmeister und Sieger in der Bezirkswertung. Im Dezember zog ich nun mit Astrid zusammen und nun gab es kein halten mehr. Rad-, Rad- und nochmals Radfahren standen auf unserem Programm. Nun zu zweit und die Zeit der einsamen Trainingsfahrten war vorbei.


in der Auffahrt zum Stilfser Joch



Die folgenden Jahre tummelten wir uns in der RTF-Szene, wobei der Höhepunkt bestimmt unser Radmarathonjahr 2002 war. Fast jedes Wochenende wurde 2 Radmarathon gefahren. In dieser Zeit machten wir auch Bekanntschaft mit der Brevet-Szene. Nach einigen Teilnahmen an Kurzstrecken, mir gefiel das Ganze nicht, hatte Astrid jedoch "Blut geleckt".

Die für mich, unvorstellbaren Distanzen von 600 und über 1000 Kilometer waren ihr Ding. Von einer Teilnahme an Paris-Brest-Paris, war sie nun nicht mehr abzuhalten. Obwohl ihr , durch meine Schusseligkeit, ein paar Stempel in der Qualifikation fehlten, brach sie 2003 nach Paris auf und bewältigte die Strecke, ohne die Kontrollen aufzusuchen, in unter 70 Stunden.

Aber alles hat irgendwann einmal ein Ende, so auch mein Arbeitsleben. Nachdem ich 2007 meinen vorgezogenen Ruhestand antrat, war natürlich erst einmal Reisen angesagt. Denn Zeit hatten wir nun genug. Mit Wohnmobil und Rennrad, nahmen wir nun in den schönsten Gebirgen Europas, die Passstraßen unter die Räder.


kurz vor Cime de la Bonette (2802 m)


Aber auch dem Ruhrgebiet sagten wir 2008 adieu. Im Hohen Vogelsberg fanden wir ein neues Zuhause. Wir kannten die Gegend in Hessens Mitte von unseren Teilnahmen am Hessen-Cup. Verwöhnt durch die schönsten Radtouren in Frankreich und Italien, die fast immer auf verkehrsarme Straßen stattfanden und den Radtouren im Hohen Vogelsberg, sie verlaufen fast autofrei, tun wir uns mit Teilnahmen an RTFs und Radmarathons, zur Zeit schwer. Das soll aber nicht heißen, dass wir der Szene abgeschworen haben.

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